Die frühesten Werke

Leonardo da Vinci erblickte im April 1452 das Licht der Welt und der sanften Toskanasonne. Geboren wurde er als unehelicher Sohn eines Notars und einer Landarbeiterin in Vinci in der Nähe des kunstsinnigen Florenz, wo die Epoche der Renaissance ihren Anfang genommen hatte. Leonardo lebte teilweise bei seinem Vater, der früh sein Zeichentalent erkannte und den Vierzehnjährigen nach Florenz in die Obhut und die Werkstatt von Meister Verrochio schickte, wo Leonardo nicht nur die Malerei erlernte, sondern auch Bildhauerei, Metallurgie oder die Grundlagen der Chemie.

Die Taufe Christi, Öl/Holz, um 1470-75, Florenz, Galleria degli Uffizi Die Taufe Christi, Öl/Holz, um 1470-75, Florenz, Galleria degli Uffizi

Wie es üblich war, entstanden die Werke Verrochios als Gemeinschaftsarbeit mit den Mitarbeitern und Schülern seiner Werkstatt. Belegt ist die Mitarbeit Leonardos an Verrocchios Werk, das in der damals noch relativ jungen Technik der Ölmalerei ausgeführt wurde, Die Taufe Christi. Dabei übertrumpfte der Schüler seinen Meister so sehr, dass letztere bei wieder einen Pinsel in die Hand genommen haben soll. Auch Die Verkündigung Mariä ist ein Gemeinschaftswerk von Leonardo, Verrochio und möglicherweise einem weiteren Maler. Das Werk war mit Öl- und Temperafarbe ausgeführt worden.

Die Verkündigung, Öl u. Tempera/Holz, um 1472-75, Florenz, Galleria degli Uffizi Die Verkündigung, Öl u. Tempera/Holz, um 1472-75, Florenz, Galleria degli Uffizi

1472 findet sich Leonardos Name in den Mitgliederlisten der Lukasgilde, der Gilde für Künstler und Mediziner. Außerdem stattet ihn sein Vater kurz darauf mit einer eigenen Werkstatt aus. Die nächsten zehn Jahre seines Lebens verbringt Leonardo in Florenz, wo er der Werkstatt seines Lehrers noch immer verbunden blieb.

Madonnenbilder

In den Florentiner Jahren entstanden drei mit Ölfarbe gemalte Madonnenbilder, von denen zwei als tatsächlich von Leonardo anfertigt gelten, während die Urheberschaft des dritten umstritten ist.

Als gesichert gilt die Madonna mit der Nelke, eine Arbeit, die vermutlich noch in der Werkstatt Verrochios entstanden war. Auf dem Bild, das die Gottesmutter mit dem Christusknaben auf dem Schoß vor einer Bogenarchitektur zeigt, die den Blick auf eine weite Berlandschaft freigibt, reicht Maria ihrem Sohn eine Nelke. In der christlichen Kunst ist die Nelke aufgrund ihrer Form ein Symbol für einen Kreuzigungsnagel.

Links: Madonna mit der Blume (Madonna Benois), Öl/Lwd., um 1475-80, Sankt Petersburg, Eremitage Rechts: Madonna mit der Nelke, um 1473-78, München, Alte Pinakothek Links: Madonna mit der Blume (Madonna Benois), Öl/Lwd., um 1475-80, Sankt Petersburg, Eremitage
Rechts: Madonna mit der Nelke, um 1473-78, München, Alte Pinakothek

Ebenfalls als Arbeit Leonardos betrachtet wird die Madonna Benois, auch Madonna mit der Blume genannt. Rückschlüsse auf Leonardo tatsächliche Urheberschaft finden sich in dessen zahlreichen erhaltenen Notizen. Als der russische Zar Nikolaus II. 1914 von der Frau des Malers Léon Benois für die Eremitage in Sankt Petersburg für umgerechnet 1,5 Millionen USD erwarb, wurde es das bis dahin teuerste Gemälde. Und das, obwohl Leonardo es wahrscheinlich nie ganz vollendete, wie die fehlende Landschaft im Fenster oder die kaum zu erkennenden Zähne Marias vermuten lassen.

Ein weiteres Madonnenbildnis jener Zeit, das jedoch vermutlich nicht von Leonardo gemalt wurde, ist Maria mit dem Kinde und einem Granatapfel (Madonna Dreyfus). Mittlerweile wird vermutet, dass das Werk von Lorenzo di Credi (1459 Florenz 1537) stammt. Di Credi war gleichzeitig mit Leonardo Schüler in der Werkstatt Verrochios gewesen.

