Jeanne Hébuterne | Abb. via Christie's Jeanne Hébuterne | Abb. via Christie's

Als im Frühjahr 1917 die 19-jährige Kunststudentin Jeanne Hébuterne und der 14 Jahre ältere Maler Amedeo Modigliani einander zum ersten Mal begegneten, war es Liebe auf den ersten Blick - obwohl, oder gerade weil, hier zwei vollkommen unterschiedliche Menschen aufeinander trafen.

Amedeo Modigliani stammte aus Italien, wo er auch seine erste Ausbildung erhalten hatte, bevor es ihn 1906 nach Paris zog. Dort lebte er zunächst auf dem Montmartre, ab 1909 in Montparnasse, wo damals die Pariser Bohème lebte und arbeitete - einige von ihnen, vor allem Picasso - sogar zunehmend erfolgreich. Modigliani bildete hingegen mit seinen Freunden Chaim Soutine und Maurice Utrillo eine Art Zirkel der erfolglosen Künstler, die noch ärmer waren als alle anderen und die danach strebten, einen eigenen Stil zu finden.

Amedeo Modigliani, Pablo Picasso und André Salon im Jahr 1916 | Abb. via Wikipedia Amedeo Modigliani, Pablo Picasso und André Salon im Jahr 1916 | Abb. via Wikipedia

Durch die ärmlichen Verhältnisse, in denen er lebte, erkrankte Modigliani an einer tuberkulösen Meningitis, die er mit Drogen und Alkohol selbst zu kurieren versuchte. Selbstverständlich vergeblich, das einzige Ergebnis war eine zusätzliche Suchterkrankung.

Das alles klingt nicht gerade so, als hätte er besonders anziehend auf Frauen wirken können. Doch immer wieder gelang es dem gut aussehenden Modigliani, intelligente Frauen an sich zu binden, die irgendwann von ihm verlassen wurden. Im Frühjahr 1917 führte er seit zwei Jahren eine Beziehung mit der englischen Kunstkritikerin Beatrice Hastings. Doch dann traf er auf Jeanne Hébertune und vermutlich zum ersten Mal in seinem Leben verliebte Modigliani sich ernsthaft.

Dieses Selbstportrait malte Jeanne Hébuterne 1916 | Abb. via Wikipedia Dieses Selbstportrait malte Jeanne Hébuterne 1916 | Abb. via Wikipedia

Jeanne Hébuterne war wohlbehütet in bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen. Wie bei ihrem älteren Bruder André hatte man Jeanne zeichnerisches Talent schon früh entdeckt. Gemeinsam besuchte das Geschwisterpaar Kunstkurse an der Pariser Académie Colarossi, eine privaten Kunstschule, die damals als einzige weiblichen Schülern die Möglichkeit bot, männliche Akte nach lebenden Modellen zu zeichnen.

Jeanne und André bewohnten gemeinsam eine Wohnung in Montparnasse und wurden Teil der dortigen Kunstwelt. Jeanne sorgte mit ihrer außergewöhnlichen Ausstrahlung und Schönheit für Aufsehen. Jeanne sah anders aus als ihre Zeitgenossinnen, kleidete sich anders und trug ihre rotbraunen Haare in dicken Zöpfen, wie eine mittelalterliche Prinzessin. Besonders faszinierend wahren jedoch ihre strahlend blauen Augen. Und diese waren es wohl auch, die Modigliani sofort in ihren Bann zogen.

Das Selbstpotrait, dass Jeanne um 1917 von sich malte, wird am 18. Oktober bei Christie's in Paris versteigert. Jeanne hat sich mit den für sie typischen dicken Zöpfen dargestellt und trägt einen damals hochmodernen Kimono | Abb.: Christie's Das Selbstpotrait, das Jeanne um 1917 von sich malte, wird am 18. Oktober bei Christie's in Paris versteigert. Jeanne hat sich mit den für sie typischen dicken Zöpfen dargestellt und trägt einen damals hochmodernen Kimono | Abb.: Christie's

Die Anziehungskraft von Jeanne und Modigliani war von Anfang an enorm. Die Künstlerin in ihr, erkannte sofort das Genie, das vor ihr stand, die Frau in ihr den Mann, der die Liebe ihres Lebens werden sollte. Modigliani verlor sich nicht nur in Jeannes Augen, sondern auch in ihrer beruhigenden Art, die ihn in der kurzen Zeit, die ihm noch blieb, an sie binden sollte.

