Michelangelo Mersi, besser bekannt als Caravaggio, war 1591 noch keine 20 Jahre alt, als er sich dazu entschloss, seine Geburtsregion Lombardei zu verlassen und nach Rom zu gehen. Bereits während seiner Ausbildung in Mailand, als die von der Kirche so geschätzte Barockmalerei gerade erst Gestalt annahm, machte sich in seinen Arbeiten eine gewisse Neigung zur Provokation bemerkbar.

Caravaggio wollte sich im Laufe seiner Karriere jedoch niemals diesem pompösen Stil zuwenden, sondern zog einen kompromisslosen Naturalismus vor, der zum Charakteristikum seiner Werke werden sollte.

Wo Licht ist, gibt es auch Schatten

Mehr als 400 Jahre sind seit dem Tod Caravaggios vergangen, seine Arbeiten sind jedoch durch ihre Zeitlosigkeit nach wie vor populär. Die Gemälde des Meisters zeichnet eine unvergleichliche Lebendigkeit aus, die seine Figuren aus dem Schatten heraus in strahlendes Licht führt. Dieses direkte "göttliche" Licht wurde von der Kirche jedoch als zutiefst beleidigend empfunden. Als Caravaggio 1606 den Tod der Jungfrau Maria malte - eines der schönsten Werke des 17. Jahrhunderts, das heute im Louvre zu sehen ist - versuchte es einen Aufschrei in kirchlichen Kreisen, die damit ihr Entsetzten zum Ausdruck brachten, dass die Mutter Gottes so völlig respektlos als barfüßige, leidende Frau in einfachem Gewand dargestellt wurde.

Caravaggio (1571 Mailand - 1610 Porto Ercole) - Der Tod der Jungfrau Maria, 1606 | Abb. via Wikipedia Caravaggio (1571 Mailand - 1610 Porto Ercole) - Der Tod der Jungfrau Maria, 1606 | Abb. via Wikipedia

Es waren jedoch nicht nur Caravaggios Gemälde, die für Aufsehen sorgten. Sein Leben war kurz - er wurde gerade einmal 38 Jahre alt - und in vielerlei Hinsicht skandalös. Wenn er keine Bilder malte, machte er mit Schlägereien und Gefängnisaufenthalten von sich reden. Er wurde sogar beschuldigt, einen Kontrahenten am Spieltisch getötet zu haben.

Es sind jedoch nicht die Skandale des extravaganten Malers, die die Jahrhunderte überdauert haben, sondern sein bedeutendes Erbe für die europäische Kunstgeschichte. Mehr als 70 seiner Werke sind heute in Museen auf der ganzen Welt zu finden - auch seine frühesten Arbeiten wie Früchtekorb von 1595/96, in dem bereits seine völlige Hingabe zum Realismus deutlich wird.

Caravaggio (1571 Mailand - 1610 Porto Ercole) - Früchtekorb, 1595/96 | Abb. via Wikipedia Caravaggio (1571 Mailand - 1610 Porto Ercole) - Früchtekorb, 1595/96 | Abb. via Wikipedia

Für seine Gönner malte er Portraits und Genreszenen, die uns einen Eindruck der schattigen Spielhöllen vermitteln, in denen sich der Maler rumtrieb. Es waren jedoch die religiösen und biblischen Themen, die seinen Ruhm begründeten und ihn gleichzeitig als Provokateur brandmarkten. Zum Zeitpunkt ihrer Entstehung wurden sie oftmals als zu realistisch - eine damalige Umschreibung für blasphemisch - verurteilt.

Der einsame Wanderer am Meeresufer

Trotz aller Provokation: Im Alter vom 27 Jahren erhielt Caravaggio seinen prestigeträchtigen Auftrag für die Kirche San Luigi dei Francesi in Rom. Es wurden drei großformatige Bilder bestellt, die die Geschichte des Heiligen Matthäus zum Thema haben sollten. Caravaggio meisterte diese Aufgabe mit Bravour. Vor allem die Lichteffekte in der Berufung des Matthäus, die die Gesichter erhellen und einen stillen Dialog zwischen Christus und Matthäus entstehen lassen, machen diese Arbeit zu einem absoluten Meisterwerk.

Caravaggio (1571 Mailand - 1610 Porto Ercole) - Die Berufung des Heiligen Matthäus, 1599/1600 | Abb. via Wikipedia Caravaggio (1571 Mailand - 1610 Porto Ercole) - Die Berufung des Heiligen Matthäus, 1599/1600 | Abb. via Wikipedia

Der Erfolg dieser Arbeit zog weitere Aufträge nach sich, darunter die Grablegung Christi für die Kirche Santa Maria in Vallicella. Das Werk befindet sich heute in den Vatikanischen Museen.