Links: Madonna mit dem Kinde und einem Granatapfel (Madonna Dreyfus), Öl/Holz, um 1475-80, Washington, D.C., National Gallery of Art Rechts: Madonna Litta, Öl u. Tempera/Lwd., um 1490-95, Sankt Petersburg, Eremitage Links: Madonna mit dem Kinde und einem Granatapfel (Madonna Dreyfus), Öl/Holz, um 1475-80, Washington, D.C., National Gallery of Art
Rechts: Madonna Litta, Öl u. Tempera/Lwd., um 1490-95, Sankt Petersburg, Eremitage

Ein weiteres umstrittenes Madonnenbildnis ist jenes der Stillenden Madonna (Madonna Litta), das sich ebenfalls in der Sammlung der Eremitage in Sankt Petersburg befindet, wo es als eigenhändiges Werk Leonardos ausgestellt wird. Allgemein wird heute jedoch angenommen, dass es sich um ein Werk von Leonardos Schüler Giovanni Antonio Boltraffio handelt, der es gemeinsam mit Marco d'Oggiono zwischen 1490 und 1495 in Leonardos Mailänder Werkstatt ausführte.

Die Felsgrottenmadonna

Völlig anders als seine übrigen Madonnenbilder gestaltete Leonardo die Felsgrottenmadonna, die neben Maria und dem Jesusknaben auch den kindlichen Johanns den Täufer und einen Engel zeigt. Mit der Wahl einer Felsenhöhle als Ort des Geschehens folgte Leonardo der byzantinischen Bildtradition, die die Geburt Christi in einer solchen Höhle verortete. Das Bild entstand als Auftragsarbeit einer Franziskanerkirche in Mailand, wo Leonardo zwischen 1482 und 1499 tätig war, hauptsächlich um als Ingenieur für Herzog Ludovico Il Moro Sforza Kriegsgerät und mechanische Spiele für prachtvolle Feste zu erfinden.

Links: Die Felsgrottenmadonna (1. Version), Öl/Holz, um 1483-86, Paris, Musée du Louvre Rechts: Die Felsgrottenmadonna (2. Version), Öl/Holz, um 1493-1508, London, National Gallery Links: Die Felsgrottenmadonna (1. Version), Öl/Holz, um 1483-86, Paris, Musée du Louvre
Rechts: Die Felsgrottenmadonna (2. Version), Öl/Holz, um 1493-1508, London, National Gallery

Die erste, dunklere Version der Felsgrottenmadonna mit dem überlangen Arm des Engels, der auf Johannes den Täufer deutet, gefiel nicht und Leonardo malte eine zweite, bei der alle Anwesenden mit einem Heiligenschein ausgestattet wurden und die Hand des Engels nicht mehr dargestellt war, was den Fokus stärker auf den Jesusknaben lenkte.

Cherchez la femme

Leonardo wurde auch mit weniger religiösen Sujets beauftragt. Zwei Damenportraits stellen die Maitressen seiner Gönner dar.. Während seiner Mailänder Jahre erhielt er von Herzog Ludovico Sforza um 1490 den Auftrag, seine damalige Maitresse Cecilia Gallerani zu malen. Das vor einen tiefschwarzem Hintergrund gesetzte Portrait ist voller Anspielungen und Symbole, die sich allerdings auf ein einziges Bildelement konzentrieren: Das Hermelin, das Cecilia im Arm hält. Zunächst ist es ein Hinweis auf den Nachnamen der Dargestellten, da Wiesel im Altgriechischen "galée" heißt. Dann spielt es auf den Herzog an, der Träger des neapolitanischen Hermelinordens war und neben Il Moro auch den Spitznamen Weißer Hermelin trug. Und schließlich gibst das Tier auch den Hinweis auf das uneheliche Kind, das Cecilia damals unter dem Herzen trug, galt ein weißes Hermelin doch als Schutztier schwangerer Frauen.

Links: Die Dame mit dem Hermelin, Öl u. Tempera/Holz, um 1483-90, Krakau, Czartoryski-Museum La Belle Ferronnière, Öl/Holz, um 1490-96, Paris, Musée du Louvre Links: Die Dame mit dem Hermelin, Öl u. Tempera/Holz, um 1483-90, Krakau, Czartoryski-Museum
La Belle Ferronnière, Öl/Holz, um 1490-96, Paris, Musée du Louvre

Bei einem anderen Damenportrait sind sowohl Leonardos Urheberschaft als auch die Identität der dargestellten Person umstritten. Durch eine Verwechslung im 18. Jahrhundert hielt man La Belle Ferronnière lange für das Portrait einer der Maitressen des Roi-Chevalier (Ritterkönig) Franz I. von Frankreich, der Leonardo am Ende dessen Lebens in sein Königreich holte. Wahrscheinlich ist jedoch, dass er sich bei dem Bild um ein weiteres Portrait von Cecilia Gallerani handelt oder um eines von Ludovico Sforzas Gemahlin Beatrice d'Este.

