Jan und Per Broman Jan und Per Broman

Was hat Ihr Interesse an der Fotografie ausgelöst?

Per und ich wuchsen in Stockholm in einem Haus voller Fotografien auf, da unser Vater als Fotograf arbeitete. Mit neun Jahren bekam ich meine erste Kamera. Die Bilder entwickelte ich im väterlichen Labor. Es war die reine Magie! Per ging noch einen Schritt weiter und wurde zu einem professionellen Fotografen.

Was hat dich dazu gebracht, Fotografiska in einer Zeit zu gründen, in der in Schweden kaum jemand mit Kunstfotografie in Berührung kam?

Die Idee dazu ereilte uns im Jahr 2007, als wir beisammen saßen und uns überlegten, was wir als nächstes machen könnten. Zu jener Zeit lebten und arbeiteten wir sozusagen von Projekt zu Projekt, auf Foto-Messen, Festivals und dergleichen. Wir waren an dem Punkt angelangt, an dem wir etwas Langlebiges machen wollten. Ein Test war die Ausstellung mit arbeiten von David LaChapelle, die wir im darauffolgenden Jahr organisierten. Wir wollten herausfinden, ob ein generelles Interesse an der Fotografie gab - und das gab es. Es kamen viele Besucher und die Presse berichtete sehr umfangreich darüber. Danach wollten wir es wirklich dauerhaft machen und im Sommer schrieben wir unseren Geschäftsplan für Fotografiska.

Bryan Adams, Jerry Hall, London 2013 Bryan Adams, Jerry Hall, London 2013

Wer war der erste Fotograf, der seine Werke bei euch ausgestellt hat?

In der ersten Ausstellung im Mai 2010 zeigten wir Annie Leibovitz, Lennart Nilsson, Joel-Peter Witkin und Vee Speers. Als wir nach der Eröffnung merkten, dass es noch nackte Wände gab, kamen noch Arbeiten von Anders Petersen dazu. Seitdem gab es im Fotografiska 170 Ausstellungen.

Fotografiska im Stockholm: Das Stora Tullhuset am Stadsgårdskajen entwarf Ferdinand Boberg zwischen 1906 und 1910 Fotografiska im Stockholm: Das Stora Tullhuset am Stadsgårdskajen entwarf Ferdinand Boberg zwischen 1906 und 1910

Es gab bereits Diskussionen darüber, was Fotografiska eigentlich ist: Eine Institution, eine Galerie oder ein Museum. Als was betrachtet ihr euch selbst?

Wir sind ein Museum, vor allem aber sind wir Fotografiska. Es hat darüber viele Missverständnisse gegeben, die auch in den großen Zeitungen zu lesen waren. Fotografiska hat nie in das alte Kulturmodell hineingepasst und verlangt, von jemand anderem mitfinanziert zu werden. Wir sind vollkommen selbstfinanziert und verdienen unser Geld mit unserem Geschäft. Wir haben von Anfang an deutlich gemacht, dass wir keinerlei Zuwendungen wünschen. Es klingt vielleicht ein wenig verrückt, aber wir wollen frei sein und wer frei sein möchte, muss unabhängig bleiben. Das viele Geld, das wir in Fotografiska investiert haben, stammt aus unserem Eigenkapital.

Ein Museum sollte auch eine eigene Sammlung haben. Habt ihr eine?

Selbstverständlich!

Aus der Ausstellung "Every Person Has Lost Something" mit Moustafa Jano bei Fotografiska in Stockholm Aus der Ausstellung "Every Person Has Lost Something" mit Moustafa Jano bei Fotografiska in Stockholm

Vor ein paar Jahren, als ich dich kennengelernt habe, erzähltest du mit von euren Plänen, mit Fotografiska international zu expandieren. Im nächsten Jahr wird eine Dependence in New York eröffnet. Weshalb hat das solange gedauert?

Das hängt von unterschiedlichen Parametern ab. Zunächst geht es darum, die richtigen Räumlichkeiten und Leute zu finden, mit denen man arbeiten möchte. Und natürlich ist es auch eine ökonomische Frage. Es bedeutet erneut eine riesige Investition, angefangen bei den Anwälten bis hin zur Restaurierung der Räume.

New York, New York. Fotografiska eröffnet im Hernbst 2018 seine Dependence in einem schönen Jahrhundertwendehaus an der Park Avenue South New York, New York. Fotografiska eröffnet im Hernbst 2018 seine Dependence in einem schönen Jahrhundertwendehaus an der Park Avenue South

Einer der Gründe, damit ihr euren Traum verwirklichen konntet, war, dass ihr einen neuen Investor gefunden habt und bekannte Namen ihre Anteile verkauft haben. Erzähl!