Caravaggio (1571 Mailand - 1610 Porto Ercole) - Die Grablegung Christi, ca. 1602-04 | Abb. via Wikipedia Caravaggio (1571 Mailand - 1610 Porto Ercole) - Die Grablegung Christi, ca. 1602-04 | Abb. via Wikipedia

1606 war Caravaggios Glanzzeit in Rom jedoch bereits wieder zu Ende, die Schattenseite seines ungezügelten Lebens gewann die Oberhand. Nachdem er in einer Auseinandersetzung, bei der er eigentlich nur einem Freund hatte helfen wollen, einen Mann tötete, wurde er im Kirchenstaat für vogelfrei erklärt. Seinen einzige Möglichkeit zu überleben bestand in der Flucht.

Seine Reisen, die den Rest seines kurzen Lebens bestimmen sollten, führten ihn zunächst ins süditalienische Königreich Neapel, wo er zahlreiche Auftragsarbeiten für den Adel anfertigte, die auf grenzenlose Bewunderung stießen. Er verließ Neapel jedoch wieder, um auf Malta und Sizilien weitere Auftragsarbeiten in seiner charakteristischen Hell-Dunkel-Manier für Kirchen und Privatkunden anzufertigen. Das Geld brauchte er dringend, saßen ihm Schulden doch stets im Nacken.

Anschließend kehrte er noch einmal nach Neapel zurück, wo er mit Das Martyrium der Heiligen Ursula 1610 eines seiner letzten Werke entstand. Schließlich sollte er doch noch begnadigt werden und dadurch nach Rom zurückkehren können. Das Begnadigungsschreiben wollte er in Porto Ercole in der südlichen Toskana entgegennehmen. Er starb jedoch, bevor es dazu kam.

Caravaggio (1571 Mailand - 1610 Porto Ercole) - Das Martyrium der Heiligen Ursula, 1610 | Abb. via Wikipedia Caravaggio (1571 Mailand - 1610 Porto Ercole) - Das Martyrium der Heiligen Ursula, 1610 | Abb. via Wikipedia

Zur Todesursache Caravaggios gibt es die unterschiedlichsten Theorien, die Syphilis, Brucellose, eine Bleivergiftung durch die zeitlebens verwendeten Farben oder eine durch eine Wunde entstandene Blutvergiftung.

Auch zum genauen Sterbeort des ungestümen Malergenies werden unterschiedliche Angaben gemacht: Wahrscheinlich ist er im Hospital von Porto Ercole gestorben, die Legende besagt jedoch, dass es an einem einsamen Strand der Toskana geschah.

Der Meister der Provokation

Zu Caravaggios Lebzeiten wurden seine Gemälde entweder ablehnt oder aufs höchste bewundert. Und die Bewunderung setzte sich nach Caravaggios Tod fort und inspirierte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts viele Künstler, darunter Orazio und Artemisia Gentileschi in Italien, Dirck van Barburen und Rembrandt in den Niederlanden, Ribera und Velasquez in Spanien oder Georges de la Tour in Frankreich. In Anlehnung an den Stil ihres Idols schufen diese Künstler sogar ein eigenes künstlerisches Genre: den Caravaggismus.

Caravaggio (1571 Mailand - 1610 Porto Ercole) - Judith und Holofernes, 1598/99 | Abb. via Wikipedia Caravaggio (1571 Mailand - 1610 Porto Ercole) - Judith und Holofernes, 1598/99 | Abb. via Wikipedia

Die Herausforderung bestand nun darin, die Realität so darzustellen, wie sie war, mit abgetragener Kleidung, den Spuren der Zeit auf den Gesichtern der dargestellten Personen und den Spiel von Schatten und Licht in zwielichtigen Tavernen. Mit anderen Worten: es sollte das Leben abgebildet werden, nicht mehr und nicht weniger, auch wenn diese Art der Rückkehr zur natürlichen Darstellung von vielen als Provokation bezeichnet wurde.

Auch im 20. und 21. Jahrhundert ist der Einfluss von Caravaggios Genie noch immer spürbar - wenn auch eher in den Genres Film und Fotografie. Man denke nur an Martin Scorseses Hexenkessel (1973), Francis Ford Coppolas Der Pate (1972) oder aktuell Interstellar von Christopher Nolan (2014), die allesamt als Hommage an den Meister des Hell-Dunkel-Kontrasts betrachtet werden können.

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