Frauen, die Maler zu ihren Höchstleistungen anregen, werden Musen genannt. „Erfinder“ des Begriffs „Muse“ waren die alten Griechen. In deren Mythologie waren diese neun Damen die Töchter des Göttervaters Zeus und der Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung und als Schutzgöttinnen der Künste jeweils einer anderen Kunstgattung zugeordnet. Wer von der Muse geküsst wurde, konnte sich glücklich schätzen – Katastrophen, wie eine Schreibblockade, rückten in weite Ferne.

Das Bild von der Muse hat sich seitdem  gewandelt, vor allem sind sie jetzt eindeutig irdischen Ursprungs. Nach wie vor kommen sie in allen Bereichen der schönen und bildenden Künste vor. Die von ihnen inspirierten Dichter widmen ihnen Poeme, Komponisten berührende oder mitreißende Melodien. Am greifbarsten wird die Muse jedoch im Bereich der Malerei und der Plastik, denn dabei ist sie nicht nur der gute Geist, der über dem Erschaffenen schwebt, sondern steht uns plötzlich persönlich gegenüber.

So ganz werden die Musen ihren Hauch des Mysteriösen allerdings wohl nie verlieren, denn es bleibt immer die Frage: Was ist ihr Geheimnis? Was haben sie an sich, dass Maler zu ihren beeindruckendsten Werken inspiriert? Eine allgemeine Antwort gibt es da nicht. Denn wie jedes menschliche Wesen, ist die Muse ein Individuum mit einem ganz persönlichen Lebensweg. Ein paar davon wollen wir im Folgenden betrachten.

Simonetta Vespucci (1453-1476)

Piero_di_Cosimo_-_Portrait_de_femme_dit_de_Simonetta_Vespucci_-_Google_Art_Project PIERO DI COSIMO (um 1462 Florenz-1521 ebenda) - Simonetta Vespucci als Kleopatra Bild via Wikipedia

Unser erstes Beispiel lebte zu Beginn der Renaissance, dem Zeitalter, das den individuellen Menschen – und damit die individuelle künstlerische Darstellung – wiederentdeckte. Simonetta Vespucci entstammte einer Genueser Adelsfamilie. Sie heiratete den Cousin des berühmten Seefahrers Amerigo Vespucci und lebte seitdem in Florenz, wo sie bald als die schönste Frau der Stadt gefeiert wurde. Ihre Schönheit inspirierte viele damalige Künstler. Piero di Cosimo malte sie als Kleopatra, Sandro Botticelli gab sie in verschiedenen Madonnendarstellungen und mythologischen Portraits wider. Ob sie auch als Vorlage für die Protagonisten in Botticellis Geburt der Venus diente, ist in der Kunstgeschichte umstritten.

Fernande Olivier (1881-1966)

fernandeolivier Fernande Olivier (1881-1966) Foto via reallifeiselsewhere.blogspot.com

Pablo Picasso hatte im Laufe seines vielbewegten Lebens und Wirkens so manche Muse. Die gleichaltrige Fernande Olivier war jedoch seine erste. Bereits vor der Begegnung mit Picasso arbeitete die als Amélie Lang geborene Olivier als Modell für verschiedene Künstler. Sie und der spanische Künstler lernten sich 1904 in Paris kennen und lieben. Bis 1912 war Fernande Olivier Picassos Lebensgefährtin und Muse. In diesen Zeitraum fällt auch die Entstehung des Kubismus. Picasso portraitierte seine Freundin mehrere Male in diesem Stil. Nachdem sich ihre Wege getrennt hatten, arbeitete Fernande Olivier weiterhin als Modell und später als Lehrerin. Ihre gemeinsame Zeit mit Pablo Picasso beschrieb sie in zwei Memoiren.

