Wie kein anderer Künstler der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat der in Deezbüll bei Tondern geborene Carl Ludwig Jessen das Leben und das Umfeld der nordfriesischen Bauern in detailreichen Bildern dokumentiert - eine Thematik, die im den Beinamen "Friesenmaler" eingebracht hat. Nach ersten autodidaktischen Versuchen studierte Jessen von 1853-56 an der Akademie in Kopenhagen und etablierte sich anschließend als Maler in seiner friesischen Heimat. Dank eines Stipendiums konnte Jessen 1867/68 Paris und Rom bereisen und neue Eindrücke aufnehmen.

Jessen erweiterte sein Œuvre um "exotischere Szenen" als er von 1871-75 in Hamburg arbeitete und anschließend endgültig nach Deezbüll zurückkehrte. So malte er erotisch angehauchte Szenen aus der Bibel, wie 1871 Susanna im Bade oder sein vorliegendes Hauptwerk Samson und Delilah von 1882. Diese Bilder stehen im großen Gegensatz zu seinen üblichen Werken voll bäuerlicher Sittsamkeit. Wie vielen anderen Malern seiner Epoche bot die Beschäftigung mit biblischen oder mythologischen Szenen auch Jessen die Möglichkeit, "ungestraft" nackte Körper darstellen zu können.

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Das signierte und datierte Ölgemälde Samson und Delilah ist mit seinen Maßen von 170 x 229 cm als Monumentalwerk einzustufen. Jessen stellt darin die die bekannte Episode aus dem alttestamentarischen Buch der Richter dar, in der sich Delilah - von den Philistern bestochen - dem Helden Samson nähert, um ihm das Geheimnis seiner übermenschlichen Kräfte zu entlocken - was ihr schließlich gelingt.

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Ihre Rolle als (bestechliche) Verführerin macht Delilah zu einer der großen Sünderinnen der Bibel. Als Ausdruck ihrer Lasterhaftigkeit hat Carl Ludwig Jessen der Szene in der unteren linken Ecke eine schlafende Katze hinzugefügt. Katzen galten in der Kunst als Symbole der Falschheit und der Lust, also zwei Eigenschaften, die Delilah verkörpert.

Nicht nur Carl Ludwig Jessen ist in der Auktion mit einem Hauptwerk vertreten, auch von Julius von Ehren kommt ein solches Gemälde zum Aufruf. Ähnlich wie Jessen beschäftigte sich der Hamburger Maler um 1900 mit Szenen ländlichen dörflichen Lebens aus seiner Umgebung sowie Interieurs, nachdem er in Weimar und München studiert hatte. Von Ehren konzentrierte sich jedoch auf die differenzierte Darstellung von Lichtverhältnissen. Sein Hauptwerk, das in der Auktion bei Stahl vorliegt, handelt es sich um Torfstecher, das 1908 bei der Großen Berliner Kunstausstellung zu sehen war.

Julius von Ehren gehörte 1897 zu den Gründungsmitgliedern des Hamburgischer Künstlerclubs. Auch andere Künstler dieser Vereinigung sind in der Auktion vertreten. Vom Impressionisten Ernst Eitner kommen gleich mehrere Werke zum Aufruf, darunter das hochinteressante und Lichtstimmung im Hamburger Hafen.

Impressionen vom Lande bieten auch die Werke von Thomas Herbst, der ein Mitschüler Max Liebermanns war und sich von der Schule von Barbizon inspirieren ließ. Interessant ist auch Dame mit Hut von Alfred Mohrbutter von 1899. Zu jener Zeit begann sich Mohrbutter nämlich verstärkt mit Damenmode zu beschäftigen, genauer gesagt mit der Reformkleidung, die Frauen mehr Bewegungsfreiheit bieten sollte.

Weitere Mitglieder des Hamburgischer Künstlerclubs in der Auktion bei Stahl sind Arthur Siebelist, Paul Kayser, Friedrich Schaper, Franz Nölken, Fritz Friedrichs und Walter Voltmer.

Mit den Werken einiger Mitglieder der Hamburgischen Sezession ist eine weitere Künstlervereinigung der Hansestadt in der Auktion vertreten. Die Session bestand von 1919 bis 1933 und wurde nach Kriegsende neugegründet, löste sich jedoch 1952 endgültig auf. Die Hamburgische Sezession bildete die Avantgarde in den Zwischenkriegsjahren.

Ein absolutes Highlight ist hier ein Frühwerk Ivo Hauptmanns von 1922. Mittagssonne auf der Elbe führte Hauptmann im pointillistischen Stil aus, der in seinem Œuvre eher selten anzutreffen ist. Von Friedrich Ahlers-Hestermann, der sowohl Mitglied des Hamburgischen Künstlerclubs als auch der Hamburgischen Sezession war, kommt ein Portrait zum Aufruf, das er 1953 von seiner Frau Alexandra Povorina gemalt hatte, die sich ebenfalls der Künstlervereinigung von 1919 angeschlossen hatte.

Hochinteressant sind auch die abstrakten Arbeiten von Arnold Fiedler, die unter sieben Katalognummern zum Aufruf kommen. Neben der Abstraktion beschäftigte sich Fiedler auch mit dem Surrealismus sowie dem expressiven Realismus.

Weitere Mitglieder der Hamburgischen Sezession in der Auktion sind u.a. Erich Hartmann, Willem Grimm, Fritz Flinte, Gretchen Wohlwill, Dorothea Maetzel-Johannsen und Eduard Bargheer.

Die Auktion mit norddeutscher Kunst findet am 16. Februar ab 11 Uhr im Auktionshaus Stahl, Graumannsweg 54 in Hamburg statt. Am Nachmittag desselben Tages (13:30 Uhr) wird zudem asiatische Kunst versteigert. Die Objekte beider Auktionen können vom 9.-15. Februar im Auktionshaus besichtigt werden.

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