Ein politisches Portrait von Élisabeth Vigée Lebrun und seine Geschichte

Ein faszinierendes Portrait von 1788, das den damaligen indischen Gesandten in Frankreich, Mohammed Dervish Khan, zeigt, wird am 30. Januar bei Sotheby's in New York versteigert.

Élisabeth Vigée-Lebrun (1755 Paris 1842), Portrait des Mohammed Dervish Khan, 1788 (Detail) | Abb.: Sotheby's
Élisabeth Vigée-Lebrun (1755 Paris 1842), Portrait des Mohammed Dervish Khan, 1788 (Detail) | Abb.: Sotheby's

Die Versteigerung Alter Meister, die Sotheby's am Abend des 30. Januar in New York abhalten wird, umfasst unter anderem zwei signierte Arbeiten der berühmten Malerin Élisabeth Vigée-Lebrun, die im 18. Jahrhundert als gesuchte Portraitistin Erfolge feierte. Eine der vorliegenden Arbeiten zeigt  Mohammed Dervish Khan, der als indischer Gesandeter am Vorabend der Französischen Revolution Versailles besuchte.

Élisabeth Vigée-Lebrun (1755 Paris 1842), Portrait des Mohammed Dervish Khan, 1788 (Detail) | Abb.: Sotheby's
Élisabeth Vigée-Lebrun (1755 Paris 1842), Portrait des Mohammed Dervish Khan, 1788 (Detail) | Abb.: Sotheby's

Am 16. Juli 1788 trafen drei Gesandte aus Indien, Mohammed Dervish Khan, Akbar Ali Khan und Mohammed Osman Khan, in Paris ein. Für ihren Auftraggeber Tipu Sultan, der über das südindische Mysore herrschte, sollten die Diplomaten mit König Ludwig XVI. einen politischen und militärischen Verbündeten im Kampf gegen die britische Streitmächte in Indien gewinnen. Die Macht des französischen Königs war am Vorband der Französischen Revolution jedoch bereits am Schwinden und zudem hatten Frankreich und Großbritannien nach den amerikanischen Revolutionskriegen 1783 einen Friedensvertrag unterzeichnet.

Nichtsdestotrotz war die Ankunft der drei fremden Gesandten DIE Sensation in Paris und am Hof von Versailles im Sommer 1788. Die Presse und ihre Leser verfolgten jeden Schritt der exotischen Gäste und berichtete mit Vorliebe über deren verschwenderischen Kleidungsstil.

Der Besuch der drei Diplomaten für jede Menge "indische" Inspiration in der Mode, wie dieses Portrait der Herzogin von Orléans zeigt, das Élisabeth Vigée-Lebrun 1789 ausführte | Abb.: Wikipedia
Der Besuch der drei Diplomaten für jede Menge "indische" Inspiration in der Mode, wie dieses Portrait der Herzogin von Orléans zeigt, das Élisabeth Vigée-Lebrun 1789 ausführte | Abb.: Wikipedia

Im Jahr 1788 befand sich die Künstlerin Élisabeth Vigée-Lebrun auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Ihre beste Kundin war Königin Marie Antoinette, die sie mehrfach portraitiert hatte. Dadurch war die Malerin Teil der mächtigen Elite in Paris und Versailles geworden. Den drei indischen Diplomaten begegnete sie zum ersten Mal bei einem abendlichen Besuch in der Parier Oper. Äußerst angetan von deren faszinierender Erscheinung, beschloss Vigée-Lebrun, die Männer zu malen.

Durch ihren Dolmetscher gaben die Gesandeten der Malerin zu verstehen, dass es für sie nicht möglich sei, für einem weiblichen Künstler zu posieren, es sei denn, dies würde auf ausdrücklichen Befehl des Königs gesehen. Dank ihrer hervorragenden Beziehungen zum Königspaar, ließ dieser Befehl nicht lange auf sich warten. Voll Enthusiasmus machte sich Élisabeth Vigée-Lebrun an die Arbeit. Sie begann mit dem Portrait Mohammed Dervish Khans und präsentierte diesen "stehend mit der Hand auf seinem Dolch. Die Position wirkte vollkommen einfach und natürlich, dass ich ihn nicht bat, sie zu ändern", erzählte sie später.

