Jahrhundertelang standen Malerei und Plastik einander gegenüber, während sich ihre Vertreter und Kunstkenner stritten, welche der beiden Disziplinen denn nun die "edlere" wäre.

Die Maler argumentierten, dass ihre Aufgabe eindeutig die schwierigere sei, da sie im Gegensatz zu den Bildhauern alles erst erfinden müssten, während ihre Konkurrenten auf bereits bestehendes Material zurückgreifen könnten, aus dem sie die darin befindliche Figur lediglich "befreien" müssten.

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Eine der ersten Aussagen, die die Diskussion auslösten, stammte von Gian Lorenzo Bernini, einem italienischen Bildhauer des 17. Jahrhunderts, der der Académie Française gegenüber erwähnte, dass der Vorteil des Malers darin bestünde, dass er während des kreativen Prozesses des Malens lernen und korrigieren könne. Das Gemälde sei dann das Ergebnis von alldem.

Der Bildhauer hingegen müsse bei einer ursprünglichen Idee bleiben und hätte keine Gelegenheit zur Korrektur. Somit sei eine Skulptur eine Dokumentation dessen, was der Bildhauer bereits vorher erlebt hätte.

Andere Bildhauer ergänzten, dass die Skulptur deshalb die größere Errungenschaft sei, da sie viel komplexer wäre und man sie zudem aus allen Blickwinkeln betrachten könne. Eine Skulptur anzufertigen erfordere durch die durch das Medium auferlegten Einschränkungen wesentlich mehr Geschick und Disziplin, als die Erschaffung eines flachen Gemäldes.

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Heute herrscht wesentlich mehr Toleranz und der Streit ist weitestgehend beigelegt. Die Skulptur bereichert die Kunstgeschichte und den Auktionsmarkt gleichermaßen und hat vielen Künstlern die Gelegenheit gegeben, sich durch sie individuell auszudrücken und zu weiterzuentwickeln.

In den letzten zehn Jahren wurden auch im Bereich der Plastik auf dem Auktionsmarkt jede Menge neuer Spitzenpreise erzielt, wodurch diese Kunstgattung die Rangliste der teuersten Kunstwerke der Geschichte gehörig erweitert hat.

10. Henri Matisse - Nu de dos, 4 états (Back IV)

Henri Matisse, Nu de dos, 4 état (Back IV), 1930/1978 | Foto: Christie's Henri Matisse, Nu de dos, 4 état (Back IV), 1930/1978 | Foto: Christie's

Am 3. November 2010 entfesselte das Werk, das sich auf Platz dieser Liste befindet, eine Welle der Begeisterung unter den Bietern, die im Auktionssaal von Christie's versammelt hatten. Die Skulptur aus patinierter Bronze, die heute Back IV genannt wird, ist eine monumentale Arbeit von Henri Matisse - und die langwierigste in dessen Karriere. Die Produktion dieser insgesamt vier Entwürfe umfassenden Serie von massiven Reliefs erstreckt sich über einen Zeitraum von 23 Jahren, 1908 bis 1931, und stellt eine wichtige Referenz der modernen Skulptur dar. Auch ihr Thema der an eine Wand gelehnten stilisierten Frau in Rückenansicht ist einzigartig. Back IV ist die einzige Skulptur der Serie, die jemals bei einer öffentlichen Auktion angeboten wurde, was das große Interesse an ihr und den erstaunlichen Preis von 41,8 Millionen Euro erklärt.

9. Alberto Giaometti - Grande tête mince und Grande tête mince (Grande tête de Diego)

Alberto Giacometti, Grande tête mince und Grande tête mince (Grand tête de Diego), 1954/1955 | Foto via Artisera Alberto Giacometti, Grande tête mince und Grande tête mince (Grand tête de Diego), 1954/1955 | Foto via Artisera

Die beiden Skulpturen auf Platz 9 dieser Liste sind zwei Ausführungen eines Entwurfs von Alberto Giacometti. Ihre Auktionsergebnisse lagen eng beieinander, weshalb sie ihren Platz auf dieser Liste teilen. Grande tête mince, auch bekannt als Grande tête de Diego ist eine 65 cm hohe Bronzebüste, die Giacometti 1954 entworfen hatte und bereits ein Jahr später gießen ließ. Als Modell diente Alberto sein jüngerer Bruder Diego, der ebenfalls Künstler war und dem Älteren wiederholt als Inspirationsquelle diente. Im Profil ausgearbeitet, ist der Kopf von vorn betrachtet so dünn wie eine Messerklinge. Die Nummer 6 aus der 6 Exemplare umfassenden auflage von Grande tête mince (Grande tête de Diego) erzielte erzielte 2013 bei Sotheby's rund 44,7 Millionen Euro. Drei Jahre zuvor waren für das Exemplar 3/6 bei Christie's etwa 46,2 Millionen Euro gezahlt worden.

