Claude Lalanne | Foto: ©Fondation d'entreprise Ricard Claude Lalanne | Foto: ©Fondation d'entreprise Ricard

Mit Infragestellungen, Forderungen und öffentlichen Anklagen versuchen feministische Kollektive überall auf der Welt, schon lange überfällige Veränderungen herbeizuführen. Eine gewisse "Trägheit" wird nicht länger toleriert, stattdessen wird mit Zahlen und Fakten aufgedeckt, das die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern auf dem Arbeitsmarkt noch lange nicht überwunden ist. Es geht um ungleiche Bezahlung, den Zugang zu Führungspositionen sowie das bisweilen inakzeptable Verhalten einiger männlichen Kollegen.

Die 2017 veröffentlichte Studie Is Gender in the Eye of Beholder ? Identifying Cultural Attitudes with Art Auction Prices untersuchte zu diesem Thema die Zahlen auf dem Auktionsmarkt und die generelle öffentliche Wahrnehmung von Frauen in der Kunst.

Besucher vor einem Gemälde von Sonia Delaunay | Foto via Canalblog Besucher vor einem Gemälde von Sonia Delaunay | Foto via Canalblog

Am offensichtlichsten ist wohl die Tatsache, dass Frauen im allgemeinen weniger verdienen, als Männer. Und das ist auf dem Kunstmarkt nicht anders. Auch unter den Auktionsergebnissen wird ein sehr konstanter Preisunterschied zwischen der Kunst von Männern und der Kunst von Frauen deutlich.

Die Studie konzentriert sich hauptsächlich auf den Sekundärmarkt, also den Markt, auf dem Künstlerinnen und Künstler keine aktive Rolle spielen. Analysiert wurden 1,5 Millionen Auktionsverkäufe, die sich über einen Zeitraum von 43 Jahren in 45 Ländern mit den Werken von 62.442 einzelnen Künstlern abgespielt haben. Festgestellt wurde ein erheblicher Preisunterschied zwischen männlicher und weiblicher Kunst. Tatsächlich liegt der Preisunterschied bei 47,6%.

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Noch immer werden Theorien verbreitet, dieser Unterschied habe "biologische" Ursachen, die es Frauen unmöglich machen sollen, qualitativ hochwertige Kunst zu schaffen. Diese Theorien sind nicht nur fabelhaft archaisch, sondern entbehren auch jeder wissenschaftlichen Grundlage. Es ist einfach nicht möglich zu beweisen, dass Frauen nicht in der Lage sind, visuell ansprechende Kunst zu schaffen.

Wieder andere behaupten, dass die Stile und Themen, die Künstlerinnen wählen, für "große Sammler" weniger ansprechend seien - diese "großen Sammler" sind übrigens meist männlich.

Der flämischen Malerin Catarina van Hemessen verdanken wir das erste Selbstbildnis eines Malers von seiner Staffelei. Gemalt hat sie es 1548 | Abb. via Wikipedia Der flämischen Malerin Catarina van Hemessen verdanken wir das erste Selbstbildnis eines Malers von seiner Staffelei. Gemalt hat sie es 1548 | Abb. via Wikipedia

In dem 1971 veröffentlichten ArtikeWhy Have There Been No Great Female Artists? von Linda Nochlin, beschäftigte sich die Autorin mit eben dieser Theorie. Sie kommt zu dem Schluss, dass es kein "weibliches Charakteristikum" gäbe, das die Werke von Künstlerinnen miteinander verbindet, sondern das ihre Kunst viel stärker mit der ihrer männlichen Kollegen verbunden sei.

Forscher haben bestätigt, das die Teilnehmer der oben genannten Studie nicht in der Lage gewesen waren, durch bloßes Betrachten eines Gemäldes zu sagen, ob es von einem Mann oder einer Frau gemalt wurde. Es machten sich jedoch variierende Präferenzen bemerkbar, sobald das Geschlecht bekannt wurde. Mit anderen Worten, nämlich jenen, die der Autor Greg Allen in einem Artikel von 2005 verwendete: "weibliche Kunst scheint sich zu einem niedrigeren Preis zu verkaufen, weil die von Frauen gemacht wird".

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Die Preisdifferenz beruht demnach auf einem kulturellen Effekt und auf sozialen Stereotypen, mit denen Frauen nach wie vor konfrontiert werden.