Die Mona Lisa ist Leonardos bekanntestes Werk, das an seinem Aufbewahrungsort im Louvre meist von einer großen Touristenmenge umlagert wird. Das Bild war Leonardos liebstes Werk, das nie von seiner Seite weichen durfte. Und es steckt zudem (oder gerade deswegen) voller Geheimnisse. Zum einen ist es das Geheimnis ihres Lächelns, das jeden Betrachter in seinen Bann zieht, zum anderen ist es die Frage, um wen es sich bei der Dargestellten handelt. War es die Frau eines Florentiner Kaufmanns, Lisa del Giocondo, oder Leonardos Lieblingsschüler Salai in Frauenkleidern? Neben dem Geheimnisvollen war es vor allem der Diebstahl von 1911, der das Bild zu einem der berühmtesten Gemälde der Welt machte.

Links: Bildnis der Ginevra de' Benci, Öl/Holz, um 1474-78, Washington, D.C., National Gallery of Art Rechts: Mona Lisa, Öl/Holz, um 1503-05, Paris, Musée du Louvre Links: Bildnis der Ginevra de' Benci, Öl/Holz, um 1474-78, Washington, D.C., National Gallery of Art
Rechts: Mona Lisa, Öl/Holz, um 1503-05, Paris, Musée du Louvre

Rund fünfzehn Jahre vor der Mona Lisa malte Leonardo ein Portrait, bei dem die Identität der Dargestellten eindeutig geklärt ist: das Bildnis der Ginevra de’ Benci, Tochter eines Florentiner Bankiers. Doch ganz geheimnisfrei ist auch dieses nicht. Kopfzerbrechen bereitet der ungewöhnliche Bildausschnitt in nahezu quadratischer Form. Möglicherweise wurde der untere Teil des Bildes abgeschnitten. Eine Handstudie aus Leonardos Notizen könnte den Hinweis liefern, dass Ginevra ursprünglich einen kleinen Zweig in ihren Händen hielt.

...und den Herrn

Auch bei den Herrenpotraits befinden wir uns auf unsicherem Terrain. Seinen Namen Bildnis eines Musikers erhielt das Werk jedoch erst nach einer Restaurierung Anfang des 20. Jahrhunderts, als die Noten auf dem Papier wieder sichtbar wurden. Nachdem es zuvor als mögliches Selbstportrait Leonardos betrachtet wurde oder als Bildnis des Ludovico Sforza, wird der Dargestellte heute allgemein als Franchino Gaffurio identifiziert, der Kapellmeister am Dom zu Mailand war.

Links: Bildnis eines Musikers, Öl u. Tempera/Holz, um 1485-90, Mailand, Pinacoteca Ambrosiana Rechts: Salvator Mundi, Öl/Holz, um 1500, Privatbesitz Links: Bildnis eines Musikers, Öl u. Tempera/Holz, um 1485-90, Mailand, Pinacoteca Ambrosiana
Rechts: Salvator Mundi, Öl/Holz, um 1500, Privatbesitz

Bei dem rechten Gemälde handelt es sich natürlich im Grunde um kein Portrait. Sollte Leonardo da Vinci allerdings tatsächlich über das Geheimwissen verfügt haben, wie Dan Brown im "Da Vinci Code" suggeriert, wusste er ja vielleicht tatsächlich wie der Sohn Gottes ausgesehen hat. Wie auch immer, bei dem Gemälde handelt es sich um jenes, das im November bei Christie's versteigert wird. Es wird mittlerweile als echte Arbeit Leonardos angesehen. Gewandstudien von dessen Hand unterstützen dies.

Anna selbdritt

Leonardos umfangreiche Notizen und Manuskript enthalten viele Skizzen und Studien zu erhaltenen und verschollen Werken. Auch das Thema Anna selbdritt bedurfte einiger Vorarbeit. Ausgeführt hat er es schließlich um 1509. Es zeigt die heilige Anna und auf deren Schoß die jugendliche Gottesmutter Maria, die ihre Arme nach ihrem Sohn ausstreckt, der gerade etwas rabiat mit einem Lamm spielt. Die Landschaft im Hintergrund hat Leonardo wie auch bei vielen anderen seiner Werke im verschwommen "Sfumato" gestaltet, einer von ihm selbst entwickelten Technik der Ölmalerei. Sehr fein sind die Darstellungen der Stoffe auf dem Bild. So lassen sowohl der vordere Ärmel Marias, als auch die Haube Annas die darunter liegende Haut durchscheinen.