Élisabeth Vigée-Lebrun (1755 Paris 1842), Portrait des Mohammed Dervish Khan, 1788 | Abb.: Sotheby's
Élisabeth Vigée-Lebrun (1755 Paris 1842), Portrait des Mohammed Dervish Khan, 1788 | Abb.: Sotheby's

Das vollendete Portrait verströmt eine Intensität, wie sie in keinem anderen Portrait Vigée-Lebruns anzutreffen ist. Das mehr als zwei Meter hohe Gemälde wird von der aufrecht stehenden Gestalt des Diplomaten vollständig ausgefüllt und zeigt diesen vor einer hügeligen Landschaft unter blauem Himmel. Gekleidet ist er in einem locker fallenden Gewandt aus weißem Musselin und einer offenen Jacke aus luxuriösem indischen Stoff, für den sich die Franzosen besonders begeisterten. In der Hand hält er einen großen Dolch, dessen Griff und Klinge mit den gleichen Mustern versehen wurden, die auch die Jacke verzieren. Das Portrait drückt gleichermaßen Würde und Extravaganz aus - zwei Eigenschaften, für die der bedeutende Gast aus Indien in Frankreich bewundert wurde.

Das Portrait Mohammed Dervish Khans sowie jenes seines Kollegen Mohammed Osman Khan, das heute jedoch ls verschwunden gilt, wurden im August 1789, also nach dem Sturm auf die Bastille, im Salon von Paris der Öffentlichkeit präsentiert. Die Portraitierten kehrten im Herbst jenes Jahres in ihre Heimat zurück. Da sie mit Frankreich lediglich ein Handels- aber kein Militärabkommen hatten schließen können, ließ Tipu Sultan sie zur Strafe enthaupten. Tatsächlich hätte ein militärisches Bündnis mit Frankreich für einen anderen Verlauf der Geschichte in Indien sorgen können und Großbritannien hätte auf dem südasiatischen Subkontinent vielleicht eine weit weniger dominante Rolle gespielt.

Neben dem Bildnis des Mohammed Dervish Khan versteigert Sotheby's am 30. Januar dieses Portrait von Mrs. Spencer Perceval, das Vigée-Lebrun 1804 malte | Abb.: Sotheby's
Neben dem Bildnis des Mohammed Dervish Khan versteigert Sotheby's am 30. Januar dieses Portrait von Mrs. Spencer Perceval, das Vigée-Lebrun 1804 malte | Abb.: Sotheby's

Nur zwei Monate nach der bejubelten Präsentation der Portraits musste auch Élisabeth Vigée-Lebrun Frankreich den Rücken kehren. Als Günstling der Königin schlug der Malerin zunehmend Abneigung entgegen. Während ihres zwölf Jahre dauernden Exils reiste sie durch Europa und malte die High Society der Länder, in denen sie sich aufhielt - vor allem in Russland. Auch nach ihrer Rückkehr 1802 in ihre Geburtsstadt Paris reiste Élisabeth Vigée-Lebrun nach England und Belgien, in die Niederlande und in die Schweiz, um zu arbeiten.

Auch am 31. Januar kommt bei Sotheby's in New York eine Arbeit Élisabeth Vigée-Lebruns zum Aufruf. Das Portrait einer jungen Dame von 1774 ist eine frühe Arbeit der damals erst 19-jährigen Malerin | Abb.: Sotheby's
Auch am 31. Januar kommt bei Sotheby's in New York eine Arbeit Élisabeth Vigée-Lebruns zum Aufruf. Das Portrait einer jungen Dame von 1774 ist eine frühe Arbeit der damals erst 19-jährigen Malerin | Abb.: Sotheby's

Das faszinierende Portrait des Gesandten Mohammed Dervish Khan kommt am 30. Januar mit einem Schätzpreis von 4 - 6 Millionen USD in New York zum Aufruf.

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