1. Alles begann mit der Malerei ihres Vaters

Artemisia Gentileschi, Selbstportrait als Allegorie der Kunst, 1638/39 | Abb. via Wikipedia Artemisia Gentileschi, Selbstportrait als Allegorie der Kunst, 1638/39 | Abb. via Wikipedia

Artemisia Gentileschi kam am 8. Juli 1593 in Rom als Tochter des Malers Orazio di Ottaviano Montoni und dessen Frau Prudenzia zur Welt. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter begleitete Artemisia ihren Vater häufig in sein Atelier, wo sie zwischen Pinseln, Leinwänden und Farben ihre Leidenschaft entdeckte. Ein Künstlerdasein zu führen war für eine Frau des 17. Jahrhunderts jedoch so gut wie unmöglich, vor allem wenn man wie Artemisia nicht aus einer aristokratischen Familie stammte.

Trotz dieser offensichtlichen Schwierigkeiten ließ sich Artemisia nicht entmutigen. Ebensowenig ihr Vater, der ihr die Grundlagen der Malerei beibrachte: Das Mischen der Pigmente, die Anfertigung der Pinsel und natürlich das Auftragen der Farbe. Im Laufe der Jahre verfeinerte Artemisia ihre Technik, indem sie die Lithografien der großen Künstler der damaligen Zeit kopierte. Den größten Einfluss hatten die Werke Caravaggios, den ihr Vater persönlich kannte und der diesen ebenfalls als Vorbild betrachtete.

Sosehr Orazio seine Tochter auch unterstützen wollte, bestand er doch darauf, dass sie ihre Kunst ausschließlich in seinem Atelier ausübte. Dort arbeiteten die beiden immer enger zusammen, sodass Artemisia seine wichtigste Assistentin wurde, bis sie im Alter von erst 17 Jahren mit Susanna e i Vecchioni ("Susanna und die Alten") ihr erstes eigenständiges Werk schuf.

2. Artemisia wurde von ihrem Lehrer Agostino Tassi vergewaltigt

Artemisia Gentileschi, Corisca und der Satyr, ca. 1630-35 Artemisia Gentileschi, Corisca und der Satyr, ca. 1630-35

Obwohl es Artemisia untersagt war, außerhalb ihres Elternhauses als Künstlerin in Erscheinung zu treten, hatte sie des öfteren die Gelegenheit, sich mit anderen Künstlern auszutauschen, die als Freunde ihres Vater auf einen Besuch vorbeischauten. Einer von ihnen war Agostino Tasse, auch bekannt als lo smargiasso ("der Prahlhans").

Eines Tages, als Tassi Artemisia etwas über die perspektivische Darstellung lehrte, nutzte er die Abwesenheit seines Freundes und vergewaltigte dessen Tochter, die seine vielen Annäherungsversuche immer abgelehnt hatte. Um ihre Ehre zu retten (!) willigte die junge Artemisia ein, Tassis Frau zu werden. Der wollte und konnte die Ehe mit seinem Opfer jedoch nicht eingehen, da er bereits verheiratet war.

Ein Jahr nach dem Verbrechen beschloss Artemisias Vater schließlich, Beschwerde einzureichen, was in einem langen und für Artemisia schmerzvollen Prozess führte. Sieben Monate dauerte es, bis Tassi schließlich verurteilt wurde. Bis dahin musste Artemisia so einiges Ertragen: Bezweiflung ihrer Schilderung der Ereignisse, demütigende Untersuchungen und sogar Folter.

3. Artemisia war die erste Frau, die an der Accademia di Disegno in Florenz aufgenommen wurde

Artemisia Gentileschi, Salome mit dem Kopf Johannes des Täufers, ca. 1610-15 | Abb. via Wikipedia Artemisia Gentileschi, Salome mit dem Kopf Johannes des Täufers, ca. 1610-15 | Abb. via Wikipedia

Nach dem Prozess wurde Artemisia auf Betreiben ihres Vaters mit dem ihr unbekannten toskanischen Maler Pierantonio Stiattesi verheiratet. Mit ihm ging sie nach Florenz, einerseits bestimmt froh, die Stadt Rom mit all den bösen Erinnerungen hinter sich lassen zu können. Aber auch, um sich von ihrem Vater zu entfernen, der inzwischen seine Freundschaft zu Agostino Tassi wieder hatte aufleben lassen.

