Anlässlich der Nobelpreisverleihung hielt sich Marina Abramović vor Kurzem in Stockholm auf. Am 9. Dezember hielt sie beim Nobel Week Dialogue einen Performance-Vortrag zum Thema Water Matters.

Barnebys war nicht nur beim Nobel Week Dialogue dabei, sondern konnte auch Künstlerin Marina Abramović zu einem Gespräch treffen.

“Someone said ‘I hate your work’ because it always makes me cry.” - Marina Abramović

Die Erwartungen waren groß als die weltbekannte Performancekünstlerin Marina Abramović vor 1300 Forschern, Wissenschaftlern und Meinungsbildnern auf der Bühne stand, um im Rahmen der Nobel Week Dialogue - einer Tagung, die dazu beitragen soll, Wissenschaft und Gesellschaft miteinander in Einklang zu bringen - ihren Vortrag zu halten.

Bereits zuvor waren wir und das übrige Publikum angewiesen worden, keines Falls ohne entsprechende Anweisung aus den Wassergläsern zu trinken, von denen eines vor jedem Zuhörer stand. Kein zu langer Zeitraum, doch allmählich kam der Durst und jeder wurde sich seines eigenen Körpers, seiner Bedürfnisse und seiner Rolle in der Welt bewusst.

Marina Abramović beim des Nobel Week Dialogue | Foto: Alexander Mahmoud Marina Abramović beim des Nobel Week Dialogue | Foto: Alexander Mahmoud

Als Marina Abramović schließlich die Bühne betrat, folgten zwanzig Minuten lang Anweisungen, wie das Publikum mit den Wassergläsern umzugehen habe, während die Künstlerin über ihr laufendes Kunstprojekt Rising referieren würde.

“What you project is what fills the the glass of water.” - Marina Abramović

Sie bat uns, still zu sein, die Beine so zu platzieren, dass sie nicht gekreuzt waren, und dann zusammen zu atmen. Zwölf tiefe Atemzüge. Am Ende forderte sie alle auf, das Glas langsam zum Mund zu führen und die Kälte zu spüren, wenn es die Lippen berührte. Nach ein paar Sekunden, die sich wie Ewigkeiten anfühlten, sollten wir anfangen, das Wasser zu trinken, und zwar soglangsam wie möglich. Währenddessen sprach Abramović mit seiner ruhigen, meditativen Stimme.

Das Publikum wurde so zu einem großen Organismus, der nur nach den Anweisungen der Künstlerin handelte.

Das Treffen mit Marina Abramović

Am Montag nach diesem eindrucksvollen Erlebnis gehen wir ins Grand Hotel in Stockholm, um mit Abramović und Daniel Birnbaum, dem Direktor des Moderna Museets zu sprechen. Wir treffen auf eine gut gelaunte Marina Abramović, die das Wetter bei ihrem letzten Aufenthalt in Stockholm im Februar dieses Jahres als das Schlechteste vom Schlechtesten beschrieb. Dieses Mal scheint die Sonne.

Unter den vielen Werken und Projekten, die Sie geschaffen haben, gibt es eines, das für Sie besonders herausragt oder ein echter Meilenstein für Sie war?

Ja, in jeder Phase meines Lebens gab es eine Arbeit, die groß und bedeutsam war. Aber wenn ich so zurückblicke, finde ich immer die Neueste Arbeit am interessantesten. Eigentlich vermeide ich es aber zurückzublicken. Es tut weh, kostet Energie und sorgt dafür, dass ich mich alt fühle. Sollen andere das machen. Ich bin 72 Jahre alt und nicht mehr die Jüngste auf diesem Planten. Ich Lebe im Augenblick und blicke in Richtung Zukunft.

“I’m seventy-two, kids, I’m not the youngest on the planet.” - Marina Abramović

Marina Abramović bei der Arbeit an "Rising" | Foto: Acute Art Marina Abramović bei der Arbeit an "Rising" | Foto: Acute Art

Kunst und Wissenschaft

Ein großer Teil des Vortrags drehte sich um die Beziehung zwischen Wissenschaft und Kunst. Es ist leicht anzunehmen, dass der wissenschaftliche Kontext für Marina Abramović etwas Neues darstellt. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Bereits 1989 nahm sie an einem Treffen in Amsterdam teil, dessen Ziel es war, wichtige Forscher mit Künstlern und spirituellen Führern mit einem Vortrag über Technologieentwicklung in Zukunft zusammenzubringen. Unter den Teilnehmern waren auch der Dalai Lama und Robert Rauschenberg.