Im vergangenen Herbst haben wir einigen unserer Partner mitgeteilt, dass wir sie gerne aufkaufen würden. Schließlich kam Joram Roth aus Deutschland hereinspaziert und löste einige der früheren Besitzer ab. Gleichzeitig wurde er Hauptinvestor für Fotografiska in New York und Partner für Fotografiska in Stockholm.

Ihr plant ebenfalls, in näherer Zukunft eine Dependence in London zu eröffnen. Wann ist es da soweit?

Das wird parallel zur Eröffnung von Fotografiska in New York ablaufen. Die Eröffnung in London ist für das erste Quartal 2019 geplant, die in New York im Herbst 2018. Mit London scheint es derzeit etwas schneller voranzugehen, während sich die Eröffnung  in New York wohl um einen Monat verschieben wird.

Fotografiska in London Fotografiska in London

Entwurf für die Innengestaltung von Fotografiska in London Entwurf für die Innengestaltung von Fotografiska in London

Habt ihr die Ambition, auch in weiteren Städten Filialen zu eröffnen?

Auf jeden Fall, vielleicht kommt im nächsten Jahr ein weiteres Fotografiska dazu.

Zweifellos hat es Fotografiska geschafft, ein riesiges Publikum anzuziehen. Wie viele Besucher sind es ungefähr im Jahr?

Wir haben überhaupt keine Besucher, wir haben Gäste. In diesem Jahr wird Fotografiska rund 530.000 zahlende Gäste begrüßen dürfen. Das ist in etwa vergleichbar mit z.B. dem Tate Modern, das jährlich 1 Millionen zahlende Besucher anlockt.

Welche war eure bislang meistbesuchte Ausstellung?

Tatsächlich gibt es da keine Ausstellung, die besonders hervorsticht. Jede Ausstellung hat ihre Anziehungspunkte. Die Ausstellung von Nick Brandt hatte ein ganz anderes Publikum angezogen. Familien kamen und mit ihnen veränderte sich die ganze Dynamik des Hauses. Die meisten Besucher konnte die Annie Leibovitz-Ausstellung für sich verbuchen. Auf der anderen Seite war das auch die Eröffnungsausstellung von Fotografiska. 

Nick Brandt "On This Earth A Shadow Falls Across The Ravaged Land", 2015 Nick Brandt "On This Earth A Shadow Falls Across The Ravaged Land", 2015

Werde ich Fotografiska wieder erkennen, wenn ich nach London oder New York komme?

Du wird es in bestimmten Elementen wieder erkennen. Der Shop, die Ausstellungshallen, das schwarz-weiße Farbschema mit den Graustufen eines traditionellen Fotos und das grafische Profil werden gleich aussehen. Jedes Gebäude behält jedoch seinen individuellen Charakter. An jedem Ort setzten wir auf "nachhaltiges Vergnügen", wie wir es nennen. Das bedeutet, dass sowohl die Speisen und Getränke auf Nachhaltigkeit basieren als auch unsere Arbeitsweise.

Nachhaltiges Vergnügen: Paul Svensson von Fotografiska wurde in die Liste mit den 50 wichtigsten Köchen für eine nachhaltige Entwicklung aufgenommen Nachhaltiges Vergnügen: Paul Svensson von Fotografiska wurde in die Liste mit den 50 wichtigsten Köchen für eine nachhaltige Entwicklung aufgenommen

Entwurf für die Innengestaltung von Fotografiska in London Entwurf für die Innengestaltung von Fotografiska in London

Was meinst du, war die beste Ausstellung, die ihr im Fotografiska hattet?

Diese Frage wird mir sehr oft gestellt und für gewöhnlich antworte ich: Die nächste, bitte. Immer wenn man zu einer neuen Ausstellung kommt und nur beschäftigt ist, denkt man, dass es wohl die beste sein muss, die man jemals organisiert hat. Dieses Gefühl ist auch nach sieben Jahren noch da. Die Berning and Di Battista-Ausstellung, die wir momentan zeigen, zählt zu den besten, die wir hatten.

Berning and Di Battista "Confluence" Berning and Di Battista "Confluence"

Berning and Di Battista "Confluence" bei Fotografiska Berning and Di Battista "Confluence" bei Fotografiska

Parallel zu Berning and Di Battista ist eine Ausstellung mit Werken eines der berühmtesten Fotografen der Welt im Gange: Irving Penn. Die Fotos stammen von einem der größten Kunstsammler. Erzähl!

