Solche Warnungen haben zum einen rechtliche Grundlagen, zum anderen basieren sie auf dem kulturellen Ballast, den erotische Kunst noch immer mit sich herumschleppt. Zudem wird sie mehr als jedes andere Genre durch eine sehr individuelle Betrachtungsweise wahrgenommen. Für die einen ist sexuell explizite Kunst ein Zeichen für den Niedergang allen Anstands in unserer Gesellschaft, für die anderen ist sie ein natürlicher Ausdruck von Sexualität im positiven Sinne. In jüngster Zeit kommt noch eine dritte Betrachtungsweise hinzu, bei der der Betrachter erotische Kunst durch die Linse der #MeToo-Bewegung wahrnimmt.

MEL RAMOS - H. Upmann, 2006|Abb: Sotheby's MEL RAMOS - H. Upmann, 2006|Abb: Sotheby's

Man betrachte nur einmal die sexy Pin-ups von Mel Ramos, von denen zwei in der Sotheby's-Auktion "Erotic: Passion and Desire" zum Aufruf kommen. Es gibt gleichermaßen Männer und Frauen, die die Kurven und die "Komm näher"-Attitude der nackten weiblichen Modelle verführerisch und kraftvoll finden. Andere bewundern den Grat, auf dem sich der Künstler zwischen schlechtem Geschmack und makelloser Technik bewegt. Auf der anderen Seite gibt es natürlich Leute, die von der ausbeuterischen Natur in Ramos' Darstellungen abgestoßen werden und verärgert sind.

MEL RAMOS - Peekaboo Brunette #4 (Lost paintings of 1965 #61), betitelt, signiert und datiert, 2006|Abb: Sotheby's MEL RAMOS - Peekaboo Brunette #4 (Lost paintings of 1965 #61), betitelt, signiert und datiert, 2006|Abb: Sotheby's

ROBERT MAPPLETHORPE - Eric, 3/15, signiert und datiert, 1980|Abb: Sotheby's ROBERT MAPPLETHORPE - Eric, 3/15, signiert und datiert, 1980|Abb: Sotheby's

Auch zu Robert Mapplethorpes grafischen Fotografien von nackten Männern, von denen drei in der kommenden Auktion von Sotheby's angeboten werden, gibt es unterschiedliche Meinungen. Wie bei Ramos bewundern einige die technische Virtuosität des Künstlers und viele von Mapplethorpes Fans sind einfach dankbar für den Anblick männlicher Akte in einer Kunstwelt, in der die weibliche Form vorherrscht. Was Mapplethorpes Kritiker betrifft, reichen sie von denen, die seine Arbeit nicht von Pornografie unterscheiden können, bis hin zu hartgesottenen Homophoben, die seine Fotografien geradezu fürchten.

"Erotic: Passion and Desire" umgeht keine dieser potenziellen Landminen. Die Auktion setzt bewusst 90 von ihnen in Form von Zeichnungen, Drucken, Fotografien und Skulpturen in Szene.

GUSTAV KLIMT - Zwei ringende Männerakte, 1904/05|Abb: Sotheby's GUSTAV KLIMT - Zwei ringende Männerakte, 1904/05|Abb: Sotheby's

Der Verkauf beginnt mit zwei Zeichnungen von Gustav Klimt von 1904/05, die uns mit einer weiteren Herausforderung des Genres konfrontieren. In einer der Zeichnungen hat Klimt zwei nackte Männer beim Ringkampf wiedergegeben. Zum einen kommt diese Arbeit in der Auktion zum Aufruf, weil die Männer nackt sind. Zum anderen ist das Werk jedoch mehr als ein Kompositionsübung und die Wiedergabe menschlicher Formen. Es soll den Puls des Betrachters beschleunigen, was die Hauptaufgabe der meisten Werke der erotischen Kunst darstellt.

GUSTAV KLIMT - Liebespaar nach rechts liegend, 1904/05|Abb: Sotheby's GUSTAV KLIMT - Liebespaar nach rechts liegend, 1904/05|Abb: Sotheby's

In Liebespaar nach rechts liegend, wo der Kopf einer weiblichen Figur im Schritt ihres männlichen Partners vergraben ist, steht weniger die Komposition im Vordergrund als der Inhalt der Zeichnung. Wir können nicht genau sehen, was die Frau in der Szene macht, aber Klimt hat die Arme des Mannes über dessen nach rechts gedrehten Kopf ausgestreckt dargestellt. Beide Gesten zeigen seine scheinbare Hingabe in einem intimen Moment der Ekstase.

RICHARD AVEDON - Nastassia Kinski and the Serpent, Los Angeles, California, 1981, 52/200, signiert|Abb: Sotheby's RICHARD AVEDON - Nastassia Kinski and the Serpent, Los Angeles, California, 1981, 52/200, signiert|Abb: Sotheby's

Andere Arbeiten sind zahmer, wie das berühmte Porträt Richard Avedons von Nastassja Kinski, die darin stellenweise von einer Boa constrictor verhüllt wird. Eine Komposition, die entworfen wurde, um ohne irgendwelche Galeriewarnungen gezeigt werden zu können. Ursprünglich in Vogue veröffentlicht, war Avedons Modefotografie sexy genug, um die Libido eines Betrachters zu stimulieren, aber harmlos genug, um zu einem Bestsellerposter zu werden - in den 1980er Jahren zierte das Bild die Schlafzimmerwände von weiblichen und männlichen Teenagern gleichermaßen.

PABLO PICASSO - Trois nus assis, signiert und datiert 5.2.67|Abb: Sotheby's PABLO PICASSO - Trois nus assis, signiert und datiert 5.2.67|Abb: Sotheby's

Und dann gibt es die Arbeiten von Pablo Picasso, die uns in Richtung #MeToo-Bewegung geleiten. Bekanntlich hat Picasso Hunderte von erotischen Kunstwerken geschaffen - "Erotic: Passion and Desire" gibt Bietern die Möglichkeit, zwei solcher Zeichnungen zu ersteigern. Die erste, Trois nus assis, wird von den meisten Zuschauern wohl kaum als besonders kontrovers angesehen werden. Es zeigt drei Frauen, die beiläufig miteinander plaudern, als ob sie sich völlig bekleidet in einem Café treffen würden, anstatt nackt auf dem Boden zu sitzen, wobei eine der Figuren ihre Beine unbewusst weit auseinander gespreizt hat.

PABLO PICASSO - Homme et femme nus, signiert und datiert 29.11.71|Abb: Sotheby's PABLO PICASSO - Homme et femme nus, signiert und datiert 29.11.71|Abb: Sotheby's

Der zweite Picasso mit dem Titel Homme et femme nus bringt uns jedoch wirklich auf #MeToo-Territorium. Der Katalog von Sotheby's beschreibt die Arbeit auf Papier als eine "sinnliche Wiedergabe des weiblichen Körpers und eines voyeuristischen alten Mannes hinter ihr", was auf eine gutartige Beziehung zwischen den beiden hindeutet, aber stimmt das? Könnte die weibliche Figur, die "in der Umarmung eines etwas satyrähnlichen Mannes magisch eingeschlossen ist" in Wahrheit nicht kämpfen, um das unerwünschte Herumtasten eines sexuellen Raubtiers zu verhindern? Viele Frauen haben zweifellos schon immer den Unterton der Einschüchterung und des Gewalt gespürt, den Homme et femme nus vermittelt. Aber in unserer Ära von #MeToo ist es plötzlich auch für Männer schwierig, diese Art der Interpretation zu ignorieren, die die Position, die erotische Kunst einnimmt, schwieriger macht, als je zuvor.

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