Auf dem Mittelteil des Portinari-Triptychons hat der flämische Maler Hugo van der Goes in den 1470er Jahren eine Geburtsszene gemalt, wie man sie sich im Allgemeinen vorstellt: Maria, wie meistens im zeitlosen blauen Gewand, und der "gehörnte" Josef beten das soeben auf die Welt gekommene Jesuskind an. Dieses liegt dabei entweder - wie beim Triptychon - auf dem Boden oder in einer Krippe.

HUGO VAN DER GOES (um 1435/1440-1482) - Der Portinari-Triptychon, Farbe/Holz, 1473-77 Florenz, Galleria degli Uffizi HUGO VAN DER GOES (1435/1440-1482) - Der Portinari-Triptychon, Farbe/Holz, 1473-77
Florenz, Galleria degli Uffizi

Zu den beiden gesellen sich diverse Hirten und deren Schafe sowie ein Ochse und ein Esel. Auch eine Handvoll Engel darf nicht fehlen. Die Szene spielt sich in eher minderwertiger Bausubstanz ab, denn bekanntlich war nur ein Stall in ganz Bethlehem verfügbar.

Ganz anders stellte Paul Gauguin 1896 die bekannte Szene dar. Der französische Spätimpressionist hatte im Jahr davor der Zivilisation endgültig den Rücken gekehrt und war nach Tahiti gegangen, das er bereits von einem früheren Aufenthalt her kannte.

In Gauguins Gemälde sieht man im Vordergrund eine junge tahitiarische Frau auf einem Bett liegen. Den Blick hat sie rückwärts zu einer sitzenden Frau gerichtet, die ein Baby hält. Sowohl der Kopf des Babys als auch der der liegenden Frau sind mit einem Nimbus umgeben. Neben der Frau mit dem Baby steht eine Gestalt, ein Engel, mit grünen Flügeln. In der Tiefe des Raumes sind mehrere Kühe zu sehen.

PAUL GAUGUIN (1848-1903) - Te tamari no atua, Öl/Lwd., 1896 München, Neue Pinakothek PAUL GAUGUIN (1848-1903) - Te tamari no atua, Öl/Lwd., 1896
München, Neue Pinakothek

Obwohl Heiligenscheine abgebildet sind und das Gemälde den tahitiarischen Titel Te tamari no atua ("Kind Gottes") trägt, ist hier weniger die Geburt Christi wiedergegeben, als eine persönliche Episode aus dem Leben des Malers.

Nach seiner Rückkehr nach Tahiti bezog Gauguin nahe der Hauptstadt Papeete eine bescheidene Hütte. Er bewohnte sie nicht allein, eine junge Frau namens Pau'ura lebte dort mit ihm. Ende 1896 brachte Pau'ura eine gemeinsame Tochter zur Welt, die jedoch schon bald darauf starb. Dieses Ereignis liegt dem Gemälde zugrunde.

Tatsächlich gleicht die sitzende Frau, die das Baby hält, Darstellungen des tahitiarischen Totengeistes. In dieser Funktion übergibt sie das tote Kind an den Engel neben ihr.

Paul Gauguin war weder selber besonders fromm, noch hatte er den Wunsch, die Tahitianer zu Christianisieren. Die Verwendung christlicher Bildmittel stellt vielmehr eine Bedeutungssteigerung dar, die das persönliche Erlebnis auf eine höhere Ebene hebt.

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