Am 5. Oktober wurde bei Sotheby’s in London Auktionsgeschichte geschrieben: Nach einem hektischen Wettkampf zwischen acht Bietern wurde das Selbstportrait Propped der englischen Künstlerin Jenny Saville für rund 9,5 Millionen GBP (ca. 10,9 Millionen Euro) versteigert. Durch den überraschend hohen Verkaufspreis (Schätzpreis: 3 Millionen - 4 Millionen GBP) darf Saville nun ganz oben auf dem Siegerpodest der teuersten lebenden Künstlerinnen dieser Welt Platz nehmen.

Jenny Saville, Propped, Öl/Lwd., 1992 | Foto: Sotheby's Jenny Saville, Propped, Öl/Lwd., 1992 | Foto: Sotheby's

Das Gemälde stammt aus der Sammlung des 2014 verstorbenen Sammlers, Förderers und ehemaligen Direktor des Museum of Modern Art in New York, David Teiger. Teiger erwarb das 1992 gemalte Propped zusammen mit weiteren Werken von Jenny Saville. Fünf Jahre später war das Werk Teil der provokativen Ausstellung „Sensation: Young British Artists“ der Saatchi Gallery in London.

Sensation war die provokativste und innovativste Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst, die es jemals in Großbritannien gegeben hat. In der Ausstellung waren neben Propped auch Werke von Damien Hirst, Tracey Emin und Chris Ofili zu sehen und stach dabei als eines der bedeutendsten Werke unserer Zeit hervor. Berücksichtigt man alle künstlerischen Herausforderungen, die Saville Arbeit beinhaltet, stellt Propped das wichtigste Werk der Künstlerin dar, das jemals versteigert wurde“, sagt Alex Branczik, Leiter der Abteilung für Zeitgenössische Kunst bei Sotheby’s Europe.

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So wie es auch bei Propped der Fall ist, diente sich die Künstlerin selbst als Motiv ihrer frühen Arbeiten. Saville gesamte Karriere ist geprägt von der Darstellung weiblicher Modelle. In ihrem Œuvre untersucht Jenny Saville die festgefahrenen Richtlinien des weiblichen Schönheitsideals in der heutigen Gesellschaft und stellt sie infrage. Außerdem schreibt sie damit ein neues, fundamentales Kapitel zur Aktmalerei in der Kunst, die traditionell von Peter Paul Rubens bis Lucian Freud von Männern dominiert wird.

Savilles Teenagerzeit fand in den 1980ern statt, ein Jahrzehnt, in dem das Schönheitsideal für den weiblichen Körper durch die Fitnesswelle nachhaltig geprägt wurde. Die Frau in Popped versucht diesem Trend zu folgen, indem sie ihr Fleisch strafft und auf einem unbequemen und ungeeigneten Stuhl Platz nimmt, um damit ihren Platz und ihre Rolle im Rahmen der patriarchalischen Gesellschaft einzunehmen.

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In Propped zeigt Saville sich selbst als Reflexion in einem beschlagenen Spiegel, auf dem ein Zitat der französischen Feministin Luce Irigaray geschrieben steht: „Wenn wir fortfahren, in der gleichen Art und Weise zu sprechen, so wie es Männer seit Jahrhunderten tun, werden wir wir uns enttäuschen. Die Worte werden noch einmal unsere Körper durchdringen, über unsere Köpfe hinweggehen - sie werden verschwinden, sie werden uns verschwinden lassen…“. Das Zitat ist für den Betrachter spiegelverkehrt, der gemalten Figur zugewandt.

Die Ereignisse rund um die #MeToo-Bewegung der jüngeren Vergangenheit haben gezeigt, dass über die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft noch längst nicht entschieden ist, weshalb Propped heute noch genauso bedeutsam ist, wie zum Zeitpunkt seiner Entstehung.

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