Über viele Jahre hinweg hat der Gründer des Auktionshauses Grisebach, Bernd Schultz, eine Sammlung mit Zeichnungen berühmter Künstler zusammengetragen, die Ihresgleichen sucht. Darin vertreten sind die berühmtesten Namen der Kunstgeschichte, wie Picasso, Schiele, Kollwitz, Giacometti, Rembrandt und Rodin.

Zugunsten der Gründung eines ExilMuseums in Berlin, das dem Schicksal der Emigranten zwischen 1933 und 1945 gewidmet sein soll und für ihn eine echte Herzensangelegenheit ist, versteigert Bernd Schultz seine Sammlung nun - vermutlich mit einem weinenden und einem lachenden Auge -  in einer Auktion mit dem Titel "Abschied & Neuanfang" bei Grisebach.

Die Auktion umfasst rund 350 Zeichnungen aus 5 Jahrhunderten. Als eine der älteren Arbeiten kommt Étude de jeune homme assis, la jambe droite et la main levées des französischen Begründers der Rokokomalerei Antoine Watteau. Der dargestellte junge Mann trägt das Kostüm eines Harlekins, eine Verkleidung, die in Watteaus Œuvre wiederholt zu finden ist.

Die Zeichnung eines Reiters diente Edgar Degas als Studie zu seinem einzigen Gemälde mit Jagdmotiv, Le Départ pour la chasse, das er 1866 begann und 1873 vollendete. Das Motiv schient Degas ein wenig Kopfzerbrechen bereitet zu haben, erfolgte die Fertigstellung doch erst nach einer Reise nach England, während der er die berühmten Parforcejagden des dortigen Adels mit eigenen Augen beobachten konnte.

Wie kein anderer Künstler seiner Epoche hat Henri de Toulouse-Lautrec das mondäne Treiben in den Café, Restaurants und Cabarets im Paris des späten 19. Jahrhunderts in seinen Werken dokumentiert. In der vorliegenden Zeichnung hat er ein etwas resigniert wirkendes älteres Ehepaar eingefangen, das soeben im Restaurant Chez Larue gespeist hat. Während der Herr aufmerksam die Rechnung studiert, geht der Blick seiner Gattin ins Leere. Szenen einer Ehe?

Das Jahr 1904 ist bei Pablo Picasso von Wechseln gekennzeichnet. Kunsthistorisch bedeutsam vollzog er allmählich den Wechsel von seiner Blauen zu seiner Rosa Periode, auf persönlicher Ebene ersetzte er seine Freundin Madeleine, die ihm auch als Modell gedient hatte, durch Fernande Olivier, die seine erste große Liebe wurde und in den sieben gemeinsamen Jahren in zahlreichen zahlreichen Werken auftauchte. Auf dem vorliegenden Blatt mit Zeichenstudien ist unklar, ob Madeleine oder Fernande oder vielleicht sogar beide abgebildet sind.

Hat irgendjemand die Beziehung zwischen Mutter und Kind jemals gefühlvoller zu Papier gebracht als Käthe Kollwitz? Vermutlich nicht und das vorliegende Werk Abschied von 1910 unterstreicht diese These aufs Vortrefflichste, indem die Künstlerin und Pazifistin Kollwitz die schützenden, übergroßen Hände einer Mutter ihr lebloses Kind zu sich heranziehen lässt. Die persönliche Erfahrung des Abschiednehmens vom eigenen Kind stand Käthe Kollwitz noch bevor: 1914 fiel ihr erst 18-jähriger Sohn Peter in Ersten Weltkrieg.

Wie ein Abschied ist auch das von Egon Schiele ausgeführte Portrait seiner Frau Edith aus dem Jahr 1918, denn in jenem Jahr starben beide Ende Oktober im abstand von nur wenigen Tagen an der Spanischen Grippe. Edith war zu jenem Zeitpunkt schwanger und Egon schien endgültig der Durchbruch zum erfolgreichen Künstler gelungen zu sein, dessen Genialität vor allem durch die einzigartige Eleganz der Linienführung in seinen Zeichnungen zum Ausdruck kam.

Von Oskar Kokoschka stammt ein großformatiges Selbstbildnis mit persönlicher Widmung, das er zu Weihnachten 1920 von sich anfertigte. Die Widmung lautet: "Zu Weihnachten 1920 in unserem Familienhaus, dem Herzbruder Bohuslav und lieben Beistand will ich so vor Augen sein, nicht als der Bösewicht, der ich wirklich bin. Oskar."  Es scheint, als wäre es während des Weihnachtsfestes im Kreise der Familie zu einem kleinen Streit gekommen - eine Situation, die wohl jeder nachvollziehen kann und uns das Bild somit näher bringt.

Dem Orientalismus, der ab dem 19. Jahrhundert viele Künstler inspirierte, konnte sich auch Henri Matisse, einer der Begründer der modernen Malerei nicht entziehen und widmete sich in den 1920er Jahren Darstellungen orientalischer Schönheiten und Odalisken. Als Modelle für selbige dienten ihm allerdings waschechte Französinnen, die er in entsprechende Kostüme steckte. Das gewisse "Feeling" für die Thematik hatte Matisse jedoch zuvor bei Reisen nach Algerien (1906) und Marokko (1912) erwerben können.

Als letztes Bild, dessen Motiv sozusagen die Quintessenz der Auktion darstellt, möchten wir Ihnen Hand with Ink Pen vorstellen, das Andy Warhol im Jahr 1953 zu Papier brachte. In dem unkonventionellen Werk, das auf einer aus einem Block herausgerissenen Seite entstand, ist es Warhol gelungen, den unmittelbaren Moment zwischen Idee und Ausführung einzufangen und lässt den Betrachter so an seiner eigenen Arbeit in dieser frühen Phase seiner Karriere teilhaben.

Die Sammlung Bernd Schultz – „Abschied und Neuanfang“ zugunsten eines ExilMuseums in Berlin wird in drei Abschnitten am 25. und 26. Oktober im Auktionshaus Grisebach versteigert. Zwei weitere Auktionen an den beiden Tagen präsentieren Kunst des 19. Jahrhunderts und Fotografie. Sehen Sie hier die Termine im Überblick:

25. Oktober, 14 Uhr: Sammlung Bernd Schultz I - Alte Meister und „langes 19. Jahrhundert“

25. Oktober, 16 Uhr: Sammlung Bernd Schultz II - Paul Holz – 30 Zeichnungen

25. Oktober, 18 Uhr: Kunst des 19. Jahrhunderts

26. Oktober, 14 Uhr: Sammlung Bernd Schultz III - Moderne und Zeitgenössische Kunst

26. Oktober, 18 Uhr: Photographie

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