Es ist eine großartige Show mit Werken eines der bedeutendsten Fotografen des letzten Jahrhunderts. Penn war für mich schon immer ein wenig größer als anderen Fotografen. Eine meiner ersten Erinnerungen an die Fotografie ist jene, als ich die Irving Penn-Ausstellung im alten Modern Museet sah. Das ist sehr stark bei mir hängen geblieben. Lange Zeit haben wir bei der Irving Penn-Foundation immer wieder nachgefragt, um gemeinsam eine Ausstellung zu organisieren. Vergeblich. Vor einem Jahr haben wir uns schließlich dafür entschieden, eine entsprechende Ausstellung mit oder ohne die Irving Penn-Foundation auf die Beine zu stellen.

Am Tag von Irving Penns 100. Geburtstag haben wir die Ausstellung "Resonance - Fotografien der Pinault Collection" eröffnet. Ausgestellt wurden Stücke aus der Sammlung von François-Henri Pinault, einer der weltweit größten Sammlungen der Fotografien Penns. Matthew von der Pinault Collection bezeichnete unsere Ausstellung sogar als besser als jene im Metropolitan Museum of Art, was man als gutes Zeichen werten kann.

Irving Penn Irving Penn

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Verkauft Fotografiska auch Fotografien?

In kleinerem Umfang haben wir das getan. Doch wir haben beschlossen, diesen Teil des Geschäftes ad acta zu legen. In unseren Anfangszeiten, war keiner wirklich in der Welt der professionellen Fotografie involviert. Hier und da wurden kleinere Verkaufsausstellungen von Fotografen gezeigt, aber unsere Ambition war es, die besten Fotografien der Welt nach Stockholm zu holen. Wir hatten also fast keine Kenntnis darüber, wie man Fotografien kauft. Als wir Auktionshäusern 2009 vorschlugen, Fotoauktionen abzuhalten, Steißen wir auf wenig Verständnis. Dennoch dauerte es nicht lange, bis die Häuser für ihre Auktionen mit zeitgenössischer Kunst auch nach Fotografie suchten. Dennoch sind die Preise für Fotografie in Schweden immer noch sehr niedrig, mit Ausnahme einiger internationaler Arbeiten.

Es gibt noch immer Anlass zur Verwirrung, wenn es um die Definition von Fotografie und Fotokunst geht. Wie betrachtest du diese beiden Konzepte?

Darüber kann man viele Meinungen haben. Es gibt Dokumentarfotografie, Kunstfotografie, wissenschaftliche Fotografie, Modefotografie und so weiter. All das ist Fotografie, aber nicht alles ist Kunst. Die Technik an sich ist heute Teil der Kunstwelt. Es besteht das Bedürfnis, alles in Kategorien zu unterteilen, um es zu verstehen. Man muss da etwas pragmatischer sein, denn die Fotografie ist sehr dynamisch und vielfältig.

The Rolling Stones, Toronto 1994 ©️ Anton Corbijn The Rolling Stones, Toronto 1994
©️ Anton Corbijn

Wie läuft das Auswahlverfahren ab, wenn ihr eine Ausstellung plant?

Einmal im Quartal halten wir ein Gruppenmeeting ab, wo wir dann eingegangene Vorschläge und die Dinge, die wir digital gesammelt haben, überprüfen und eine Auswahl für die nächsten zwei Jahre treffen. Danach ist es Aufgabe der Ausstellungsabteilung, die Fotografen zu kontaktieren, den rechtlichen Rahmen abzustecken und darüber zu entscheiden, welche Bilder tatsächlich gezeigt werden sollen. Das kann auch von einem externen Kurator entschieden werden. Danach werden die nötigen Texte verfasst und die Gestaltung vorgenommen.

Wer ist euer schlimmster Feind?

Die Zeit. Wir müssen um jedes Bisschen Freizeit kämpfen, die andere Leute im Kino, in einer Bar, vor dem Fernseher oder im Museum verbringen.

Per und Jan Broman blicken auf ihren neuen Arbeitsplatz New York Per und Jan Broman blicken auf ihren neuen Arbeitsplatz New York

Ist es einfach, mit dem eigenen Bruder zusammenzuarbeiten?

Es gibt nur sehr wenige Reibungspunkte, ich würde es eher eine perfekte Dynamik nennen, wo die Energie zweier Menschen das Können des jeweils anderen antreibt. Wir wissen, was wir aneinander haben und stellen uns den Entscheidungen des anderen nie in den Weg. Im Moment ist Per für Fotografiska in Schweden verantwortlich und ich für Fotografiska in New York.

Was würde passieren, wenn Per eines Tages sagt, dass er nicht mehr kann oder will?

Das wird er nicht tun. Wenn es aber doch dazu kommen sollte, werde ich mit dem weitermachen, womit wir angefangen haben. Fotografiska ist gekommen, um zu bleiben.

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