Jef Aérosol, Chuuuuttt !!! | Foto: KazoArt Jef Aérosol, Chuuuuttt !!! | Foto: KazoArt

Das Verlangen, sich an Wänden zu verewigen ist so alt wie die Menschheit selbst. Es begann in der Steinzeit, als Höhlenwände als Leinwand für natürliche Pigmente und Kohle dienten und setzte sich in der Antike und im Mittelalter fort, wie die Fresken an Wänden von Kirchen, Tempeln, Katakomben und Privathäusern belegen. Außerdem dienten Wände als Kommunikationskanal, um persönliche, politische oder religiöse Botschaften der Umwelt mitzuteilen. Selbst auf der steinernen Galerie in der Hagia Sofia in Istanbul konnte es sich ein mittelalterlicher Wikinger nicht verkneifen, die Nachwelt über seine dortige Anwesenheit mithilfe eines eingeritzten Runen-Graffitos zu informieren.

Und heute? Heute erobert eine künstlerische und ästhetische Welle, die allgemein Street Art gennant wird und auf Graffiti und Schablonen-Arbeiten basiert, eine Vielzahl von Städten auf der ganzen Welt.

Darryl ‘Cornbread’ McCray im Jahr 1967 Darryl ‘Cornbread’ McCray im Jahr 1967

Laut der Meinung von Experten entstand die Street Art in den 1970er Jahren in der US-amerikanischen Stadt Philadelphia. Damals brachte der Street Art-Pionier Cornbread seine Liebe zu einer Frau an den Wänden der Ostküstenmetropole zum Ausdruck.

Der Aspekt des Verbotenen war von Anfang an ein wichtiger Bestandteil der Szene. In den einkommensschwachen Bezirken wurde die Street Art populär, die Straßenkunst wurde von jungen Künstlern, die sich aus einem sozialen Kontext befreien wollten, der so beklemmend war wie der Asphalt, aus dem sie erwachsen waren, zum gängigen Ausdrucksmittel.

Werk des Street Artist Lee | Foto: fatcap Werk des Street Artist Lee | Foto: fatcap

Graffiti-Künstler, die sich zu Gruppen zusammenschlossen, bevorzugten es, ihre Spuren an gut sichtbaren Orten, wie den Wagen der New Yorker U-Bahn zu hinterlassen. Mit Graffiti war immer ein gewisses Risiko verbunden und wurde dadurch zu einer festen Säule der vorsätzlich unangepasste Straßenszene, so wie Hip Hop und Breakdance.

Andrew Witten begann 1977 damit, sein Alias Zephyr auf U-Bahn-Wagons zu sprühen | Foto: fatcap Andrew Witten begann 1977 damit, sein Alias Zephyr auf U-Bahn-Wagons zu sprühen | Foto: fatcap

In den 1980er Jahren sahen die Städteverwaltungen schließlich Handlungsbedarf und gingen sogar soweit, den Graffiti-Künstlern "den Krieg zu erklären", indem sie mit hohen Geldstrafen drohten. Dennoch setzte die Street Art ihren Weg zum sozialen Phänomen zu werden fort. Waren, wie in Paris, zunächst historische Stätten ihr Ziel, wich sie mit den Jahren vermehrt auf die Vorstädte und verlassene Industriestandorte aus, wo sich größere Flächen zur Verfügung standen.

Bansky, Graffiti is a Crime | Foto: domain.com Bansky, Graffiti is a Crime | Foto: domain.com

Die Freiheit der Formen und Inhalte von Street Art ist so vielfältig wie ihre Ausdrucksmittel, die vom Sprayen über das Ätzen bis zum Kratzen reichen - und natürlich auch Schablonen umfassen, die ein effektives Mittel der Reproduktion darstellen. Heute ist die Arbeit mit der Schablone zu einer Art Modephänomen avanciert, das zweinlos vom britischen Street Artist Banksy angeführt wird.

Ein weiterer Pionier der Schablonentechnik ist der französische Street Artist Blech le Rat | Foto: Pinterest Ein weiterer Pionier der Schablonentechnik ist der französische Street Artist Blek le Rat | Foto: Pinterest

Ebenfalls unbegrenzt reproduzierbar und überall einsetzbar ist der Aufkleber. Mittels hier Verwendung können die Aufkleber des französischen Street Artists Invader in Städten auf der ganzen Welt gefunden werden. Weitere Street Art-Medien sind Poster, Wandmalereien und monumentale Fotografien.

Mosaik von Invader | Foto: fnmnl.tv Mosaik von Invader | Foto: fnmnl.tv

Mittlerweile ist die Street Art durchaus profitabel geworden und hat es von der Straße in Museen und die Wohnräume reicher Sammler geschafft - nicht immer zur Freude von Puristen, die die Street Art damit ihres Sinns beraubt sehen. Diese Entwicklung ist tatsächlich paradox, basiert die Street Art doch darauf, ein Leben in der Marginalität zu führen und nicht als Schlüsselobjekt bei Auktionen für hunderttausende Dollar versteigert zu werden.

Banksy, Keep It Spotless, 2007 | Foto: Sotheby's Banksy, Keep It Spotless, 2007 | Foto: Sotheby's

Der persönliche Künstlerrekord von Banksy wurde bei diesen Gelegenheiten regelmäßig gebrochen. Banksy ist es auch, der die Liste der teuersten Street Artistes der Welt anführt. Sein aktuell teuerstes Werk ist Keep It Spotless, das für 18 Millionen USD (ca. 15,6 Millionen Euro) den Besitzer wechselte. 2015 wurde ein weiteres Werk von Banksy, das monumentale 10 x 2,5 Meter maß und das er gemeinsam mit weiteren Künstler aus Bristol, Inkie, schuf, in Paris für 600.000 Euro versteigert. Im selben Jahr wurde ein Keramikmosaik von Invader in Hongkong zum Preis von 220.000 Euro verkauft.

Invader, Alias HK_58 | Foto: Mutual art Invader, Alias HK_58 | Foto: Mutual art

Das sind nur drei Beispiele von vielen, die zeigen, dass die Street Art, die früher als Vandalismus und Störung der öffentlichen Ordnung betrachtet wurde, im wahrsten Sinne des Wortes salonfähig geworden ist. Und es zeigt, das alles, das gesellschaftlich akzeptiert ist, früher oder später in den Sog des Konsums hineingezogen wird.

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