In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfasste die Welle der Romantik weite Teile Europas und sorgte für Ausprägungen in Architektur, Kunst, Literatur und Musik, die sich von den bis dato herrschenden Vorlieben für die klassischen, auf der griechisch-römischen Antike basierenden Kunststilen (Renaissance, Barock, Klassizismus) abwandte und sich stattdessen die im westlichen Europa geprägten Vorbilder des Mittelalters zum Vorbild nahm.

Ein wichtiger Aspekt dieser Entwicklung waren die vielen Jahre des Krieges, von denen Europa nach der Französischen Revolution geprägt war (1792-1815). Das Gefühl der ständigen Bedrohung und Unsicherheit, ließ die Menschen von den "guten alten Zeiten" träumen. Vor allem im damals noch in viele Kleinstaaten aufgeteilten Deutschland begann sich der Wunsch nach einem starken Nationalstaat zu formen, der jeder Bedrohung von Außen standhalten konnte.

Man begann nach Gemeinsamkeiten zu suchen und fand sie in der Vergangenheit, u.a. in der Mitte des 18. Jahrhundert wiederentdeckten ältesten Fassung des Nibelungenliedes (13. Jahrhundert), das im Laufe des 19. Jahrhunderts zum Nationalepos der Deutschen und eine wichtige Vorlage für Kunst und Musik werden sollte.

Die Architektur

Die Ursprünge für das Mittelalterrevival des 19. Jahrhunderts sind bereits im 18. Jahrhunderts zu finden. Jedoch nicht in Deutschland sondern in England, wo mit dem Aufkommen neogotischer Architektur mit der Rückbesinnung begonnen wurde.

Im damaligen Königreich Großbritannien war es der Staatsmann und Autor Horace Walpole (1717-1797), der gewissermaßen den Grundstein dazu legte, indem er eine kleine Villa an der Themse zu einem Landschloss im Stil der Gotik ausbauen und dekorieren ließ, inklusive Spitzbögen, Zinnen und Türmchen: Strawberry Hill.

Johann Heinrich Müntz, Strawberry Hill, 1755/59 | Abb. via Wikipedia Johann Heinrich Müntz, Strawberry Hill, 1755/59 | Abb. via Wikipedia

Mit dem Gotischen Haus in der Gartenlandschaft von Wörlitz (Sachsen-Anhalt) gibt es auch ein frühes Beispiel in Deutschland. Das Gebäude wurde ab 1773 auf Anordnung des Fürsten Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau errichtet, und zwar nachdem dieser Walpols Strawberry Hills auf einer Englandreise kennengelernt hatte.

Das Gotische Haus im Wörlitzer Park (1773) Das Gotische Haus im Wörlitzer Park (1773)

Ihre Blütezeit hatte die neogotische Architektur in den ersten beiden Dritteln des 19. Jahrhunderts. Eines der bekanntesten Beispiele im Ursprungs Land England ist der zwischen 1840 und 1870 errichtete Palace of Westminster in London, in dem bis heute das britische Parlament tagt.

In weiten Teilen Europas wurden auf einsamen Felsen und hoch über Flusstälern Schlösser im Stil mittelalterlicher Burgen gebaut oder verfallene "Originalruinen" restauriert. Ein wichtiges Zentrum dieser Entwicklung in Deutschland war der Rhein, an dessen Ufern zahlreiche Burgen erbaut oder erneuert wurden.

Die Burg Hohenzollern ist eine Neuschöpfung der Stammburg des preußischen Herrschergeschlechts aus dem 19. Jahrhundert | Foto: A. Kniesel/Wikipedia Die Burg Hohenzollern ist eine Neuschöpfung der Stammburg des preußischen Herrschergeschlechts aus dem 19. Jahrhundert | Foto: A. Kniesel/Wikipedia

Das 1857 erbaute Schloss Marienburg beeindruckt mit seiner aufwändigen Innenausstattung im neogotischen Stil | Foto via castlewelt.com Das 1857 erbaute Schloss Marienburg beeindruckt mit seiner aufwändigen Innenausstattung im neogotischen Stil | Foto via castlewelt.com

Hatte Goethe 1773 die Gotik noch als deutschen Stil gelobt, wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts klar, dass die Ursprünge dieses Stils in Frankreich zu finden sind. In Deutschland begann man sich daraufhin umzuorientieren und setzte stattdessen auf die Renaissance des romanischen "Rundbogenstil" der Spätantike und des frühen Mittelalters und spickte ihn mit prachtvollen byzantinischen Elementen.