Gemäß der 2015 vom Kunstkritiker Jerry Saltz geäußerten Ansicht "denkt keine intelligente Person, dass Kunst durch eine Linse bewundert werden sollte, die sie in zwei Geschlechter trennt oder sie in eine Kategorie namens "weibliche Kunst" einteilt." eine Aussage voller guter Absichten, die sich jedoch nur schwer im kollektiven Gedächtnis verankern lässt.

Auktionsrekorde

Allein die Ankündigung des Verkaufs eines großen Meisterwerkes reicht aus, um das gesteigerte Interesse bei Sammlern zu wecken. Die zu erwartenden Endpreise werden von einflussreichen Magazinen und Zeitungen im Vorfeld einer Auktion bereits so sehr in die Höhe getrieben, dass viele Gemälde mit einem Schätzpreis im Auktionssaal erscheinen, der einem Griff nach den Sternen gleicht. Wie häufig Picasso, Warhol, Munch oder Modigliani Spitzenpreise erzielt und Auktionsrekorde gebrochen haben, können wir an dieser Stelle gar nicht aufzählen. Es geht dabei um Hunderte von Millionen für Meisterwerke, die an der  Spitze der Charts stehen. Als Barnebys nach den 10 teuersten Künstlerinnen auf dem Auktionsmarkt suchte, gestaltete sich die Suche wesentlich schwieriger.

Für die Top 3 der teuersten Gemälde, die von da Vinci, Picasso und Modigliani gemalt worden waren, wurden 450 Millionen, 179 Millionen und 170 Millionen USD gezahlt.

Léonard de Vinci "Salvator Mundi", Pablo Picasso "Les femmes d'Alger (Version 'O')", Amedeo Modigliani "Nu couché" | Fotos: ©Christie's Léonard de Vinci "Salvator Mundi", Pablo Picasso "Les femmes d'Alger (Version 'O')", Amedeo Modigliani "Nu couché" | Fotos: ©Christie's

Folgt man Barnebys' Datenbank, die fast 74,2 Millionen realisierte Preise anzeigt, ist das erste Werk, das von einer Künstlerin gemalt wurde, erst auf Platz 96 zu finden, gleich hinter einigen Diamanten, die in Genf versteigert wurden. Es handelt sich um Jimson Weed/White Flower No. 1 von Georgia O'Keffee, das 2014 bei Sotheby's verkauft worden war.

Georgia O'Keffee, Jimson Weed/White Flower No.1 | Abb.: ©Sotheby's Georgia O'Keffee, Jimson Weed/White Flower No.1 | Abb.: ©Sotheby's

Im Vergleich zu den Werken ihrer männlichen Kollegen, sehen die 44,4 Millionen USD, die für Jimson Weed/White Flower No. 1 beinahe schon lächerlich aus. Noch dramatischer wird es allerdings, wenn man nach den nächst teuersten Werken von Künstlerinnen sucht.

Die nächste ist nämlich erst auf Platz 271 zu finden. Louise Bourgeois' monumentale Spinnen-Skulptur darf sich die Silbermedaille umhängen. Der erzielte Preis von 28,2 Millionen USD ist dabei schon deutlich niedriger als der, der für O'Keffees Werk gezahlt wurde.

Louise Bourgeois, Araignée | Foto: ©Christie's Louise Bourgeois, Araignée | Foto: ©Christie's

Zwei weitere große Sprünge müssen zum dritten Platz der Künstlerinnen-Top 3 bewältigt werden - sowohl was den Preis als auch die Platzierung in der Endpreisdatenbank betrifft. Dort ist Joan Mitchell mit ihrem kürzlich für 16,6 Millionen USD versteigerten Werk Blueberry zu finden. Mitchell war auch zuvor bereits die Drittplatzierte gewesen mit einem titellosen Werk, das 2014 für 11,9 Millionen USD versteigert worden war.

Joan Mitchell, Blueberry, Abb.: ©Christie’s Joan Mitchell, Blueberry, Abb.: ©Christie’s

Einige wird es überraschen zu erfahren, dass ein Werk von Frida Kahlo erst an zehnter Stelle der teuersten Künstlerinnen auftaucht. Das Gemälde Dos Desnudos en el Bosque (La Tierra Misma) wurde 2016 für 8 Millionen USD bei Christie's versteigert, ein Preis, der für Kahlos kunstgeschichtliche Bedeutung keineswegs repräsentativ ist. Man kommt nicht umhin sich zu fragen, weshalb das teuerste Werk einer Frida Kahlo es preislich nicht einmal mit dem zwanzigteuersten Werk eines Modigliani aufnehmen kann?

