1 Foto via Ai Weiwei

Seine Projekte rund um die Flüchtlingskrise, welche auf gemischte Reaktionen stießen sowie das Bewusstsein dafür öffneten, umfassten auch das packende Foto, auf dem Weiwei den dreijährigen syrischen Jungen Alan Kurdi nachstellte, der auf der gefährlichen Flucht aus Syrien ertrunken war. Ebenfalls auf Instagram verkündete Weiwei, dass er seine Ausstellung bei der Kopenhagener Faurschou Foundation abgesagt hat; mit der Begründung: „Ich war sehr schockiert über die gestrige Nachricht, dass die dänische Regierung beschlossen hat, Privateigentum von Flüchtlingen einzuziehen."

Im September letzten Jahres liefen Weiwei und Künstlerkollege Anish Kapoor die Strecke von der Royal Academy of Arts zum Queen Elizabeth Olympia-Park in Stratford, London, um ihr Mitgefühl mit den Migranten auf ihrer Reise nach Europa zum Ausdruck zu bringen.

Kapoor und Weiwei sind nicht die einzigen Künstler, die ihre Kunst als Sprachrohr für ihre Meinung zur Flüchtlingskrise nutzen. Der geheimnisvolle Straßenkünstler Banksy nimmt in seinem kolossalen Themenpark Dismaland Bezug zu der Krise, indem er Migranten darstellt, die Wasser überqueren um Zuflucht zu erhalten. Der abgebaute Themenpark wurde anschließend dafür benutzt, um Unterkünfte für die Migranten im Lager von Calais zu schaffen.

Tage bevor Dismaland geschlossen wurde, veröffentlichte Pussy Riot ein Video, das die gefangene Band gemeinsam mit der Bereitschaftspolizei zeigt.

2 Foto via Vianney Le Caer for Pussy Riot

Im Dezember 2015 setzte Banksy ein Zeichen im Flüchtlingslager „Dschungel von Calais", als ein Kunstwerk an der Mauer des Camps auftauchte, das Steve Jobs mit einer Mülltüte in der einen und dem originalen Apple-Computer in der anderen Hand zeigte. Das Bild veranschaulichte die Abstammung von Jobs, der der Sohn eines syrischen Migranten ist, welcher nach dem 2. Weltkrieg nach Amerika geflohen war.

3 Foto via The Guardian

Im neuen Jahr tauchte ein neues Kunstwerk von Banksy auf. Dieses Mal gegenüber der französischen Botschaft in London. Das Werk kritisierte den Vorschlag der französischen Polizei, Tränengas im „Dschungel von Calais" zu verwenden.

4 Foto via Banksys Website

Jacques-Louis Davids La Mort de Marat und The Death of Marat von Edvard Munch

5 Abbildung via RMN / © Gérard Blot

Politische Kunst ist, wie wir wissen, kein neues Phänomen. Auch wenn es noch ältere Beispiele gibt, ist Jacques-Louis Davids La Mort de Marat oder Marat Assassiné (Der Tod von Marat) von 1793 noch immer ein Beispiel für ein politisches Kunstwerk, das auf schockierende Art und Weise inspiriert. Das Gemälde, das den ermordeten französischen Revolutions-Journalisten Jean-Paul Marat widergibt, wurde zu einer wahren Ikone der Revolution.

6 Abbildung via The Independant

Edvard Munchs The Death of Marat von 1907 zeigt ebenfalls den Toten. Bei seiner Vision ist der Fokus jedoch auf die Mörderin Charlotte Corday gerichtet, die verstört im Vordergrund steht.

Eugène Delacroix' La Liberté guidant le Peuple

7 Abbildung via Konbini

Frankreich verfügt über ein umfangreiches " Œvre" was politische Kunst betrifft. In Eugène Delacroix' La Liberté guidant le Peuple (Die Freiheit führt das Volk an) von 1830, fängt dieser Maler der Romantik die euphorische Stimmung ein, die auf die Juli-Revolution folgte, bei der König Charles X. gestürzt worden war. Die Freiheit wird dabei auf wunderschöne Art und Weise durch Frankreichs Nationalfigur Marianne symbolisiert, die mit der Flagge der Französischen Revolution – heute natürlich die französische Nationalflagge – in der Hand dargestellt ist, welche sie stolz über die Gefallenen hält.