8. Unbekannter Künstler - Figur einer Löwin  

Unbekannter Künstler, Figur einer Löwin, ca. 3000-2800 v. Chr. | Foto: Sotheby's Unbekannter Künstler, Figur einer Löwin, ca. 3000-2800 v. Chr. | Foto: Sotheby's

Dieses überraschende Werk, das aus Magnesit oder kristallinem Kalkstein besteht, ist eine vor etwa 5000 Jahren erschaffenes Kunstwerk aus der Region Elam im heutigen Iran. Die in Bagdad im Irak entdeckte Löwin stellt eines der letzten bekannten Meisterwerke aus den Anfängen der Zivilisation dar. Die Ehre das außergewöhnliche Stück Kunstgeschichte versteigern zu dürfen, fiel 2007 Sotheby's zu, wo der Preis auf 49 Millionen Euro stieg. Durch diese beispiellose Auktion spielt zum ersten Mal ein unbekannter Künstler ganz vorne auf der Rangliste der höchsten Auktionspreise mit.

7. Constantin Brâncuși - La muse endormie

Constantin Brâncuși, La muse endormie, 1909-10/1913 | Foto: Christie's Constantin Brâncuși, La muse endormie, 1909-10/1913 | Foto: Christie's

Platz 7 belegt der 1909 geschaffene und 1913 vergoldete Kopf der Schlafenden Muse des rumänisch-französischen Künstlers Constantin Brâncuși, die bei einer Auktion von Christie's im Mai 2017 für 49,2 Millionen Euro den Besitzer wechselte. Die Bronze ist eine der ersten ovalen Skulpturen, die  Brâncuși anfertigte und mit denen er sich deutlich vom damals aufkommenden Kubismus und dessen fragmentierenden und entstellenden Konzept unterschied. Brâncuși ließ sich lieber von der reinen Form eines Eis und dessen "unnachahmlicher visueller Poesie" inspirieren, womit er sich auf seine eigene künstlerische Reise begab und seine eigene plastische Sprache fand.

6. Jeff Koons - Balloon Dog (Orange)

Jeff Koons, Balloon Dog (Orange), 1994-2000 | Foto: Christie's Jeff Koons, Balloon Dog (Orange), 1994-2000 | Foto: Christie's

Im Jahr 2013 präsentierte Christie's Balloon Dog (Orange), eine monumentale Skulptur aus poliertem Edelstahl von Jeff Koons. Der berühmte Hund stammt aus einer Serie von fünf großformatigen Skulpturen in verschiedenen Farben. Die Arbeit wurde von einem privaten Sammler für atemberaubende 52,8 Millionen Euro erworben, wodurch Koons zum teuersten noch lebenden Künstler der Welt wurde.

5. Constantin Brâncuși - La jeune fille sophistiquée (portrait de Nancy Cunard)

Constantin Brâncuși, La jeune fille sophistiquée (Portrait de Nancy Cunard), 1928/1932 | Foto: Christie's Constantin Brâncuși, La jeune fille sophistiquée (Portrait de Nancy Cunard), 1928/1932 | Foto: Christie's

Kehren wir zu Constantin Brâncuși zurück, der im Mai 2018 mit La jeune fille sophistiquée (portrait de Nancy Cunard) seinen bisherigen Rekord, der ein Jahr zuvor aufgestellt wurde, übertrumpfen konnte. Diese einzigartige Arbeit aus polierter Bronze stammt aus dem Jahr 1932 und fand bei Christie's einen Käufer, der 60,5 Millionen Euro dafür bezahlte. Brâncușis Inspirationsquelle war eine legendäre Persönlichkeit der Goldenen Zwanziger, Reederei-Erbin Nancy Cunard, die als Dichterin, Verlegerin und Kämpferin gegen Rassismus von sich reden machte.Dieses unkonventionelle Portrait präsentiert eine Vielzahl von Kontrasten: Geradlinige Linien vermischen sich mit Kurven, glatte Flächen verwirbeln, gekrümmte Formen schrumpfen plötzlich. Der Künstler wollte Cunards elegante Persönlichkeit festhalten, ohne auf eine traditionelle Bildsprache zurückzugreifen.

