Gio Ponti | Foto: ilsussidiario.net Gio Ponti | Foto: ilsussidiario.net

Italien wäre nicht wirklich Italien ohne Giovanni "Gio" Ponti. Als Architekt und Designer prägte er das Land auf entscheidende Art und Weise bereits vor und vor allem in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als es ihm gelang, einen unverwechselbaren italienischen Stil neu zu erfinden und international zu verbreiten.

Die Anfänge

Gio Ponti wurde am 18. November 1891 in Mailand geboren, wo er am Polytechnikum Architektur studierte. Nach dem Ersten Weltkrieg, während dessen er mehrmals für seinen Dienst an der Front ausgezeichnet wurde, arbeitete er als künstlerischer Leiter für die Porzellanmanufaktur Richard-Ginori. Diese Zusammenarbeit dauerte bis 1938, eine lange Zeit, in der er die Kollektion des renommierten Herstellers komplett erneuerte.

Gio Ponti, Deckelvase "La conversazione classica", 1929 | Foto: Christie's Gio Ponti, Deckelvase "La conversazione classica", 1929 | Foto: Christie's

Im Jahre 1921 heiratete er Giulia Vimercati – sie hatten vier Kinder – und zwei Jahre später wechselte er in das Architekturbüro von Mino Fiocchi und Emilio Lancia, bevor er 1933 seine eigene Firma mit den Ingenieuren Antonio Fornaroli und Eugenio Soncin als Partner eröffnete. Von entschieden modernen Einflüssen geprägt, zählten die Projekte, die das Unternehmen in den 1930er Jahren entwickelte, zu seinen ersten großen Werken, darunter die Wohnblöcken Domuses in Mailand, der Mathematikfakultät der Universität Rom und die Mailänder Zentrale des Chemiekonzerns Montecatini (heute Montedison).

Transmission

Gleichzeitig widmete sich Gio Ponti, der zum Direktor der Biennale von Monza für dekorative Kunst ernannt wurde, der Entwicklung des internationalen Bekanntheitsgrades dieser Veranstaltung, die 1933 nach Mailand verlegt wurde, und in Triennale di Milano umbenannt wurde. Die Triennale wurde zu einem wichtigen Observatorium und sogar Laboratorium für neue Trends in der modernen Kunst und Architektur. Ponti behielt seine leitende Position bis zu seinem Lebensende.

Gio Ponti, Raum für die 9. Triennale di Milano 1951 | Foto: Wright Gio Ponti, Raum für die 9. Triennale di Milano 1951 | Foto: Wright

Um die Kunstbewegung Novecento zu fördern, gründete er auch Domus, eine monatliche Architekturzeitschrift, die noch heute unter der Leitung renommierter italienischer Architekten erscheint. Er verließ die Zeitschrift 1941, um eine weitere zu gründen: die kurzlebige Lo Stile. Bis Anfang der 1960er Jahre dauerte zudem seine Verbundenheit mit dem Mailänder Polytechnikum, wo er in lehrender Position sein Wissen an Studenten weitergab.

Nach seiner Anstellung in der Porzellanmanufaktur Richard-Ginori übernahm Gio Ponti die künstlerische Leitung des Herstellers von modernen Möbeln und Lampen, Fontana Arte. Sein Talent für Design führte ihn später außerdem zur Zusammenarbeit mit der renommierten Glashütte Venini in Murano.

Das goldene Zeitalter

Ein Architekt, Designer, zwischendurch Maler, Lehrer, Journalist und Publizist -  Gio Ponti hatte mehr als nur ein Eisen im Feuer, und als unermüdlicher Arbeiter erlebte er sein goldenes Zeitalter in den 1950er Jahren. In diesem Jahrzehnt entwarf er ein weiteres exklusives Gebäude für Montecatini, die Innenräume des Linienschiffes Andrea Doria für die Reederei Italian Line sowie des Hôtel Royal in Neapel, prächtige Villen in Caracas und Teheran, einen Kulturpalast in Stockholm und vor allem den Pirelli Tower in Mailand.

Der "Pirellone" auf einem zeitgenössischen Foto | Foto: milanexpotours.com Der "Pirellone" auf einem zeitgenössischen Foto | Foto: milanexpotours.com

Der Turm, ein über 127 Meter hoher, abgeschrägter Wolkenkratzer, der trotz seiner 30.000 m3 Beton durch seine leichte, luftige Erscheinung beeindruckt, gilt als Pontis architektonisches Meisterwerk.  Auch in Pakistan und Singapur hinterließ Ponti seine Spuren, wo er in den 1960er Jahren Amtsgebäude errichtete und Warenhausfassaden erneuerte.

Gio Ponti, Prototyp Teekanne, 1956 | Foto: Phillips Gio Ponti, Prototyp Teekanne, 1956 | Foto: Phillips

Was das Design betrifft, so waren die 1950er Jahre auch besonders reich an originellen Kreationen und Kooperationen. Ponti entwickelte die erste Espressomaschine der Marke La Pavoni und entwarf gemeinsam mit Piero Fornasetti Interieurs, Besteckserien für Sabattini und Toiletten für die belgische Firma Ideal Standard…

Gio Ponti und Piero Fornasetti, Trumeau "Architettura", um 1952 | Foto: Christie's Gio Ponti und Piero Fornasetti, Trumeau "Architettura", um 1952 | Foto: Christie's

Einen Stuhl aus dem Fenster werfen

Sein wichtigster Entwurf für den Möbelhersteller Cassina war der Stuhl Superleggera, heute ein Designklassiker und die bekannteste seiner Möbelkreationen, inspiriert von den traditionellen Möbeln der Fischer in Chiavari, einem Ort an der ligurischen Küste, das er seit seiner Kindheit kannte. Ab 1955 kommerzialisiert, würde er mit einem Gewicht von nur 1,7 kg den Weltrekord für Leichtigkeit erreichen. Und um die Skeptiker vom Widerstand des Stuhls zu überzeugen, warf der Designer ein Exemplar aus dem Fenster im vierten Stock eines Gebäudes…

8 Exemplare des "Superleggera", den Gio Ponti für Cassina entwarf | Foto: Barnebys 8 Exemplare des "Superleggera", den Gio Ponti für Cassina entwarf | Foto: Barnebys

Bestimmte limitierte Auflagen dieses Stuhls, der nach dem Zweiten Weltkrieg konzipiert wurde, als Sparsamkeit ein Thema war, werden heute für jeweils über 1.500 Euro verkauft.

Molteni&C, ein italienischer Spezialist für Designermöbel, produziert weiterhin einige von den bekanntesten Stücken Gio Pontis, darunter Stühle, Sessel und Couchtische, die unter Lizenzvergaben weltweit vertrieben werden.

Gio Ponti, der große italienische Designer und Architekt, starb am 16. September 1979 in Mailand. Der Compasso d'Oro, ein Preis, den er 1954 ins Leben gerufen hatte, um die besten Industriedesigner auszuzeichnen, wird noch immer jedes Jahr verliehen.

Welche Preise die Entwürfe von Gio Ponti bei vergangenen Auktionen erzielt haben, erfahren Sie hier. 

Kommentar