Frida Kahlo, Dos Desnudos en el Bosque (La Tierra Misma) | Abb.: ©Christie's Frida Kahlo, Dos Desnudos en el Bosque (La Tierra Misma) | Abb.: ©Christie's

Nur wenig Präsentation

Das National Museum of Women in the Arts (Washington, D.C.) gab kürzlich an, dass heutzutage 51% der Künstler Frauen sind. Was Museen betrifft, dominieren in 78% davon die Werke männlicher Kunstschaffender. Nur 5% der Museen sind bestrebt, ein ausgewogenes Verhältnis zu präsentieren.

Foto: ©Akshay Chauban Foto: ©Akshay Chauban

Die enorme Differenz zwischen den ausgestellten Werken von Künstlerinnen und Künstlern liegt natürlich in der Tatsache begründet, dass in den vergangenen Jahrhunderten die Talente und Karrieren von Frauen - und nicht nur in der Kunstwelt - nur sehr wenig bis gar nicht gefördert wurden. Die unterschiedlichen Preise, die Sammler für "weibliche Kunst" zahlen zeigt allerdings, dass wir auch in heutiger Zeit noch weit von einer Ausgewogenheit zwischen den Geschlechtern entfernt sind.

Die Geschichte umzuschreiben ist nicht möglich. Daher beginnen einige Institutionen lieber damit, die Zukunft zu verändern. So gab das Tate Modern in London kürzlich bekannt, dass die Anzahl der Werke von weiblichen Künstlern stetig ansteigen würde und bereits die Hälfte der Exponate im 2016 fertig gestellten Anbau Switch House ausmachen würden. Es sind diese kleinen Schritte einer bedeutenden Institution, die andere zum Nachahmen auffordern.

Notizbuch der schwedischen Malerin Hilma af Klint, die nie ihren verdienten Titel als erster abstrakter Künstler erhielt | Foto via Wikipedia Notizbuch der schwedischen Malerin Hilma af Klint, die nie ihren verdienten Titel als erster abstrakter Künstler erhielt | Foto via Wikipedia

Frauen sind populär

Die feministische Bewegung hat im bisherigen Jahr 2018 gewaltig an Boden gewonnen: Es gibt mehr Ausstellungen und Veranstaltungen, die sich der Kunst von Frauen widmen und sie thematisieren. Von den Medien in jedem sich bietenden Detail aufgegriffen, könnte sich schnell eine Übersättigung einstellen. Dennoch ist eine gesteigerte Anerkennung von Künstlerinnen und ihr steigender Marktanteil spürbar. Und das gilt auch für den Auktionsmarkt.

Joan Mitchell | Foto via Carré d'artistes Joan Mitchell | Foto via Carré d'artistes

Joan Mitchell (1925-1992) beispielsweise wurde von den Besuchern des Art Fair Basel regelrecht gehypt und posthum mehr Ehrungen, wie dem Namen "The Basel Beauty",  der bis zum Ende der Messe Verwendung fand, überhäuft.

Die neu erwachte Popularität weiblicher Künstler beginnt auch in den Köpfen der Sammler zu einer veränderten Denkweise zu führen.

"Werke von Künstlerinnen sind in den großen Sammlungen noch immer in der Unterzahl gegenüber denen ihrer männlichen Kollegen, die weit höhere Preise erzielen. Doch das wird sich ändern", sagt Pontus Silfverstolpe, Mitbegründer von Barnebys.

Dies wurde auch bei den Analysen deutlich, die Barnebys für seinen Online Auction Report 2018 vorgenommen hat. Das dafür untersuchte und ausgewertete Verhalten von 16,4 Millionen Nutzern zeigte, dass ein steigendes Interesse an den Werken von Künstlerinnen zu bemerken ist - von den zeitgenössischen Arbeiten von Jenny Salville oder Cecily Brown bis hin zu großen Namen der Kunstgeschichte wie Georgia O'Keffee oder Frida Kahlo.

Frida Kahlo | Foto: ©thecut.com Frida Kahlo | Foto: ©thecut.com

Der Auktionsmarkt ist ein sehr konservativer Markt, der sich nur langsam verändert. Doch sind die ersten Veränderungen bereits spürbar und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis eine Künstlerin genauso von Sammlern begehrt sein wird wie ihre männlichen Kollegen.

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