4. Amedeo Modigliani - Tête

Amedeo Modigliani, Tête, 1910-12 | Foto: Christie's Amedeo Modigliani, Tête, 1910-12 | Foto: Christie's

Diese Steinskulptur belegt Platz 4 unserer Liste, nachdem sie 2014 bei Christie's 63,2 Millionen Euro erzielen konnte. Die meisten Werke Modiglianis befinden sich heute in den Ausstellungsräumen diverser Museen. Das Auktionshaus gab an, das es sich bei Tête von 1910-12 tatsächlich um eine der letzten dieser delikaten Skulpturen Modiglianis handelte, die sich in Privatbesitz befand. Der steinerne Kopf vereint alle Eigenschaften des italienischen Künstlers, die dessen Kreationen so einzigartig machen: Eine Annäherung an die Virtuosität der italienischen Renaissance, gepaart mit Einflüssen afrikanischer Masken und den Moais der Osterinseln.

3. Alberto Giacometti - Chariot

Alberto Giacometti, Chariot, 1950/1951-52 | Foto: Sotheby's Alberto Giacometti, Chariot, 1950/1951-52 | Foto: Sotheby's

Mit Chariot von Alberto Giacometti betreten wir nun das Treppchen dieses Rankings. Von der New Yorker Galerie Pierre Matisse wurde die 145 cm hohe Skulptur als eine von Giacomettis wichtigsten Bronzen bezeichnet - eine Ansicht, die von vielen geteilt wird, was 2014 bei Sotheby's zum dritthöchsten Betrag führte, der jemals für eine Skulptur bezahlt wurde: 90,2 Millionen Euro. Der Künstler selbst erklärte, dass ihm das Bild des Wagens in einem Traum erschien, wie ein automatisches Bild, das von seinem Unterbewusstsein erzeugt worden war. Ursprung dieses "Traumbildes" war ein reales Erlebnis im Jahr 1938, als sich Giacometti im Krankenhaus von einem Unfall erholte. Dort konnte er die Krankenschwestern beobachten, die mit kleinen Glöckchen versehene "Apothekenwagen" vor sich herschoben.

2. Alberto Giacometti - L’Homme qui marche I

Alberto Giacometti, L’Homme qui marche I, 1960 | Foto: Sotheby's Alberto Giacometti, L’Homme qui marche I, 1960 | Foto: Sotheby's

Das 1961 entstandene Meisterwerk Giacomettis, der lebensgroße Homme qui marche I, gilt als eines der ikonischsten Werke der modernen Kunst, was seinen 2010 bei Sotheby's erzielten Preis von 75,7 Millionen Euro erklärt. Gezahlt wurde die gigantische Summe von der prominenten brasilianischen Philanthropin Lily Safra. Die in ihrer Bewegung eingefangene Figur eines überschlanken Mannes wirkt bescheiden und ist gleichzeitig ein starkes Symbol der Menschheit an sich. Die Skulptur zierte, zusammen mit dem Portrait ihres Erschaffers, die 100 Franken-Note der ab 1995 ausgegebenen achten Serie des Schweizer Zahlungsmittels.

1. Alberto Giacometti - L’Homme au doigt

Alberto Giacometti, L’Homme au doigt, 1947 | Foto: Christie's Alberto Giacometti, L’Homme au doigt, 1947 | Foto: Christie's

Zum vierten und letzten Mal betritt nun Alberto Giacometti diese Bühne, was ihn - wenig überraschend - zum teuersten Bildhauer der Auktionsgeschichte macht. Im Mai 2015 brach L’Homme au doigt alle bisherigen Rekorde und wurde bei Christie's für umgerechnet 128 Millionen Euro versteigert. Heute ist die Skulptur das fünftteuerste Kunstwerk, das bei einer Auktion den Besitzer wechselte. Die Bronze von 1947 drückt Dominanz und Vertrauen aus, zieht ihre Betrachter in ihren Bann und bringt sie dazu, in die Ferne zu blicken. Giacomettis Vision war es, die Idee der Skulptur neu zu erfinden, mit den Konventionen zu brechen und seiner eigenen Version der Realität Ausdruck zu verleihen.

"1945 habe ich geschworen, dass ich meine Figuren nicht kleiner werden zu lassen, nicht einmal einen Zentimeter. Aber heute und hier ist etwas passiert: Ich konnte ihre Größe beibehalten, aber sie wurden schmal, schmal, groß ... und dünn wie ein roter Faden. Du spürst dein Gewicht nicht. Ich wollte diese Leichtigkeit reproduzieren, und so schuf ich diese feinen Körper." - Alberto Giacometti

Entdecken Sie bei Barnebys viele Skulpturen, die aktuell auf dem Kunst- und Auktionsmarkt angeboten werden.

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