Giorgio de Chirico, Das Lied der Liebe, 1914 | Abb. via esquizonauta Giorgio de Chirico, Das Lied der Liebe, 1914 | Abb. via esquizonauta

Der Mensch René Magritte wurde 1898 geboren, der Künstler René Magritte im Jahr 1922. In jenem Jahr wurde der 24-jährige von seinen Freunden Marcel Lecomte und E. L. T. Mesens auf eine Reproduktion von Giorgio de Chiricos Das Lied der Liebe aufmerksam gemacht. "Meine Augen sahen das Denken zum ersten Mal", erklärte der junge Künstler, der vor dieser lebensverändernden Erfahrung dazu neigte, dekorative Malerei zu praktizieren und Plakatillustrationen zu produzieren - ein Betätigungsfeld, das er eher als Mittel des Ausdrucks wählte und nicht aus der Not heraus, da er die durch die florierende Geschäftigkeit seines Vaters geschaffene gut bürgerliche Welt nie wirklich verlassen sollte. Eine Welt, die damals von Männern mit Melonenhüten bevölkert wurde...

René Magritte, The Son of Man, 1946 | Abb. via renemagritte.org René Magritte, The Son of Man, 1946 | Abb. via renemagritte.org

Wolken

Dennoch kann man nicht sagen, dass René Magritte seine Kindheit unter einem wolkenlosen Himmel verbracht hätte. Der zukünftige Künstler war 14 Jahre alt, als sich seine depressive Mutter, die vermutlich die Schürzenjägermentalität ihres Mannes satt hatte, in den Fluss Sambre in der belgischen Region Pays Noir stürzte. Dieses Drama sollte Auswirkungen auf seine Arbeit haben, auch wenn Magritte selbst jede in diese Richtung zielende psychoanalytische Interpretation von sich wies. Dennoch werden hin wieder Parallelen gezogen zwischen den vielen verschleierten Gesichtern, die er malte und dem Bademantel, mit dem das Gesicht seiner ertrunkenen Mutter bedeckt worden war, nachdem man ihren leblosen Körper entdeckt hatte.

René Magritte, Die Liebenden I, 1928 | Abb. via renemagritte.org René Magritte, Die Liebenden I, 1928 | Abb. via renemagritte.org

Ende 1915 gab René Magritte, der zunächst im realen Leben von diversen Kindermädchen und im fiktiven Leben von R. L. Stevenson, Edgar Allen Poe, Gaston Leroux und der Comicserie Les Pieds nickelés erzogen worden war, sein Studium am Athenaeum in Charleroi auf, um sich in der Rue du Midi in Brüssel, unweit der Académie Royale des Beaux-Arts, niederzulassen, wo er bis 1919 auf unregelmäßiger Basis Unterricht erhielt. Er besuchte Kurse beim symbolistischen Maler Constant Montald und dem Plakatkünstler Gisbert Combaz. Auch der anarchistische Schriftsteller Georges Eekhoud, der dort bis zu seiner Entlassung mitten im Ersten Weltkrieg Französisch lehrte, hatte großen Einfluss auf Magritte. Unter anderem knüpfte er Verbindungen zu Paul Delvaux und Pierre-Louis Flouquet, durch die er seine ersten Schritte in Richtung Kubismus und Futurismus machte. Zusammen mit dem Brüdern Pierre und Victor Bourgeois, die als Filmemacher bzw. Architekt arbeiteten, beteiligte er sich an der Herausgabe der Zeitschrift Au Volant und anderen avantgardistischer Publikationen, von denen die meisten nicht lange überlebten, die aber enorm zu der Entwicklung der in ihnen behandelten künstlerischen Bewegungen in Belgien beitrugen.

Georgette und Giorgio

Anfang der 1920er Jahre zog die Romantik in René Magrittes Leben ein, als er im Brüsseler Jardin des Plantes zufällig seine Jugendliebe Georgette Berger wieder traf. Sie heirateten am 28. Juni 1922 und Georgette wurde seine einzige Muse.

Mit Georgette und der oben beschriebenen Entdeckung von Giorgio de Chirico waren nun alle Elemente vorhanden, die der Maler Magritte benötigte, um wirklich "abheben" zu können. Sein erster Wurf war im Jahr 1926 Jockey perdu, das eine Verbindung aus Dada, Metaphysik und Surrealismus darstellt.