Amedeo Modigliani (1884-1920) - Portrait von Jeanne Hébuterne, 1918 | Abb. via Wikipedia Amedeo Modigliani (1884-1920) - Portrait von Jeanne Hébuterne, 1918 | Abb. via Wikipedia

Zunächst wurde Jeanne Modiglianis Muse, für die er Beatrice Hastings verließ. Als Jeannes wenig begeisterte Eltern vom Freund der Tochter erfuhren, stellten sie sie vor die Wahl. Jeanne entschied sich für die Liebe, zog zu Modigliani in dessen schäbige Atelierwohnung in Montparnasse und wurde nun auch körperlich seine Geliebte.

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Modigliani hat Jeanne nie nackt gemalt. Nur für die Zeichnung auf der Broschüre zu Modiglianis skandalumwitterten Akt-Ausstellung von 1917 soll sie Modell gestanden haben | Foto via Pinterest Modigliani hat Jeanne nie nackt gemalt. Nur für die Zeichnung auf der Broschüre zu Modiglianis skandalumwitterten Akt-Ausstellung von 1917 soll sie Modell gestanden haben | Foto via Pinterest

Jeanne Hébuterne und Amedeo Modigliani waren nur drei gemeinsame Jahre miteinander vergönnt. In dieser Zeit hat er sie mehr als 20 Mal portraitiert. Im Fokus jedes dieser Portraits stehen ihre blauen Augen, mit denen sie den Betrachter bzw. den Künstler anblickt. Umgekehrt malte sie aber auch ihn. Auch Jeannes wohl bekanntestes Werk stellt den geliebten Mann an ihrer Seite dar.

Jeanne Hébuterne (1898-1920) - Portrait von Amedeo Modigliani, 1919 | Abb. via Wikipedia Jeanne Hébuterne (1898-1920) - Portrait von Amedeo Modigliani, 1919 | Abb. via Wikipedia

1918 siedelte Modigliani mit der schwangeren Jeanne nach Nizza über, wo im November die gemeinsame Tochter Jeanne zur Welt kam. Obwohl es eine Zeit des Glücks war, zog es Modigliani nach Montparnasse zurück. Dort ging er eine "Zweitbeziehung" mit einer anderen Frau ein, die ihn Jeanne zu entreißen versuchte, was ihr jedoch nicht gelang. Modigliani bleibt bei Jeanne, spricht immer wieder davon sie zu heiraten.

Jeanne wird erneut schwanger. Die kleine Familie lebt in großer Armut in Modiglianis Atelier, das meist nicht geheizt werden kann und wo es an Essen fehlt. Modiglianis Gesundheitszustand verschlechtert sich dramatisch, sodass er schließlich ins Krankenhaus eingeliefert werden muss. Dort stirbt er im Beisein von Jeanne am 24. Januar 1920.

Mit Modiglianis Tod scheint Jeanne allen Lebensmut verloren zu haben. Ihre Familie macht deutlich, dass sie von ihr keine Hilfe zu erwarten hat. Aber eigentlich hat sie auch nur noch ein einziges Ziel vor Augen: wieder mit dem Geliebten vereint zu sein. Zwei Tage nach dessen Dahinscheiden, stürzt sich Jeanne mit dem ungeborenen Kind unter dem Herzen aus dem fünften Stock in den Tod.

Außer ihrer kleinen Tochter, die von Modiglianis Schwester adoptiert wurde und in Livorno aufwuchs, hinterließ Jeanne Hébertune ein Œuvre mit Portraits, Selbstportraits, Stillleben und Interieurs, von denen heute nur knapp 20 bekannt sind. Die Werke zeigen, dass Jeanne mehr war, als nur die Frau an der Seite eines Genies. Sie war eine Malerin, deren großes Talent durch ihren frühen Tod jedoch nie zur vollen Entfaltung kommen konnte.

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