Paul McCarthys aufblasbare „Baum"-Skulptur

8 Foto via The Guardian

Weit entfernt von Delacroix' Werk ist Paul McCarthys aufblasbare „Baum"-Skulptur, welche auf der Pariser Place Vendôme errichtet worden war, der Adresse von Frankreichs Justizministerium. McCarthy, der entfremdete Vater der kontroversen Chapman-Brüder, ist wie diese an Stirnrunzeln gewöhnt, seit sein vorheriges Werk Figuren beinhaltete, die, Georg Bush-Masken tragend, mit Schweinen kopulierten. 2014 wurde die Baum-Skulptur Opfer des Vandalismus von Protestlern des rechten Flügels, die McCarthy beschuldigten, Paris zu demütigen, mit einem Werk, das an einen „Po-Stöpsel" oder – wie die Franzosen sagen würden – „plug anal" erinnere. Zur selben Zeit verloren Präsident François Hollande und Nicolas Sarkozy an Popularität, während Marine Le Pen, Vorsitzende der äußerst rechts gesinnten Front National, zum ersten Mal Sitze im Senat gewinnen konnte. Die Skulptur wurde abgebaut.

Picassos Guernica

9 Abbildung via Pablopicasso.org

Noch immer eines der kraftvollsten Anti-Kriegs-Kunstwerke ist jenes von Picasso, auf dem die leidenden Figuren in Grau, Schwarz und Weiß den Betrachter heute noch immer so bestürzen, wie sie es auch zum Zeitpunkt ihres Entstehens 1937 getan hatten. Das Gemälde zeigt die Bombardierung von Guernica in der nordspanischen Baskenregion durch deutsche und italienische Truppen, die von den spanischen Nationalisten angefordert worden waren. Das Gemälde schockierte die Welt und es wurde anerkannt, dass es teilweise dazu beigetragen hat, die Weltöffentlichkeit auf den spanischen Bürgerkrieg aufmerksam zu machen.

1937, drei Jahre seit Picasso das letzte Mal in Spanien gewesen war, beauftragte ihn die Regierung der spanischen Republik, ein Wandgemälde für die Exposition Internationale des Art et Techniques dans la Vie Moderne auf der Weltausstellung in Paris 1937 zu schaffen. Picasso lebte zu jenem Zeitpunkt in Paris.

Schockiert von dem Bericht in der New York Times, in dem George Steer die Bombardements beschrieb, verwarf Picasso alle Pläne für andere Gemälde, um den Horror von Guernica einfangen zu können.

Da das Werk nicht auf Guernica im Speziellen ausgerichtet ist, übermittelt es noch heute dieselbe zeitlose Anti-Kriegs-Botschaft.

Face2Face-Projekt JR und Marco

10 Foto via JR art

2007 veranstalteten die Schweizer Künstler JR und Marco die bisher größte illegale Foto-Ausstellung. Das Duo kombinierte Portraits von Israelis und Palästinensern und stellte sie in palästinensischen und israelischen Städten aus. Sie waren durch Israel und Palästina gereist und beschrieben den Konflikt, den sie sahen, als: „wie Zwillingsbrüder, die in verschiedenen Familien aufgewachsen sind [...] und jeder kämpft endlos den anderen". Aus dieser Beobachtung heraus wurde das Face2Face-Projekt geboren, für welches sie Portraits von Palästinensern und Israelis, die der gleichen Arbeit nachgingen, machten und diese dann einander gegenüber aufstellten.

David Černý: Shark und Pink Tank

11 Foto via patch.com

Auf der Prager Biennale 2005 enthüllte der anti-konformistische Künstler David Černý seine Skulptur Shark, die den an den Händen gefesselten Saddam Hussein zeigt, der, nur mit seinen Unterhosen bekleidet, in einer Flüssigkeit schwebt. Für die Arbeit, bei der es sich um eine Parodie von Damien Hirsts The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living handelt, wurde in Polen und Belgien ein Ausstellungsverbot verhängt.