Jeanne Hébuterne (1898-1920)

portrait-of-jeanne-hebuterne-modigliani AMEDEO MODIGLIANI (1884-1920) - Portrait der Jeanne Hébuterne, 1918 Bild via redtreetimes.com

Eine gleichermaßen berührende wie tragische Künstler-Musen-Beziehung war jene, die Amedeo Modigliani und Jeanne Hébuterne miteinander verband. Hébuterne lebte als Kunststudentin in Paris, als sie den vierzehn Jahre älteren Modigliani kennenlernte. Sie verliebten sich und zogen in eine gemeinsame Wohnung. 1918 kam eine uneheliche Tochter zur Welt. Modigliani malte seine Geliebte mehrere Male. Jeanne strahlt auf diesen Portraits eine große Ruhe aus und damit den Einfluss, den sie auf den Künstler hatte, dessen Leben bis dahin von Alkohol und Drogen geprägt war. Als Jeanne erneut schwanger war, wurde endlich die Hochzeit geplant. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen, denn Modigliani starb am 24. Januar 1920 an tuberkulöser Meningitis. Am Tag nach dem Tod des geliebten Mannes beging Jeanne Hébuterne Selbstmord.

Berthe Morisot (1841-1895)

manetRepose ÉDOUARD MANET (1832-1883) - Die Ruhepause (Portrait von Berthe Morisot), 1870 Bild via artvent-artventures.blogspot.com

Ein gänzlich anderes Schicksal war Berthe Morisot bestimmt. Diese stammte aus dem Großbürgertum und wurde selbst zu einer großartigen Künstlerin. Inspirierend muss sie auf den Impressionisten Édouard Manet gewirkt haben, der sie zwischen 1868 und 1874 zwölfmal portraitierte. Für eine junge Frau ihrer Herkunft war das Modellsitzen für Gemälde, die kein in Auftrag gegebenes Portrait waren, in der damaligen Zeit sehr unüblich. Aber ganz der Sittenstrenge verpflichtet, begegneten sich Morisot und Manet, der damals bereits verheiratet war, nie völlig alleine und ihr Verhältnis dürfte tatsächlich rein platonisch gewesen sein. Berthe Morisot heiratete dann auch Édouard Manets Bruder Eugène. Berthe Morisot war keine Muse im klassischen Sinn und vielleicht sollte man darüber nachdenken, ob Édouard Manet, den sie in seinem künstlerischen Schaffen bewunderte, nicht eher ihre Muse gewesen ist.

Edie Sedgwick (1943-1971)

edie-andy-1 Edie Sedgwick und Andy Warhol Foto via agnautacouture.com

Als ein Verhältnis zwischen Muse und Künstler, das definitiv rein platonischer Natur war, ist jenes zwischen Edie Segdwick und dem Pop Art-Gott Andy Warhol zu nennen, denn in Warhols Liebesleben spielten Frauen keine Rolle. In seinem künstlerischen Schaffen schon und als er 1965 das 21-jährige Modell Edie Sedgwick in New York kennenlernte, war er sofort so fasziniert, dass er sie zu seiner Muse erklärte und zu seinem Alter Ego formen wollte. Sedgwick, die zu dem Zeitpunkt bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad in der New Yorker Modeszene innehatte, wurde zum Star einiger Experimentalfilme, die Warhol mit seiner Factory drehte. Man kann sie als das erste It-Girl mit einem unverwechselbaren Stil bezeichnen. Das Verhältnis zwischen Warhol und Sedgwick kühlte jedoch bald schon ab, da sich sie sich von ihm nicht korrekt behandelt fühlte (sie erhielt kein Geld für ihre Filmrollen). Sie schloss sich vermehrt dem Kreis um Bob Dylan an. Zum endgültigen Bruch kam es 1966. Edie Sedgewicks Leben war danach von verschiedenen künstlerischen Projekten und dem zunehmenden Drogenkonsum geprägt, der zu ihrem frühen Tod im Alter von 28 Jahren führte.

