Spanien hat zweifellos einige der begnadetsten und innovativsten Künstler dieses Planeten hervorgebracht: Von Diego Velázquez über Pablo Picasso bis Salvador Dalí. Innovativ könnte man auch jene Personen nennen, die in den letzten Jahren an einigen von Spaniens Kunstschätzen herumgepfuscht haben, begnadet jedoch eher nicht.

Grund für diese Fehlgriffe der Auftraggeber ist die Tatsache, dass "Restaurator/in" in Spanien keine geschützte Berufsbezeichnung ist [in Deutschland übrigens auch nur in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Anm. d. dt. Red.] und daher in Grunde jeder als Restaurator/in arbeiten kann - ganz ohne Berufsausbildung.

Letztes Opfer unsachgemäßer Restaurierung in Spanien wurde eine Skulptur des Heiligen Georg in der Iglesia de San Miguel Arcángel (Kirche des heiligen Erzengels Michael) im Städtchen Estella in der nordspanischen Region Navarra. Ausgeführt wurde die Arbeit an der Skulptur aus dem 16. Jahrhundert von einem Lehrer einer Handwerksakademie.

Vorher-Nachher-Bild des Hl. Georg in Estella | Foto via ArtUs Restauración Patrimonio Vorher-Nachher-Bild des Hl. Georg in Estella | Foto via ArtUs Restauración Patrimonio

Die Region Navarra darf sich vieler architektonischer Schätze der Romanik rühmen. Auch die Kirche San Miguel Arcángel in Estella war im 12. Jahrhundert in diesem Stil errichtet  worden, wurde später jedoch im Stil der Gotik umgebaut und erweitert. Den Hauptbau der Kirche begleiten fünf Kapellen, in einer von ihnen befindet sich die besagte  Skulptur aus dem 16. Jahrhundert, die den Heiligen Georg zu Pferd zeigt, der im Begriff ist, seine berühmteste Tat zu begehen: Den Drachen töten.

Der Hl. Georg in Estella vor seiner Restaurierung | Foto via ArtUs Restauración Patrimonio Der Hl. Georg in Estella vor seiner Restaurierung | Foto via ArtUs Restauración Patrimonio

Gut 400 Jahre nach ihrer Fertigstellung bedurfte die Skulptur einer Auffrischung. Der Pfarrer der Gemeinde erteilte diesen Auftrag einem Lehrer der örtlichen Handwerksschule, die das Ergebnis ihrer Arbeit stolz in den sozialen Netzwerken präsentierte. Das Ergebnis war eine Welle der Empörung über die unsachgemäße Behandlung des Kunstwerks, das, nach Aussage professionell arbeitender Experten, lediglich "einer Säuberung der vorhandenen polychromen Farbreste" bedurft hätte.

Carmen Úsua, Restauratorin bei der Firma ArtUs, kommentierte resigniert, die Skulptur sehe nun aus wie "eine Figur aus Pappmaché", während Mitglieder des Kulturrates von Navarra meinten, sie sei zu "einer Karussellfigur eines Jahrmarktes" geworden.

...und hinterher | Foto via ArtUs Restauración Patrimonio ...und hinterher | Foto via ArtUs Restauración Patrimonio

Das Ergebnis der Restaurierung des Heiligen Georg in der Iglesia de San Miguel Arcángel dürfte irreparabel sein, wodurch nicht nur ein Kunstwerk verloren gegangen ist, sondern auch eine wichtige Quelle für Historiker, zeigte die Skulptur doch bis dato viele Details einer spätmittelalterlichen Rüstung, wie sie nur wenige Bildquellen liefern. Nun sind diese Informationen wohl für immer unter einer Schicht von Gips und "Jahrmarktsfarbe" verschwunden.

Die Episode in Estella ist nicht die einzige ihrer Art, die in den letzten Jahren in Spanien bekannt wurde. Ebenfalls viral ging 2012 die Restaurierung des 1930 gemalten Freskos "Ecce Homo" im Santuario de Misericordia in Borja bei Saragossa. Die vom spanischen Maler Elías García Martínez (1858-1934) ausgeführte Arbeit, die sich an einem Kupferstich von Guido Reni aus dem frühen 17. Jahrhundert orientierte, wurde von der 80-jährigen Cecilia Giménez überarbeitet. Statt "Ohs" und "Ahs" hagelte es Spott und Häme. Das Ergebnis wurde als "Skizze eines behaarten Affen in einer Tunika von unzureichender Größe" oder einfach als "Ecce Mono" bezeichnet.

"Ecce Homo" von Elías García Martínez vor und nach seiner Restaurierung | Foto via El Confidencial "Ecce Homo" von Elías García Martínez vor und nach seiner Restaurierung | Foto via El Confidencial

Durch die Aufmerksamkeit in den Medien konnte Borja einen wahren Tourismus-Boom verzeichnen - nur leider aus den falschen Gründen. Und das ist wirklich Schade für ein Land, das mit dem Reina Sofía-Museum in Madrid eines der weltweit meist besuchten Museen 2017 sein Eigen nennen darf.

"Vorher-Nachher"-Bilder dieser Art sind immer gern gesehene Gäste in Zeitungen und im Internet. Einen Fall, der es bisher jedoch geschafft hat, weniger publik zu werden, möchten wir Ihnen an dieser Stelle nicht vorenthalten. Abgespielt hat sich das Drama in der Pfarrkirche San Juan in El Cabaco in der Provinz Salamanca. Die Restaurierungsarbeiten an der dort aufgestellten Skulptur des Heiligen Johannes bleib der Öffentlichkeit weitestgehend verborgen.

Der Hl. Johannes in der Kirche von El Cabaco | Foto via El Español Der Hl. Johannes in der Kirche von El Cabaco | Foto via El Español

Beauftragt worden war die Firma Vitral Artium, Gestión Integral y Restauración del Patrimonio Cultural ("Integrales Management und Restaurierung des Kulturerbes"). Und obwohl auch dieses Ergebnis weitreichende Veränderungen an der ursprünglichen Bemalung verzeichnet, gab es aus den Nachbargemeinden und von den lokalen Behörden nur positive Stimmen. Wo wird also die Grenze zwischen guter und schlechter Restaurierung gezogen? Die Übergänge sind hier - wie so oft - wohl fließend.

Für Spanien bedeutet der unsachgemäße Umgang mit den (kunst-)historischen Schätzen des Landes einen unwiederbringlichen Verlust seines kulturellen Erbes.

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