Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren nicht nur die Bildenden Künste in Aufbruchstimmung, auch bei den Darstellenden Künsten tat sich Neues. Drei Lose, die am 22. September im Hannoverschen Auktionshaus Kastern zum Aufruf kommen, verdeutlichen das besonders gut.

Bei den Objekten handelt es sich um figürliche Lampen aus vergoldeter Bronze, die um 1900 von den französischen Bildhauern Raoul François Larche und Agathon Léonard geschaffen wurden. Als Inspirationsquelle für die elektrifizierten Tischlampen diente ihnen die amerikanische Tänzerin Loie Fuller, die seit 1892 in Paris für Furore sorgte.

Wie sie das machte? Loie Fuller kreierte einen Tanz mit Schleiern, den sogenannten Serpentinentanz, bei dessen Aufführung farbige Lichtprojektionen aus elektrischem Licht zum Einsatz kamen. Dieser ausdrucksstarke Tanz war zu jener Zeit als etwas völlig Neues und gilt als die Geburtsstunde des modernen Tanzes.

Die eleganten Lampen von Larche und Léonard stellen durch ihre elegante Ausführung und ihrer Elektrifizierung die perfekte Reminiszenz an die bedeutende Tänzerin dar.

Die beiden Bildhauer waren nicht die einzigen Künstler im damaligen Paris, die Loie Fuller in ihren Werken verewigten. Unter ihnen Auguste Rodin und natürlich Henri  de Toulouse-Lautrec, der die Tänzerinnen des Folies Bergères und vom Montmartre wie kein anderer für die Nachwelt festgehalten hat.

Zu den Tänzerinnen, die Toulouse-Lautrec wiederholt portraitierte, gehörte auch Marcelle Lender, die in Paris nicht nur für ihren Tanz sondern auch für ihre leuchtend roten Haare bekannt war. Ihr "Markenzeichen" waren zwei große rote Mohnblumenblüten aus Stoff, die sie im Haar trug. Die Blüten sind auch auf der Farblithografie zu sehen, die der Künstler 1895 von der 33-jährigen Mademoiselle Lender schuf.

Um 1900 tummelten sich nicht nur zahllose Künstler der Avantgarde und Tänzerinnen in Paris, sondern auch viele reiche Amerikaner, die die Bedeutung der neuen Stilrichtungen erkannten und als Mäzene tatkräftig unterstützten. Eine der bekannten Persönlichkeiten in dieser Funktion war Gertrude Stein, die eine der frühesten Förderer von Picasso, Matisse und Braque war.

Ein andere Gertrude war Gertrude Vanderbilt Whitney (1875-1942), die zeitweilig in Paris lebte und sich als Erbin eines Eisenbahnimperiums und Gattin eines Bankiers keine Gedanken um Geld machen musste. Tat sie auch nicht. Stattdessen trat sie als großzügige Mäzenin auf und entpuppte sich selbst als talentierte Bildhauerin, der sogar der große Rodin seine Aufmerksamkeit zukommen ließ.

Links: GERTRUDE VANDERBILT WHITNEY (1875 New York 1942) - Kopf des Titanic Memorials, Bronze/Marmor, signiert und datiert, 1915 Rechts: Gertrude Vanderbilt Whitney, Fotografie von 1917 | Abb. via Wikipedia Links: GERTRUDE VANDERBILT WHITNEY (1875 New York 1942) - Kopf des Titanic Memorials, Bronze/Marmor, signiert und datiert, 1915 Rechts: Gertrude Vanderbilt Whitney, Fotografie von 1917 | Abb. via Wikipedia

In den Vereinigten Staaten sind einige Skulpturen der Gründerin des New Yorker Whitney Museums auf öffentlichen Plätzen zu sehen, darunter das Women's Titanic Memorial in Washington, das an die Opfer des 1912 gesunkenen Ozeandampfers erinnert - ein Unglück, bei dem auch einige Bekannte Gertrudes aus der New Yorker High Society ihr Leben verloren hatten. Ein Bronzeabguss des Kopfes des Titanic Memorials kommt ebenfalls in der Auktion von Kastern zum Aufruf

Mit dem deutschen Bildhauer Georg Kolbe kehren wir noch einmal in die Welt des Tanzes zurück, denn es war die bronzene Tänzerin, die ihn 1912 bekannt machte. Die Skulptur gilt als Kolbes Schlüsselwerk, mit dem er zu einer eigenen ausdrucksstarken Formensprache gefunden hatte. Im Auktionshaus Kastern kommt die 14 Jahre später entstandene Klagende zum Aufruf. Dabei handelt es sich um einen von nur neun zu Lebzeiten des Künstlers ausgeführten Güsse von insgesamt nur zwölf ausgeführten Exemplaren.

In der Auktion ebenfalls vertreten sind zwei interessante Skulpturen der beiden bedeutenden Surrealisten Salvador Dalí und Max Ernst. Von Dalí stammt die 1977 erdachte Bronze Venus Spatiale, die einen klassischen, wenn auch geteilten, Frauentorso mit Symbolen kombiniert, die gleichermaßen Vergänglichkeit und das Leben darstellen.

Von Max Ernst stammt die dreiteilige Bronze La Reine, le Fou et le Cheval ("Dame, Läufer und Springer") von 1929/30. Der Künstler lebte ab 1922 in Paris, wo er zunächst beim Ehepaar Paul und Gala Éluard unterkam. Max und Gala begannen eine Affaire, es entstand eine Dreiecksbeziehung, die jedoch nicht für die Ewigkeit bestimmt war. 1932 ging Gala eine neue Ehe ein, jedoch nicht mit Max Ernst, sondern mit Salvador Dalí. Könnte die vorliegende Skulptur mit der Königin des Schachspiels mit zwei ihr unterlegenen Figuren eine Anspielung auf die Ménage à trois darstellen?

In der kommenden Versteigerung im Auktionshaus Kastern gibt es noch viele weitere interessante Objekte zu entdecken. Insgesamt werden über 1000 Lose mit Gemälden, Grafik, Skulpturen, Ikonen, Silber, Möbel, Porzellan sowie Uhren und Schmuck angeboten. Beginn der Auktion, die im Auktionshaus in der Baringstraße 8 in Hannover stattfindet, ist 11 Uhr. Noch bis zum 21. September haben Sie dort täglich die Gelegenheit einer Vorbesichtigung aller Objekte.

Wie immer finden Sie alle Lose des aktuellen Kataloges auch hier bei Barnebys.

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