Der Stil einer Epoche sagt ungemein viel über den in ihr herrschenden Zeitgeist aus. Aktuell setzt man eher auf meist auf "weniger ist mehr" und Nachhaltigkeit. Es erinnert ein wenig an den Stil um die Mitte des 20. Jahrhunderts, dessen Designs heute zu den begehrtesten Klassikern auf dem Auktionsmarkt zählen.

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Der heutige Stil drückt Vorsicht gegenüber der Zukunft, nüchterne Betrachtung der Vergangenheit und eine Schüchternheit gegenüber unseren Erfolgen aus.

Jean Dunand, Badende Frau, 1930 | Foto: Christie's Jean Dunand, Badende Frau, 1930 | Foto: Christie's

In der Epoche des Art déco konnte - zumindest bei den Oberen Zehntausend - trotz der gerade erst beendeten "Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts" von Vorsicht und Schüchternheit nicht die Rede sein. Die Menschen waren in Aufbruchstimmung, feierten sich, das Leben und die immer neuen Errungenschaften der Technologie. Man konnte kaum abwarten, was die Zukunft wohl noch bringen würde. Die glamouröse Kulisse für die Goldenen Zwanziger lieferten Designer, Dekorateure und Künstler, die den wohl optimistischsten Gesamtdesigntrend seit der Hochrenaissance kreierten.

Das zwischen 1928 und 1930 erbaute Chrysler Building in New York ist ein (im wahrsten Sinne des Wortes) herausragendes Beispiel der Architektur des Art déco | Foto via forums.sherdog.com Das zwischen 1928 und 1930 erbaute Chrysler Building in New York ist ein (im wahrsten Sinne des Wortes) herausragendes Beispiel der Architektur des Art déco | Foto via forums.sherdog.com

Wie der Begriff "Art déco" entstand

Im Jahr 1925 fand in Paris die berühmte Internationale Ausstellung der modernen Dekorativen und Industriellen Künste statt, auf der 21 Länder ihre besten Kreationen präsentierten. Die Veranstaltung feierte den Wunsch nach ästhetischer Erneuerung, der sich in den letzten zehn Jahren in der Kunstproduktion manifestiert hatte. Weit entfernt von der Süßlichkeit des Jugendstils öffnete man sich der Inspiration durch eine neue geometrische Formensprache, ohne dem Luxus der neuen Materialien zu entsagen. Dies waren die Hauptmerkmale des Art déco, der ein Stil der Elite blieben sollte.

Der Pavillon des Pariser Kaufhauses Bon Marché, 1925 | Foto via ArchDaily Der Pavillon des Pariser Kaufhauses Bon Marché, 1925 | Foto via ArchDaily

Der Begriff "Art déco" entstand allerdings erst 1966, als das Musée des Arts Décoratifs in Paris ihn in die Ausstellung "Les Années 25: Art Déco, Bauhaus, Stijl, Esprit Nouveau" aufnahm. Diese Ausstellung definierte die Art déco-Periode von den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts bis etwa 1939 - dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Sie identifizierte die Bewegung auch als einen Stil, der sich nicht auf einen einzigen ästhetischen Ansatz konzentrierte, sondern auf eine breite Palette von Ansätzen, von denen jeder den Geist des Feierns verkörperte. Diese frische Erneuerung betraf Architektur, Mode, Möbel und alle dekorativen Künste. Ausgehend von Frankreich wurde der neue Stil schnell auf der ganzen Welt populär.

Die großen Namen des Art déco

Den französischen Luxus jener Epoche verkörperte niemand so gut wie der "Papst des Art déco", Jacques-Émile Ruhlmann. Seine Kreationen waren für eine wohlhabende Klientel bestimmt, die sich für seine raffinierten Möbelstücke begeisterte, darunter das berühmte État rectangle cabinet, das im Musée des Arts Décoratifs bewundert werden kann. Weitere Designer, die den Look der Epoche bestimmten waren Pierre Legrain, Eileen Gray, Jean Dunand, Cartier und Jean Deprés.

Links: Dieses Eckschränkchen gestaltete Jacques-Émile Ruhlmann wie sein berühmtes État rectangle cabinet | Foto: Christie's Rechts: Pierre Legrain, Frisiertisch, um 1920 | Foto: Christie's Links: Dieses Eckschränkchen gestaltete Jacques-Émile Ruhlmann wie sein berühmtes État rectangle cabinet | Foto: Christie's Rechts: Pierre Legrain, Frisiertisch, um 1920 | Foto: Christie's

Für einige seiner luxuriösen Art déco-Dekorationen ließ sich Cartier vom seit Ende des 19. Jahrhunderts populären Japonismus inspirieren. Nécessaire de bureau, um 1926 | Foto: Christie's Für einige seiner luxuriösen Art déco-Dekorationen ließ sich Cartier vom seit Ende des 19. Jahrhunderts populären Japonismus inspirieren. Nécessaire de bureau, um 1926 | Foto: Christie's