Marina Abramović beschreibt dieses Treffen auch heute noch als sehr lohnenswert. Sie ist der Meinung, dass Künstler viel häufiger bei sozialen Fragen mit eingebunden werden sollten. "Es war ein revolutionäres Treffen", sagt sie. "Diesmal bin ich der einzige Künstler vor Ort und es ist sehr einsam."

Marina Abramović | Foto: Acute Art Marina Abramović | Foto: Acute Art

Mit Ihrer Arbeit beeinflussen Sie sehr viele Menschen. Aber wie sieht es da bei Ihnen aus? Was nehmen Sie aus Ihrer letzten Performance mit?

In den 70er Jahren bestand mein Publikum aus fünf bis zehn Leuten, von denen die meisten meine Freunde waren. Als es irgendwann zwanzig Leute waren, dachte ich "oh mein Gott, wie viele Leute" und mit fünfzig Zuhörern konnte ich kaum umgehen. Heute spreche und performe ich vor Tausenden von Menschen, was meine Verantwortung größer macht, weil ich wirklich darüber nachdenken muss, was ich tun und was ich vermitteln möchte. Besonders was junge Leute betrifft. Mein Publikum ist sehr jung. Jedes Mal, wenn ich einen Vortrag halte, frage ich zuerst, wer der oder die jüngste im Publikum ist.

"Meine eigene Generation will mich tot sehen. Sie sehen, wie sie selbst aussehen und beneiden mich. Meine Generation ist wirklich scheiße. Ich liebe es, wenn das Publikum zu 80% aus jungen Leuten besteht. Das bedeutet, dass meine Arbeit weiterleben wird und die Menschen es verstehen, möchte ich sagen." - Marina Abramović

Abramović erzählt, wie sie vor zwanzig Jahren auf den Malediven gewesen war. Am Strand gab es Einsiedlerkrebse, die begonnen hatten, statt in Muscheln in Plastik zu leben, weil Menschen die Muschel von den Stränden sammelten. Abramović kaufte Muscheln auf dem Markt und legte sie wieder am Strand ab, um den Krabben ihre Heimat zurückzugeben. Enttäuscht musste sie jedoch feststellen, dass sich die Krabben an das Plastik gewöhnt hatten und es vor ihrem natürlichen Lebensraum bevorzugten.

“Nature talk to us, but we don't listen.” - Marina Abramović

Daniel Birnbaum fügt hinzu, dass sich die Welt in einer massiven Phase der Umweltzerstörung befände, worauf Abramović antwortet: "Ja, und zumindest ist uns das bewusst. Aber schau dir Elon Musk an - er meinte, dass er unbedingt auf dem Mars sterben möchte. Einen natürlichen Tod, aber auf dem Mars."

Die App Rising" | Foto: Acute Art Die App Rising" | Foto: Acute Art

Bei Abramovićs aktuellem Projekt geht es nicht nur um die Umwelt, sondern auch um das Thema Wissenschaft. Das Projekt unterscheidet sich erheblich von all ihren vorherigen Arbeiten, die alle auf körperlicher und geistiger Präsenz basierten. Was aber passiert, wenn künstliche Intelligenz die tatsächliche Präsenz ersetzt?

Darüber macht sich Marina Abramović keine Sorgen. Sie glaubt allerdings, dass es wichtig ist, auf dem Laufenden zu bleiben. Des Weiteren führt sie an, dass nicht die Technologie an sich das Problem sei, sondern die Art und Weise wie sie eingesetzt wird. Seit vielen Jahren interessiert sie sich für Dinge wie Virtual Reality, Künstliche Intelligenz und Erweiterte Realität.

“I always believed in science.” - Marina Abramović

Virtuelle und Erweiterte Realität interessieren mich, weil sie alles so echt aussehen lassen. Das Gehirn kann wirklich getäuscht werden. Man kann es glauben lassen, dass das, was es gerade sieht, echt ist und in dem Moment wirklich geschieht. Technologie kann zu etwas Gutem verwendet werden oder eben missbraucht werden.

Marina Abramović bei der Arbeit an "Rising" | Foto: Acute Art Marina Abramović bei der Arbeit an "Rising" | Foto: Acute Art

Die Abramović-Methode

In der App, die Abramović zusammen mit Acute Art entwickelt hat, fordert sie die Öffentlichkeit auf, in Einklang mit der Umwelt zu handeln, Verschwendung zu reduzieren, zu recyceln und natürliche Ressourcen wie Wasser und Energie sparsam zu verwenden.

Sie nennen es die Abramović-Methode. Was bedeutet das?

Es bedeutet, dass ich den Nutzern eine Reihe von Einschränkungen anbiete, um das Bewusstsein zu schärfen.