12 Foto via Free York

Černý scheut sich nicht davor, ein politisches Statement zu geben. 1991 malte er einen sowjetischen Panzer rosa an – was ihm einen kurzen Gefängnisaufenthalt einbrachte. Der Panzer war Teil eines Monuments, mit welchem der Befreiung der Tschechoslowakei 1945 durch Russland gedacht werden sollte. Der Künstler wollte das Monument auf ein reines Objekt reduzieren, mit dem Ziel, dessen historische Bedeutung aufzuheben, da der Panzer für ihn ein Symbol der politischen Macht des Kommunismus darstellte.

Boris Mikhailovs The Case History-Serie

13 Abbildung via MoMA

Der in der Ukraine geborene Boris Mikhailov fing über dreißig Jahre lang die ehemalige Sowjetunion und das andauernde Leiden derer, die im nachkommunistischen Osteuropa lebten, ein. Die Case History-Serie (1997-98) mit lebensgroßen Farbfotografien, die 2011 im MoMA ausgestellt wurde, portraitiert jene, die der Armut überlassen worden und nun Teil einer entrechteten Gemeinschaft waren, die am Rande des neuen russischen Wirtschaftsystems existierten.

Josephine Mecksepers CDU-CSU

14 Abbildung via Saatchi Gallery

Josephine Mecksepers fotografisches Werk CDU-CSU könnte auf den ersten Blick gradewegs den Seiten der Vogue entsprungen sein. Sieht man genauer hin, erkennt man, dass die beiden Frauen Halsketten mit CDU- und CSU-Schriftzügen tragen. Das politisch aufgeladene Werk hebt die Beziehungen zwischen sozialen Privilegien und Kapitalismus hervor, wobei die Grenzen zwischen Materialismus und Politik verschwimmen, wodurch unsere Wählerstimmen auf etwas reduziert werden, das wir kaufen und das käuflich ist. Wähler werden zu Kunden und politische Parteien zu Marken, deren „Produkte" auf künstlichen Pressekonferenzen verwässert werden – eine Anspielung auf den angeblich falschen Truthahn, den Georg W. Bush den Truppen im Irak zu Thanksgiving 2003 präsentierte.

Lisa Anne Auerbachs Do Ask, Do Tell

15 Foto via Huffington Post

Lisa Anne Auerbachs gestricktes Werk Do Ask, Do Tell von 2010 ist eine Referenz an das Verhalten der Militärpolitik der USA gegenüber homosexuellen Menschen, die damit offen umgehen, während sie ihren Dienst leisten, gemeinhin eher bekannt als die „Don't ask. Don't tell"-Politik. Auerbach sagt, dass der Schal noch mehr aussagt, als nur das Verhältnis zwischen Homosexualität und Militärwesen anzusprechen. Vielmehr ist er ein Statement für Offenheit und ein stolzes Zu-sich-selber-stehen.

Steve Lamberts Capitalism Works for Me!

16 Foto via Creative Time Reports

Steve Lamberts reisendes Werk Capitalism Works for Me! ist ein gigantisches LED-Zeichen mit "Wahr"- und „Unwahr"-Knöpfen, die Passanten wahlweise drücken können. Das Projekt, das Lambert zum ersten Mal 2011 bei Kickstarter ankündigte, sagt aus, dass wir als Gesellschaft die Kühnheit brauchen, das System, von dem wir ein Teil sind, zu hinterfragen. Das Ziel des Werkes ist, eine Diskussion darüber anzuregen, inwiefern der Kapitalismus uns alle betrifft.

Terry Richardson & Obama

17 Abbildung via Konbini

Keine Portraits eines Präsidenten sehen mehr nach 21. Jahrhundert aus, als jene Fotos, die Terry Richardson von Obama machte. 2013, als er zum 44. Präsident der Vereinigten Staaten gewählt worden war, veröffentlichte das Weiße Haus Fotografien von Obama, die der kontroverse Fotograf Terry Richardson geschossen hatte.