Anna selbdritt, Öl/Holz, um 1508-10, Paris, Musée du Louvre Anna selbdritt, Öl/Holz, um 1508-10, Paris, Musée du Louvre

Johannes der Täufer

Johannes der Täufer gehört zu jenen biblischen Gestalten, die Leonardo neben der Jungfrau Maria und dem Jesusknaben am häufigsten darstellte. In zwei Werken ist er der alleinige Protagonist. Aus dem Spätwerk Leonardos stammt eine Darstellung des jugendlichen Johannes, der in der Wüste rastet. Im barocken Frankreich fand das Werk und vor allem die Darstellungsweise des Täufers nur wenig Anklang. Ende des 17. Jahrhundert wurde das Werk partiell übermalt und in Bacchus in einer Landschaft umbenannt.

Links: Bacchus, Öl/Holz, um 1510-15, Paris, Musée du Louvre Rechts: Johannes der Täufer, Öl/Holz, um 1513-16, Paris, Musée du Louvre Links: Bacchus, Öl/Holz, um 1510-15, Paris, Musée du Louvre
Rechts: Johannes der Täufer, Öl/Holz, um 1513-16, Paris, Musée du Louvre

Mehr Gnade vor den Augen späterer Generationen fand Leonardos letztes Ölgemälde, das ebenfalls Johannes den Täufer darstellt. Das Bild, das neben der Mona Lisa und Anna selbdritt zu jenen drei Gemälden gehört, die Leonardo stets begleiteten, zeigt noch einmal die Meisterschaft seines Schöpfers in der Hell-dunkel-Malerei und das obwohl Leonardo zu jener Zeit mit den Folgen eines Schlaganfalls zu kämpfen hatte.

Unvollendete Werke

Als Universalgenie war Leonardo ein viel beschäftigter Mann. Immer wieder kam es zu Ärger mit seinen Auftraggebern, wenn die Auslieferung eines Werkes auf sich warten ließ, wie zum Beispiel bei dem berühmten Wandgemälde Das letzte Abendmahl, das Leonardo zwischen 1494 und 1498 für das Dominikanerkloster Santa Maria delle Grazie in Mailand geschaffen hatte. Andere Werke wurden sogar niemals fertig, darunter der Kopf eines Mädchens genannt La Scapigliata, Der heilige Hieronymus und die Anbetung der Könige aus dem Morgenland. Das letztere Werk, das als Altarbild für eine Kirche in Florenz gedacht gewesen war, wurde nicht vollendet, da Leonardo die Stadt 1482 verließ, um nach Mailand zu gehen.

Links: Der heilige Hieronymus, Öl u. Tempera/Holz, um 1480, Vatikan, Musei Vaticani Rechts: La Scapigliata, Öl/Holz, um 1508, Parma, Galleria nazionale di Parma Links: Der heilige Hieronymus, Öl u. Tempera/Holz, um 1480, Vatikan, Musei Vaticani
Rechts: La Scapigliata, Öl/Holz, um 1508, Parma, Galleria nazionale di Parma

Die Anbetung der Könige aus dem Morgenland, Öl/Holz, um 1481, Florenz, Galleria degli Uffizi Die Anbetung der Könige aus dem Morgenland, Öl/Holz, um 1481, Florenz, Galleria degli Uffizi

Die Gründe für Leonardos langsames Arbeiten, das teilweise sogar zu gar keinem Abschluss führte, sind nicht völlig geklärt. Viele Interessen, in denen man absolute Meisterschaft erlangt hatte, machen es natürlich schwer, sich für einen Zeitraum ausschließlich auf eine Sache zu konzentrieren. Vielleicht fand er seine anatomischen Studien und mechanischen Entwürfe auch einfach spannender. Letztere waren es auch, mit denen er hauptsächlich sein Auskommen verdiente, sodass er auf dem Verkauf seiner Gemälde nicht angewiesen war. Oder litt er sogar an Prokrastination, dem extremen Aufschiebeverhalten, bei dem Betroffenen alles andere als die eigentliche Aufgabe wichtiger erscheint?

Was auch immer die Gründe dafür gewesen sein mögen, Leonardos Werke, seine Studien und Notizen, sind fantastische Zeugnisse des Lebens eines Künstlers, dessen wahres Genie wohl nie in seiner gesamten Vollkommenheit erfasst werden kann.

Alle Abbildungen via Wikipedia

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