In Oslo wurde vor wenigen Tagen eine Studie veröffentlicht, die den Grund für den unglaublich intensiven Himmel aller vier Versionen von Munchs Der Schrei ausfindig gemacht haben soll. Die Studie wurde von den renommierten Wissenschaftlern Fred Prata, Alan Robock und Richard Hamblyn durchgeführt, die die mutmaßliche Wahrheit über eines der berühmtesten Werke des Expressionismus zutage gefördert haben möchten.

Edvard Munch, Der Schrei, 1893. Version in der Norwegischen Nationalgalerie Oslo Edvard Munch, Der Schrei, 1893. Version in der Norwegischen Nationalgalerie Oslo

Edvard Munchs Der Schrei gilt als eines der bedrückendsten Gemälde der westlichen Kunst - und wurde immer als Ausdruck des emotionalen Zustands des Künstlers gedeutet. Munch malte zwischen 1893 und 1910 zahlreiche Skizzen und vier Versionen des Gemäldes.

Neben seiner Bedeutung für die Kunstgeschichte, machte Der Schrei durch zwei Diebstähle von sich reden, die 1994 und 2004 vonstatten gingen. Die Taten ereigneten sich in der Norwegischen Nationalgalerie und im Munch Museum in Oslo. Beide Male kehrten die Versionen an ihren Ausstellungsort zurück.

Über Ursprung des Gemäldes äußerte sich der Künstler in einer Notiz von 1892 folgendermaßen:

"Ich ging mit zwei Freunden die Straße entlang, die Sonne ging unter, ich fühlte eine Welle der Traurigkeit. Der Himmel wurde plötzlich blutrot, ich blieb stehen, lehnte mich gegen den Zaun. Todmüde, blickte über die flammenden Wolken - wie Blut und Schwerter. Der blau-schwarze Fjord und die Stadt, meine Freunde gingen weiter. Ich stand da und zitterte vor Angst, und ich fühlte mich, als ob ein endloser Schrei durch die Natur drang."

Der 4 Versionen von Munchs "Der Schrei" | Foto via journals.ametsoc.org Der 4 Versionen von Munchs "Der Schrei" | Foto via journals.ametsoc.org

In einem anderen Tagebucheintrag erwähnte Munch, dass er selbst auch geschrieen habe, aber da niemand zugehörte, habe er gemerkt, dass er durch die Malerei schreien müsse und malte so die Wolken wie mit Blut - der Künstler sagte aus, die Farben zum Schreien gebracht zu haben.

Kurz gesagt, es scheint, dass der Schrei der Angst und der Einsamkeit der Figur im Vordergrund sowohl eine Metapher für die Angst war, die der Künstler selbst erlebte, als auch für die kollektive Angst der gesamten Menschheit. Vielleicht ein Emblem der existentiellen Angst, die unserer Spezies innewohnt. Dies ist eine Interpretation, die zwar gültig bleibt, aber jetzt um ein Detail bereichert wird, das das Bild aus wissenschaftlicher Sicht noch interessanter macht.

Sonnenuntergang nach einem Vulkanausbruch | Foto via journals.ametsoc.org Sonnenuntergang nach einem Vulkanausbruch | Foto via journals.ametsoc.org

Im Jahr 2000 hatte einer der Wissenschaftler des heutigen Forscherteams, Robock, den physischen Ursprung der blutroten Elemente des Leinwandhimmels bis zum Ausbruch des Krakatau-Vulkans von 1883 verfolgt, der, obwohl Tausende Kilometer entfernt, die ungewöhnliche Farbe des Himmels visuell verursacht haben könnte. Munchs Gemälde sind jedoch 10 Jahre nach diesem Ereignis datiert und es ist vielleicht ein bisschen weit hergeholt, dass der Vulkanausbruch hinter dem intensiven Himmel des Schreies liegt.

Die neue Studie gibt eine andere Erklärung: Laut den Wissenschaftlern der Abteilung für Atmosphären-, Ozean- und Planetenphysik an der Universität Oxford könnte ein meteorologisches Phänomen mit dem faszinierenden Namen "Perlmuttwolken" hinter dem Munch-Himmel liegen. Das Phänomen tritt bei sehr niedrigen Temperaturen auf und verursacht manchmal die Bildung von gestreiften Wolken, ähnlich den Zirruswolken, und weiteren fast monochromatischen Blöcken mit Spektralfarben.

Perlmuttwolken | Foto via journals.ametsoc.org Perlmuttwolken | Foto via journals.ametsoc.org

Nach der Überprüfung einiger Zeugnisse, die bestätigen, dass das Ereignis in Oslo während der Jahre stattfand, in denen Munch die Fassungen malte, haben die Forscher eine Analyse der Farben des Gemäldes vorgenommen. Sie haben es mit neueren Fotos des Perlmuttwolken-Phänomens verglichen, und diese Ähnlichkeit des Himmels, die durch die Wolken in Munchs Der Schrei verursacht wird, ist tatsächlich sehr groß.

Sollte tatsächlich dieses Phänomen dem roten Himmel von Der Schrei zugrunde liegen, wäre es die erste bekannte graphische Darstellung von "Perlmuttwolken".

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