Eines der Kennzeichen des Art déco-Designs ist, dass es moderne Materialien und industrielle Prozesse verwendet. Rasante Fortschritte in der Technologie bedeuteten, dass den Designern fantastische neue Werkzeuge zur Verfügung standen. Ihre Begeisterung, diese Werkzeuge zu erforschen, spiegelte die allgemeine Einstellung der Menschen wider, dass der Fortschritt sowohl positiv als auch unaufhaltsam war. das Art déco umarmte den Glamour und schwelgte in Luxus. Es leuchtet in der Dekoration der transatlantischen Schiffe, Symbole des Fortschritts und der Opulenz. Die Normandie aus dem Jahr 1935 ist ein Symbol dieser Ästhetik und zeigt die Kreationen von Louis Süe, André Mare und Raymond Subes - weitere große Namen des Art déco.

Blick in den großen Speisesaal der SS Normandie (1935) | Foto via Wikipedia Blick in den großen Speisesaal der SS Normandie (1935) | Foto via Wikipedia

Anerkennung für den dekorativen Künstler 

Optimismus war jedoch nicht der einzige Faktor, der zur Entstehung des Art déco führte. Was ebenfalls von Bedeutung war, war eine scheinbar kleine Entwicklung, die damit zusammenhing, wie die Gesellschaft die dekorativen Künste betrachtete. Im späten 19. Jahrhundert war Frankreich eines der wichtigsten Zentren der kreativen Welt. Doch in der französischen Gesellschaft durften Menschen, die Dinge wie Kleidung, Möbel, Teppiche oder andere dekorative Gegenstände entwarfen, sich nicht über das gleiche Ansehen freuen wie es anderen kreativen Fachleuten - Maler oder Bildhauer - beschieden war.

Der 36. Salon de la Société des Artistes Décorateurs - Grand Palais, 1952 | Foto via Pinterest Der 36. Salon de la Société des Artistes Décorateurs - Grand Palais, 1952 | Foto via Pinterest

Im Jahr 1875 begann sich das zu ändern, als die französische Regierung das dekorative Design als einen eigenen Beruf anerkannte und ihm das offizielle Label der "Arts Décoratifs" gab. 1901 ging die Regierung einen Schritt weiter und gründete die Société des Artistes Décorateurs, die den dekorativen Künstlern den gleichen sozialen und kulturellen Status einräumte wie jedem anderen Künstler.

Entwicklung des Art déco

Auch wenn das Art déco Abstand nahm von der verträumten Eleganz des Jugendstils, war es dennoch darin verwurzelt. Der Jugendstil als erster moderner Dekorationsstil bildete die Grundlage, auf der viele der folgenden Entwicklungen fußten. Bereits hier gab es Tendenzen, die das Überflüssige dem Nützlichen weichen ließen. Der Übergang geschah fließend, die Formen wurden nach und nach geradliniger und geometrischer. Diese neue "Schnörkellosigkeit" wurde mit der Verwendung edler und manchmal ausgefallener Materialien kompensiert, die der technologische Fortschritt hervorgebracht oder zumindest deren Verarbeitung ermöglicht hatte.

Die eleganten exotischen Tänzerinnen aus opulenten Materialien von Dimitri Chiparus sind geradezu eine Verkörperung des Art déco | Foto: Leclere Die eleganten exotischen Tänzerinnen aus opulenten Materialien von Dimitri Chiparus sind geradezu eine Verkörperung des Art déco | Foto: Leclere

Auch die Malerei hatte Einfluss auf das Aussehen des Art déco. Dessen Designer griffen die leuchtenden Farben der Fauves auf, die geometrischen Formen fanden ihre Vorbilder im Kubismus.

Geometrische Opulenz auch beim Schmuck des Art déco. Links: Van Cleef & Arpels, Brosche mit Diamanten, Smaragden und Perlen, 1926 | Foto: Bonhams Rechts: Cartier, Platinring mit oktogonalem Smaragd | Foto: Christie's Geometrische Opulenz auch beim Schmuck des Art déco. Links: Van Cleef & Arpels, Brosche mit Diamanten, Smaragden und Perlen, 1926 | Foto: Bonhams Rechts: Cartier, Platinring mit oktogonalem Smaragd | Foto: Christie's

Nachdem der elegante und trotz aller Gradlinigkeit opulente Stil des Art déco in den 1920er Jahren seinen Höhepunkt erlebt hatte, begann sein langsamer Niedergang mit der Weltwirtschaftskrise, die auch viele betuchte Kunden mehr auf den Inhalt ihres ehemals gut bestückten Portemonnaies achten ließ. Den endgültigen Untergang des Art déco leitete der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ein, auch wenn es in den USA der 1950er Jahre hin und wieder anzutreffen war.

Die heute wieder zu bemerkende Popularität des Art déco lässt sich vielleicht damit erklären, das seine geometrische Formensprache etwas Zeitloses an sich hat. Und vielleicht ist es auch die Sehnsucht nach einer Zeit, in der Optimismus (fast) allgegenwärtig war.

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