Das Projekt Rising mit dem TV-Spiel, der App und dem Performance-Vortrag in Stockholm ist ein Beispiel für die Abramović-Methode. So wie bei ihrer früheren Performance Rhythm 0, bei der sie die Zuschauer aufforderte, sie zu verletzen und auch zu zeigen, wenn es ihnen Spaß machte, konfrontiert sie ihr Publikum mit dessen Ängsten, mit Schuld und einem erweiterten Bewusstsein.

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 “The more layers an artwork has, the longer it will remain.” - Marina Abramović

Diejenigen, die Abramovićs Autobiografie Walk Through Walls (2016) gelesen haben, werden das Konzept "Die Drei Marinornas" kennen - ein Thema, das auch während des Gesprächs im Stockholmer Grand Hotel zur Sprache kommt. Tatsächlich hat die Künstlerin bereits ihr eigenes Begräbnis geplant.

Wie ist ihre Beziehung zum Thema Tod?

Ich möchte ohne Ärger, bewusst und ohne Angst sterben. Das sind die drei Dinge, die mir sehr wichtig sind. Der Tod ist deine letzte große Show. Sie muss gut durchdacht sein.

Welche der drei Marinornas wird zur Nobel-Preis-Gala gehen?

The glamorous one. The bullshit one, lacht Marina Abramović.

Die berühmte Künstlerin im Gespräch mit Kunsthistoriker und Kurator Daniel Birnbaum, ehemaliger Rektor der Städelschule in Frankfurt am Main | Foto: SVT Die berühmte Künstlerin im Gespräch mit Kunsthistoriker und Kurator Daniel Birnbaum, ehemaliger Rektor der Städelschule in Frankfurt am Main | Foto: SVT

Haben Sie überhaupt Angst vor dem Älterwerden?

Ich habe vor allem Angst, aber mit einer gesunden Einstellung. Jeder hat ein Verfallsdatum. Ich erinnere mich, wie Leonard Cohen sagte: "Ich bin im dritten Akt". Ich glaube wirklich, dass dies der dritte Akt ist, also gebe ich mein Bestes.

Wenn Sie den hohen Politikern dieser Welt einen Rat mit auf den Weg geben könnten, welcher wäre das?

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Vorhin in unserem Gespräch haben Sie spirituelle Führer erwähnt. Sind Sie religiös?

Nein. Ich mag keine Religionen, weil es Institutionen sind, die auf Macht und Korruption basieren. Ich glaube an das Spirituelle, keinen bärtigen Jesus, sondern kosmische Energie. Energie kommt auf eine Weise zu dir, die du dir nicht erklären kannst. Wir sind leere Empfänger, die kosmische Energie empfangen. Ich bin also spirituell.

"Presence of humor is so important. Dalai Lama always starts with a joke.” - Marina Abramović

Marina Abramović bei der Friedensnobelpreis-Gala im Interview mit der schwedischen Moderatorin Jessika Gedin | Foto: SVT Marina Abramović bei der Friedensnobelpreis-Gala im Interview mit der schwedischen Moderatorin Jessika Gedin | Foto: SVT

Sie setzen sich in ihren Performances so vielen Schmerzen aus. Gibt es irgendetwas, mit dem Sie sich schützen? Vielleicht mit einer Ihrer drei Persönlichkeiten?

Die Menschen haben so viel Angst vor allem. Wir haben Angst vor Schmerzen und um andere. Ich will einfach nur aufgeschlossen sein.

Ich wiederhole keine meiner Performances, weil ich sie bei einer Wiederholung nicht mehr durchführen würde. Es wäre verrückt, es zu versuchen, ich würde aufgeben. Habe ich ein Konzept, stelle ich mich vor mein Publikum und mache es einfach.

Ich erwarte, dass die Energie des Publikums mir bei der Umsetzung helfen wird. Diese Art von Energie ist nirgendwo anders zu finden. Ohne sie bekommt man Angst und gibt auf. Auf diese Weise werde ich zu einem Spiegel, der andere reflektiert. Wenn ich das kann, können andere das auch tun.

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Ist es diese Energie, die beweist, dass Sie Erfolg haben?

Ja. Es ist ein Beweis für mich, wenn ich in ein Café gehe und junge Leute mich umarmen und sagen, ich hätte ihr Leben verändert oder vom Fahrrad springen, um es zu sagen. Die Reaktionen bedeuten mir viel. Ich liebe die Reaktionen, die ich vom Publikum bekomme, es ist emotional für mich und sie. Einmal sagte mir jemand, dass er das was ich tue, hassen würde, da es ihn immer zum Weinen brächte.

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