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Dank einer einfachen Nummer konnte sich ein belgisches Auktionshaus dieses Jahr ohne Spezialkenntnisse oder forensische Test sicher sein: Es war mit Sicherheit eine Fälschung, die da vor ihnen lag. Das stand nach kurzem Kontakt mit Gerhard Richters Archiv in Dresden fest. Die Nummer auf der Rückseite des Werkes war zwar vergeben, aber für ein Werk in einer anderen Größe.
Indem Richter seine Werke nach einem bestimmten System nummeriert beugt er Fälschungen vor. Gleichzeitig kann er damit aber auch in einem Markt bestehen, der in den letzten Jahren von exorbitanten Preisen und Anforderungen an Echtheitsgutachten geprägt worden ist. Ob Warhol, Pollock oder Basquiat, überall wimmelt es von Fälschungen. Richter selbst könnte seine eigene Arbeit nicht fälschen, so transparent ist sein System, sagt der Kurator, Schriftsteller und Kunsthändler Kenny Schachter der "Polke/Richter Richter/Polke" bei Christie's Mayfair organisiert hatte.
Der ehemalige Kollege Richters, Sigmar Polke hingegen hat eine etwas lockere Herangehensweise. Polke, der 2010 starb, hinterließ keinen einzigen catalogue raisonné und es sind ein paar Fälschungen seiner Werke auf dem Markt gewesen. Ähnliches passierte mit den Werken Jörg Immendorff's: Fälschungen tauchten schon zu Lebzeiten des Künstlers in Auktionen auf und in den letzten Lebensjahren Immendorff's hatte schon niemand mehr genauen Überblick was alles in einen catalogue raisonné gehören würde.
Richters Arbeit hat es sowohl in die Museumssammlungen dieser Welt und auf dem freien Markt geschafft. Seit 2006 existiert Richters Archiv in Dresden und hat mit Hatje Cantz einen sechsbändigen catalogue raisonné der nummerierten Werke herausgegeben. Vorläufige catalogue raisonné waren von Richter selbst im Jahr 1986 und 1993 erstellt worden. Die Rolle des Archivs macht sich in Richters Erfolg bemerkbar, da Sammler gerne in eine sichere Sache investieren.

 

Gerhard Richter, Tisch, 1962

 

Richter fing 1962 an seine Gemälde und Skulpturen zu nummerieren nach dem er nach Westdeutschland gezogen war. Das Gemälde Tisch erhielt die Nummer 1 und schuf so einen klaren Unterschied zwischen den Werken, die er in der DDR erstellt hatte und jenen, die nun kommen sollten. Eine Ausnahme stellt seine „Elbe" Serie aus dem Jahr 1957 dar, die im Jahr 2002 zu seiner Liste authorisierter Werke hinzugefügt wurde.
Während Richters Nummern seine Distanz zur DDR markieren, fing der Kunsthändler Gerd Harry Lybke der Galerie Eigen+Art von Anbeginn seiner Galeristentätigkeit in Leipzig 1983 die Arbeit seiner Künstler in einem Archiv fest: Lybke wollte sicher sein, dass die Arbeit seiner Künstler bei einem eventuellen plötzlichen Aufbruch nicht verloren ging.
Zeichnungen, Aquarelle und Editionen hat Richter aus dem Nummerierungssystem herausgelassen. Sie sind aber Teil unabhängig publizierter catalogue raisonnés der letzten Jahre. Information zu seinen übermalten Fotografien wird derzeit für eine Publikation zusammengestellt welche 2015 erscheinen soll. Die Forschung hierfür wird von einem Team zusammengestellt, welches auch hinter Richters offizieller Webseite steht, auf der eine Online Database alle öffentlich zugängliche Information zur Arbeit des Künstlers zusammenfasst.
Hans Ulrich Obrist der die Richter Ausstellung in der Fondation Beyeler in Basel dieses Jahr erstellt hat, in der hunderte Werke aus Richters 60 Jahren Arbeit zu sehen sind, meint dass das akribische System des Künstlers von der Begabung Richters als Herausgeber herrührt. Ein Werk wird erst im catalogue raisonné aufgenommen, wenn sich der Künstler absolut und hundertprozentig sicher ist. Wenn die Werke Richter's Studio verlassen, sind sie wie großgewordene Kinder, die nun ihr eigenes Leben führen wollen. Es sind dennoch authentische Werke im Umlauf, die Richter nicht nummeriert hat. Diese sind vom Dresdener Archiv mit einem Zertifikat als Authentisch gekennzeichnet worden, ihnen fehlt aber eine Nummer, einfach weil der Künstler nicht mit ihrer Qualität zufrieden war.

 

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Richter Retrospektive in der Fondation Beyeler in Basel. Die Retrospektive ist noch bis zum 7 September zu sehen.

So geht es Richter wohl nicht nur um Authentizität in einem Zeitalter in dem die Meinungen zu diesem Kriterium immer weiter auseinandergehen. Was aber jeden überzeugen sollte ist, dass Richter mit unterschiedlichen Nummern und Zertifikatlösungen eine retrospektive Bewertung seines Oeuvre vornimmt und somit seine Arbeit ehrlich gegenüber der Öffentlichkeit reflektiert.

 

 

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