Saskia van Uylenburgh (1612-1642)

r_rembrandt_rembrandt176 REMBRANDT VAN RIJN (1606-1669) - Portrait der Saskia van Uylenburgh, ca. 1633 Bild via klp.pl

Kommen wir nun zu zwei Beispielen, bei denen die Muse die Ehefrau des Künstlers ist. Als Vertreterin des Barockzeitalters ist da Saskia van Uylenburgh zu nennen, die Ehefrau des großen niederländischen Malers Rembrandt van Rijn. Saskia entstammte einer wohlhabenden Patrizierfamilie und die Tatsache, dass sie einen Mann heiratete, der gesellschaftlich weit unter ihr stand, zeugt von ihrem starken Charakter und von der großen Liebe, die sie für ihn empfunden haben muss. Auf Rembrandt muss sie einen faszinierenden Eindruck gemacht haben, denn sie stand ihm für viele Gemälde und Zeichnungen Modell, wie zum Beispiel als römische Frühlingsgöttin Flora. Auch bildete Rembrandt sich und seine Ehefrau gemeinsam ab. Doch gab es nicht nur Glück im Hause van Rijn: Drei der vier Kinder starben früh und auch Saskia wurde keine dreißig Jahre alt. Die Bedeutung, die sie für Rembrandts Inspiration gehabt haben muss, wird dadurch deutlich, dass sein künstlerisches Schaffen nach ihrem Tod stark abnahm.

Gala Éluard Dalí (1894-1982)

4206_pag_108_3_240 Gala und Salvador Dalí Foto via thedali.org

Zum Schluss kommen wir zu einer Frau, die gleich auf mehrere Künstler inspirierend gewirkt hat, vor allem jedoch als Ehefrau Salvador Dalís bekannt geworden ist. Geboren wurde sie als Jelena Dmitrijewna Djakonowa im russischen Kaiserreich, den Namen Gala gab sie sich selbst. In der Schweiz lernte sie den surrealistischen Dichter Paul Éluard kennen. 1917 heirateten sie und lebten nach dem 1. Weltkrieg in Paris, wo sie Kontakte zur avantgardistischen Kunstszene unterhielten. Anfang der 1920er Jahre lernten die Éluards den Maler Max Ernst kennen. Gala und Ernst verliebten sich und zwei Jahre lang führten der Künstler und das Ehepaar eine Dreiecksbeziehung. In dieser Zeit portraitierte Max Ernst Gala mehrmals.

Als sich Gala und der zehn Jahre jüngere Salvador Dalí 1929 ineinander verliebten und in eine gemeinsame Wohnung in Paris zogen, hatte das weitreichendere Konsequenzen, die 1932 zur Scheidung von Paul Éluard führten, der sie bis zu seinem Tod 1952 liebte. Gala und Dalí heirateten 1934. In der Ehe hatte sie das Szepter in der Hand: Sie stand ihm nicht nur Modell für Gemälde und Skulpturen, sondern kümmerte sich auch um die Vermarktung seiner Werke. Damit hielt sie ihm enorm den Rücken frei, was seinem künstlerischen Schaffen zugute kam. Gala war der Mittelpunkt in Dalís Leben. Dies änderte sich auch nicht, als 1965 Amanda Lear zu seiner neuen Muse wurde. Gala akzeptierte diese neue Situation und war sogar froh, dass es jemanden gab, der sie, die mittlerweile 70 Jahre alt war, in der Öffentlichkeit vertrat. Doch privat konnte Lear Gala nicht ersetzen und von Dauer war die Beziehung zwischen dem Künstler und der jungen Frau auch nicht. Als Dalí schwer erkrankte, pflegte Gala ihn aufopferungsvoll. Als Heim diente dem Ehepaar das Castell Púbol an der spanischen Costa Brava, welche sie bereits 1968 erworben hatten. Um die Einrichtung hatte sich Gala persönlich gekümmert, Dalí komplettierte sie mit einigen Malereien. Als Gala 1982 neben dem schlafenden Salvador Dalí die Augen für immer schloss, erfüllte er ihren letzten Wunsch und ließ sie im Gewölbe der Burg zur letzten Ruhe betten.

So unterschiedlich die Lebensläufe der Musen auch sind, haben sie doch eines gemeinsam: Sie inspirierten die Künstler, die sie küssten, zu einigen ihrer größten Werke und machten sich damit selbst unsterblich.

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