Sally Mann vor Cy Twomblys Haus|Foto: The New York Times Sally Mann vor Cy Twomblys Haus|Foto: The New York Times

Die amerikanische Landschaft

Sally Mann wurde 1951 in Lexington, Virginia geboren und ist seit über vier Jahrzehnten aktiv. Sie begann ihre Karriere als Landschaftsfotografin, wobei der amerikanische Süden ihr primäres Motiv war. Darüberhinaus arbeitete an Stilleben, Architekturfotografie und Portraitaufnahmen. Tatsächlich spielte sich Manns gesamte Karriere in erster Linie in ihrer eigenen häuslichen Umgebung ab, wodurch sie stets nahe an ihren eigenen Wurzeln blieb. Der amerikanische Süden ist eng mit Manns Arbeiten verbunden.

Frühe Arbeit von Sally Mann, 1972-73|Foto: sallymann.com Frühe Arbeit von Sally Mann, 1972-73|Foto: sallymann.com

Schon vor den ersten Einzelausstellungen Manns in der Corcoran Gallery of Art in Washington im Jahr 1977, erregten ihre Arbeiten die Aufmerksamkeit der Kunstwelt. 1988 erhielt ihre Serie At Twelve: Portraits of Young Women wohlwollende Kritiken. Sally Mann gab selbst an, dass sie mit dieser Serie, die eine Studie über das Dasein als Mädchen und junge Frau darstellt, ihr künstlerisches Ich ​​gefunden hatte. Ihren endgültigen Durchbruch in der öffentlichen Wahrnehmung hatte sie jedoch erst 1992 mit der Serie Immediate Family.

Fotografie aus der Serie "At Twelve"|Foto: sallymann.com Fotografie aus der Serie "At Twelve"|Foto: sallymann.com

Der Aufstieg mit Immediate Family 

Die Serie Immediate Family besteht hauptsächlich aus Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Sally Manns eigener Familie, mit ihren drei Kindern im Fokus. Zu sehen sind Szenen des Alltags mit spielenden Kindern, Essen mit der Familie oder einem Mittagsschläfchen. Die Aufnahmen entstanden zum Großteil in der trostlosen Landschaft, in der die Familie lebte. Trotz der künstlerischen und dokumentarischen Intension hinter der Serie, verursachte Immediate Family weitgehende Diskussionen in den Vereinigten Staaten.

Aus der Serie "Immediate Family"|Foto: sallymann.com Aus der Serie "Immediate Family"|Foto: sallymann.com

Die melancholischen Untertöne und die Tatsache, dass die Kinder auf den Fotos oft nackt waren, befeuerten konservative Stimmen, Sally Mann anzuklagen, ihre Kinder zu sexualisieren. Sie stellten ihre Eignung als Mutter infrage. Einige beschuldigten sie der Kinderpornografie. Mann selbst gab an, dass sie nie die Notwendigkeit erfuhr, ihre Kunst von der Elternschaft zu trennen - da diese beiden Aspekte in ihrem Leben von einander inspiriert seien, und Nacktheit wäre für viele ein kollektives Merkmal der Kindheit.

Aus "Immediate Family"|Foto: sallymann.com Aus "Immediate Family"|Foto: sallymann.com

Die Kontroverse als Teil des Kulturkampfes

Zur selben Zeit, in der Immediate Family kontrovers betrachtet wurde, wurde die Frage, welche Richtung die Kultur in den Vereinigten Staaten einschlagen sollte, heiß diskutiert. An der Spitze dieses Kulturkampfes standen Diskussionen über Abtreibung, Homosexualität, Religion und Waffengesetze. Der Kulturkampf fand zwischen dem konservativen Lager, das eine Regulierung der Kultur forderte, und einem progressiven Lager statt, das der Ansicht war, dass sich die Kultur frei entfalten sollte.

Fotografie aus "Immediate Family"|Foto: sallymann.com Fotografie aus "Immediate Family"|Foto: sallymann.com

Vor diesem Hintergrund erhielt Immediate Family offensichtlich nicht nur negative Kritik. Auch Bewunderung wurde der Serie zuteil. Als Sally Mann 2001 vom Time Magazine zur besten Fotografin gekürt wurde, wurde die viel diskutierte Serie ausdrücklich als Faktor für die Wahl genannt.

Deep South, Mother Land und What Remains

Im 21. Jahrhunderts setzte Sally Mann ihre Landschaftsfotografie in zwei Serien fort: Deep South und Mother Land. Deep South besteht aus 65 Schwarz-Weiß-Fotografien, die gespenstische Landschaften, alte Schlachtfelder und einen Ort eines rassistisch motivierten Mordes im Jahr 1955 zeigen.