Barbara Kruger in The New York Times

18 Foto via The New York Times

Im November 2012, vor dem "Black Friday", war über eine der inneren Seiten der New York Times eine Anzeige geklatscht worden, in der stand: „You Want It You Buy It You Forget it". Betitelt mit For Sale veranschaulicht das Werk das schuldhafte, impulsive Kaufverhalten einer kapitalistischen Gesellschaft – durch Krugers wiedererkennbare große weiße Futura-Schrift. In dem Werk fängt Kruger sowohl die Schuld als auch die Verurteilung ein, die Teil der „schnell gekauft-schnell-weggeworfen"-Konsumentenkultur sind.

Guerilla Girls „Anti-Billionaire"-Kampagne in Minneapolis

19 Copyright © 1985, 1995 by Guerrilla Girls

Dieses Jahr, in dem sie 30 werden, wollen die Guerilla Girls Minneapolis übernehmen, in einem Projekt, das die Reichtums-Diskriminierung auf dem Kunstmarkt durchbrechen soll – getauft wurde es die „Anti-Billionaire"-Kampagne. Die Übernahme der Twin City wird an 20 Kunst-Institutionen stattfinden, darunter das Walker Art Center, welches Protest-Poster der Guerilla Girls von 1985 bis 2012 zeigen wird.

Bei einem Auftritt in der Late Night Show with Stephen Colbert, sagte eines der Guerilla Girls: „Die Kunst sollte so aussehen, wie der Rest unserer Kultur... Wissen Sie, sofern nicht alle Stimmen unserer Kultur in der Geschichte der Kunst gehört werden, ist dieses nicht wirklich die Geschichte der Kunst."
„Jahrelang haben Könige und Königinnen bestimmt, worum es in der Kunst geht, jetzt erwarten wir das von einer demokratischen Gesellschaft und die Kunst sollte von uns allen handeln, nicht nur von den Ankäufen zeitgenössischer Museum, die von einer Handvoll Milliardären mit nullachtfünfzehn Sammlungen regiert werden.

Zhao Zhaos zerbrochene Polizisten-Skulptur

20 Foto via Apollo

Ai Weiweis früherer Assistent Zhao Zhao wollte gerade zu seiner Einzelausstellung in Christopher Maos Galerie in New York aufbrechen, als seine Werke vom chinesischem Zollamt eingezogen wurden und somit niemals aus Tianjin herauskamen. Eine der Arbeiten, die angeblich konfisziert worden waren, war eine zerbrochene Beton-Skulptur eines Polizisten, auf der das Datum von Ai Weiweis Verhaftung von 2011 zu sehen war. Zhao schuf das gewaltige Werk, während Weiwei hinter Gittern saß. Zum ersten Mal in der Öffentlichkeit war es für wenige Tage im Oktober 2011 in Peking zu sehen, bevor die Polizei verlangte, dass es fortgebracht wurde.

Ehrenvoll genannt: Keith Haring

Wühlt man sich durch Harings Werke, stößt man auf mehr als Hunde, Herzen und Babys. Harings Arbeiten beschäftigten viele gesellschaftliche Angelegenheiten, wie AIDS, nukleare Abrüstung, Rassismus und Kapitalismus.

2014 war „The Political Line" in San Franciscos De Young Museum die erste Ausstellung, die Harings Werk von einem sozialen Blickpunkt aus betrachtete, wobei die Objekte anhand ihres politischen Inhalts angeordnet wurden. Dieter Buchhart, der Kurator der Ausstellung, beschreibt Haring als einen der „politischsten Künstler unserer Zeit".

Im selben Jahr, als Tribut an Haring, verkündete sein Wandgemälde im Waschraum des NSFW Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender Community Center, dass es 2015 wiedereröffnet werden würde.

1982 schuf Haring eine Anti-Atomkraft-Poster, das er in 20.000 Kopien bei einer Demonstration im New Yorker Central Park verteilte. Drei Jahre später schuf er sein Free South Africa-Poster, das er bei einer Anti-Apartheid-Demonstration verteilte.

21 Keith Haring artwork © Keith Haring Foundation

22 Keith Haring artwork © Keith Haring Foundation

Als Gegner der Republikanischen Partei, schuf Haring ein Portrait von Ronald Reagan, auf dem dieser eine Fackel mit der Aufschrift 666 hält.

Vielleicht sollten Politiker einsehen, dass die Kunst dann spricht, wenn es an Worten fehlt.

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