René Magritte, Le Jockey perdu, 1926 | Abb. via renemagritte.org René Magritte, Le Jockey perdu, 1926 | Abb. via renemagritte.org

Mitte der 1920er Jahre schuf Magritte zahlreiche Illustrationen für Film- und Theaterplakate, die Automobilindustrie und große belgische Firmen. Zudem gründete er mit Persönlichkeiten wie Paul Nougé, André Souris, Louis Scutenaire und Irène Hamoir in Brüssel eine surrealistische Gruppe.

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1927 zog er nach Perreux-sur-Marne östlich von Paris, wo er vor allem mit André Breton, Paul Éluard, Max Ernst und Salvador Dalí verkehrte und sich drei Jahre lang an deren künstlerischen und intellektuellen Aktivitäten beteiligte. Eine depressive Erkrankung ließ ihn jedoch nach Belgien zurückkehren.

René Magritte, La trahison des images, 1928 | Foto: MoMA René Magritte, La trahison des images, 1928 | Foto: MoMA

Dort war sein Ansehen, trotz seiner langen Abwesenheit, enorm gestiegen. 1933 gab es im Palais des Beaux-Arts in Brüssel eine Ausstellung und drei Jahre später wurde seinen Werken eine erste Einzelausstellung gewidmet - und zwar in der Julien Levy Gallery in New York. Als er im folgenden Jahr London besuchte, hielt er in der Galerie seines Freundes und Landsmanns Mesens, wo auch seine Werke ausgestellt wurden, einige Vorträge. Es war der Beginn einer sehr produktiven Phase, in der er mit Breton zusammenarbeitete, neue surrealistische Publikationen herausgab und mehrere hundert Werke schuf. Angefüllt mit Poesie, Lockvögeln, trompe-l'œil-Effekten und Humor wandelten diese Arbeiten im Anschein einer harmlosen Kindlichkeit und Bürgerlichkeit in Richtung Subversion und Anarchie. Durch den korrosiven Humor seiner an Absurdität grenzenden Malerei arbeitete Magritte daran, die Grundlagen aller Konventionen der sogenannten modernen Welt zu zerstören.

René Magritte | Foto via renemagritte.org René Magritte | Foto via renemagritte.org

Spuren verwischen

Die deutsche Invasion veranlasste Magritte im Mai 1940 Belgien zu verlassen. Gemeinsam mit einigen seiner surrealistischen Freunde aus Belgien, deren kommunistische Tendenzen offenkundig waren, lebte er einige Monate im südfranzösischen Carcassonne.

Mitte der 1940er Jahre änderte sich René Magrittes Stil radikal, indem er sich von impressionistischen Techniken inspirieren ließ und gleichzeitig seine Forschung zur Illusion fortsetzte. Auf diese sogenannte "Renoir-Periode", ein Begriff, den Magritte niemals selbst verwendete, folgte die "Vache-Periode" ("Kuh-Periode") mit etwa 40 provokativen Gemälden und Gouachen, die mit ihrem reinen Surrealismus erneut erneut seine Spuren verwischen sollten.

René Magritte, L’Empire des lumières, 1949 | Abb.: Christie's René Magritte, L’Empire des lumières, 1949 | Abb.: Christie's

Aus dieser späten Phase des künstlerischen Schaffens von Magritte stammen viele seiner Werke, die heute zu Höchstpreisen versteigert werden. Bei den beiden bislang teuersten Werken, die beide 2017 bei Christie's versteigert wurden, handelt es sich um L’empire des lumières von 1949 (17,6 Millionen Euro) und La corde sensible von 1960 (16,1 Millionen Euro).

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René Magritte, La Corde sensible, 1960 | Abb.: Christie's René Magritte, La Corde sensible, 1960 | Abb.: Christie's

In den 1950er und 1960er Jahren wurden weltweit mehrere Retrospektiven organisiert, viele davon in den Vereinigten Staaten, wo die Werke Magrittes bereits eines große Fangemeinde hatten. René Magritte starb am 15. August 1967 in Brüssel, wo er neben seiner 1986 verstorbenen Frau Georgette auf dem Friedhof von Schaerbeek seine letzte Ruhe gefunden hat. Zwei Museen sind dem berühmten Maler in der belgischen Hauptstadt gewidmet: das Magritte Museum, das Teil der Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique ist und das René Magritte Museum, das in dem Haus untergebracht wurde, in dem der Maler von 1930 bis 1954 lebte.

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