Aus der Serie "Deep South|Foto: sallymann.com Aus der Serie "Deep South|Foto: sallymann.com

In dem Buch What Remains (2003) untersucht Mann Themen wie Tod und Korruption in vier Abschnitten. Der erste Teil zeigt Manns toten Hund sowie Fotos von verstreuten Leichen.

Fotografie aus "The Body Farm", aus der Serie "What Remains"|Foto: sallymann.com Fotografie aus "The Body Farm", aus der Serie "What Remains"|Foto: sallymann.com

Die Leichen waren Teil eines Forschungsprojekts in der Nähe von Manns Haus, in dem der Verwesungsprozess untersucht wurde. Die nächste Abschnitt besteht aus Fotos von Manns Grundstück, wo ein entflohener Häftling, der sich bewaffnen konnte, von einem Polizisten getötet worden war. Der dritte Teil zeigt das Schlachtfeld bei Antietam, einem Schauplatz des amerikanischen Bürgerkrieges. Der letzte Teil besteht aus Fotografien von Manns Kindern, wodurch What Remains einen Hoffnungsschimmer erhält.

Sterblichkeit als wiederkehrendes Thema

Der Tod und die Vergänglichkeit des Lebens sind ein fortlaufendes Thema in Sally Manns Kunst. In der Serie Proud Flesh (2009) dokumentierte sie sechs Jahre lang ihren Mann Larry und dessen fortschreitende Muskeldystrophie.

Aus der Serie "Proud Flesh"|Foto: sallymann.com Aus der Serie "Proud Flesh"|Foto: sallymann.com

Tod, Melancholie, Verfall und Sexualität sind Motive, die in Sally Manns Werk wiederkehrend zu finden sind. Es sind Themen, die bei vielen Menschen ein gewisses Unbehagen auslösen, weshalb sie ein Nährboden für die Kontroversen um ihre Kunst, die im Laufe der Jahre immer wieder aufflammten, sind und waren. Eine Fotostrecke hat Sally Mann vorerst tatsächlich noch nicht veröffentlicht. Sie zeigt ihren Mann Larry in intimen Moment und ist daher (vorerst) noch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Eine Auswahl der Werke von Sally Mann finden Sie hier.

Selbstbildnis "Ambrotypes"|Foto: sallymann.com Selbstbildnis "Ambrotypes"|Foto: sallymann.com

Mann und Cy Twombly

Die kleine Stadt Lexington beherbergte einen anderen großen Künstler, nämlich den Maler Cy Twombly. Sally Mann und Twombly haben in ihren Arbeiten trotz ihres jeweiligen unverwechselbaren künstlerischen Ausdrucks mehrere Berührungspunkte geteilt. Sally Manns Eltern lernten Twombly bei einem Abendessen in den 1940er Jahren kennen, als Twombly noch Teenager war. Als der Künstler nach vielen Jahren in Italien im Jahr 1994 in seine Heimatstadt zurückzog, entwickelte sich die Beziehung von Manns und Twombly zu einer engen Freundschaft, die bis zum Tod Twomblys im Jahr 2011 dauerte.

"Untitled: Slippers and Flare"|Foto: Sally Mann via Gagosian Gallery "Untitled: Slippers and Flare"|Foto: Sally Mann via Gagosian Gallery

Nach Twomblys Tod wurden Manns Fotografien seines Hauses und des Studios unter dem Namen Remembered Light: Cy Twombly in Lexington 2016 veröffentlicht.

Der Tod des Sohnes

Zur selben Zeit, in der Sally Mann mit den Vorbereitungen zur Ausstellung Remembered Light beschäftigt war, erlitt die Familie eine Tragödie, als das älteste Kind, Emmett, sich das Leben nahm. Der Sohn hatte für einen Großteil seines Lebens an Schizophrenie gelitten, und sein Tod führte dazu, dass Mann sich einige Jahre  in ihrem Haus von der Außenwelt abschottete.

In ihren Memoiren schreibt Mann, dass sie ihre Kunst und ihre Mutterrolle nie voneinander trennte, beide waren jedoch stark miteinander verbunden. Vielleicht sind es gerade diese beiden zusammenwirkenden Aspekte, die Sallys Manns Fotografien so nüchtern und populär machen.

Hier können Sie bislang erzielte Preise für Arbeiten von Sally Mann entdecken.

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