In der Hauptstadt der Toskana wurde Artemisia schließlich als Künstlerin bekannt, auch wenn der Klatsch über den Vergewaltigungsprozess immer überwog, der ihren Ruf für immer beschädigt hatte. Artemisia lebte lediglich von 1614 bis 1621 in Florenz, doch sie nutzte die Zeit intensiv und machte viele interessante Bekanntschaften, darunter Galileo Galilei. Zudem wurde ihr als erste Frau überhaupt die Ehre zuteil, an der dortigen Accademia di Disegno aufgenommen zu werden.

4. Artemisia verarbeitete ihre Vergangenheit und stellte starke Frauen dar

Artemisia Gentileschi, Judith und Holofernes, 1614-20 | Abb. via Wikipedia Artemisia Gentileschi, Judith und Holofernes, 1614-20 | Abb. via Wikipedia

Der Schuldenberg ihres Mannes und ein auf eine außerehelichen Beziehung folgender Skandal ließen Artemisia nach Rom zurückkehren, das ihr Vater im Jahr zuvor mit Ziel Genua verlassen hatte. Artemisia siedelte anschließend nach Venedig über, wo sie bis 1630 blieb.

Im Laufe ihrer Karriere bewegte sich Artemisia in Caravaggios Fußstapfen und malte ihre meist biblischen Motive in dessen Hell-Dunkel-Technik. Das klingt zunächst nicht nach etwas Besonderem, denn so mancher Maler des Barock tat das. Artemisia fügte dem Ganzen jedoch noch etwas Neues hinzu: Ein starkes und unbändiges weibliches Element. Man sah in Artemisias Gemälden Frauen, die keine Angst vor Männern zeigten, sondern mächtige, unabhängige Heldinnen. Eine Revolution zu einer Zeit, als auch die stärksten weiblichen Charaktere aus Bibel und Historie meist nur schwach und sich unterwerfend dargestellt wurden.

Links: Judith und Holofernes von Artemisia Gentileschi (1614-20) Rechts: Judith und Holofernes von Caravaggio, 1597 Links: Judith und Holofernes von Artemisia Gentileschi (1614-20) Rechts: Judith und Holofernes von Caravaggio, 1597

Zum Vergleich lassen sich die Judith und Holofernes-Gemälde von Artemisia und Caravaggio heranziehen. Caravaggios Judith zeigt einen eher verschreckten Gesichtsausdruck, als würde ihre eigene Tat sie abstoßen. Ihre Körperhaltung ist zurückweichend. In Artemisias Werk beugt Judith sich vor, der Gesichtsausdruck ist voller Entschlossenheit und Konzentration.

Von den 60 Artemisia Gentileschi mit Sicherheit zugeschriebenen Werken, stellen 40 Frauen dar. In Gestalt von Maria Magdalena, der heiligen Katharina, Esther und Judith hat Artemisia nicht nur ihre Vergewaltigung verarbeitet, sondern Frauen eine Stimme gegeben und somit ihren Platz in der Kunstgeschichte gesichert.

5. Artemisias Werke wurden erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt

Artemisia Gentileschi, Die hl. Katharina von Alexandria, um 1615. Das Gemälde wurde im Juli 2018 von der National Gallery in London erworben. Artemisia Gentileschi, Die hl. Katharina von Alexandria, um 1615. Das Gemälde wurde im Juli 2018 von der National Gallery in London erworben.

Artemisia Gentileschi teilt das Schicksal vieler Künstlerlinnen. Auch bei Frida Kahlo, Margaret Keane oder Joan Mitchell dauerte es lange, bis ihre Arbeit anerkannt wurde. Im Fall Artemisia Gentileschi geht es jedoch nicht um Jahrzehnte, wir sprechen von Jahrhunderten. Im 18. und 19. Jahrhundert war ihr Werk völlig in Vergessenheit geraten. Erst ein Artikel des Kunsthistorikers Roberto Longhi im Jahr 1916 holte es zurück in das Bewusstsein der Menschen. Artemisias Gemälde wurden von dem Zeitpunkt an in vielen internationalen Ausstellungen gezeigt, ihre Popularität fand in den 1970er und 1980er Jahren ihren Höhepunkt.

Eine späte Neubewertung von Artemisias Œuvre, das im 21. Jahrhundert, welches zunehmend die noch immer schwierige Position für Frauen auf dem Kunst- und Auktionsmarkt ändern möchte, erneut Aufmerksamkeit erhält. Das Interesse an der Künstlerin wächst und Sammler sind bereit, mehr als früher für eines ihrer Werke zu bezahlen. So wurde vor Kurzem ein Selbstportrait Artemisia Gentileschis von der National Gallery in London für 3,6 Millionen GBP erworben, was einen neuen Rekord für die Künstlerin bedeutete.

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