Das bekannteste Beispiel eines Baus im Stil der Neoromanik ist das Schloss Neuschwanstein in Bayern, das Märchenkönig Ludwig II. ab 1869 errichten ließ. Ludwig hatte bei dem Bau das Ideal einer mittelalterlichen Ritterburg vor Augen, deren Innendekoration von seinen liebsten Helden aus mittelalterlichen Sagen bevölkert werden sollte.

Schloss Neuschwanstein, Fotografie von 1900 | Abb. via Wikipedia Schloss Neuschwanstein, Fotografie von 1900 | Abb. via Wikipedia

Die Literatur

Die Neuorientierung in Sachen Architektur und deren Dekoration war gut gewählt, denn den literarischen Grundstoff für die Mittelalterromantik lieferten die Heldensagen, die zwar meist durch Überlieferungen aus dem Hochmittelalter bekannt wurden, deren Ursprünge und Handlungszeiträume in den Jahrhunderten nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reiches spielten, also jener Epoche, in der sich die heutigen Staaten Europas zu formen begannen und das entstandene Machtvakuum durch lokale Fürsten ausgefüllt wurde.

Bei den Geschichten um die sagenhaften Helden handelte es sich um den Versroman Parzival von Wolfram von Eschenbach aus dem frühen 13. Jahrhundert, die Schwanenrittersagen rund um Parzivals Sohn Lohengrin und natürlich das Nibelungenlied, dessen früheste Fassung aus der gleichen Zeit wie Parzival stammt.

Der Sängersaal von Schloss Neuschwanstein war dem Festsaal auf der Wartburg nachempfunden | Abb. via Wikipedia Der Sängersaal von Schloss Neuschwanstein war dem Festsaal auf der Wartburg nachempfunden | Abb. via Wikipedia

Der Thronsaal von Neuschwanstein weist romanische und byzantinische Elemente auf | Abb. via koenig-ludwig-schloss-neuschwanstein.de Der Thronsaal von Neuschwanstein weist romanische und byzantinische Elemente auf | Abb. via koenig-ludwig-schloss-neuschwanstein.de

Zum größten Fan der Nibelungen und der Schwanenritter mutierte Ludwig II., der nicht nur sein Schloss Neuschwanstein mit den mythischen Helden ausschmücken ließ, sondern auch der größte Förderer von Richard Wagner war. Wagner vertonte den mittelalterlichen Lesestoff zu Opern wie Lohengrin, Parsifal sowie dem vierteiligen Ring des Nibelungen.

Das Schlafzimmer Ludwigs II. war neogotisch gehalten. Die Wandbilder zeigen aber auch hier Szenen aus den Lieblingssagen des Königs | Abb. via Wikipedia Das Schlafzimmer Ludwigs II. war neogotisch gehalten. Die Wandbilder zeigen aber auch hier Szenen aus den Lieblingssagen des Königs | Abb. via Wikipedia

Übrigens fand das wiederentdeckte Nibelungenlied zunächst nicht überall Anhänger. Nachdem Friedrich dem Großen Mitte des 18. Jahrhunderts die erste überarbeitete Fassung überreicht worden war, bekannte der rationale Preußenkönig, dass er das Ganze für "keinen Schuss Pulver wert" fände.

Allgemein standen die literarischen Zeichen ab dem 18. Jahrhundert allgemein auf "Fantasy". Zu den mittelalterlichen Rittersagen gesellten sich Märchen, die seit Generationen mündlich überliefert worden waren und zwischen 1812 und 1858 von den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm in der Sammlung Kinder- und Hausmärchen niedergeschrieben und veröffentlicht wurden.

Eine weitere Entwicklung, die sich im 18. Jahrhundert entwickelte und schließlich in der Epoche der Romantik zur vollen Blüte kam, war die des Romans. Und auch hier war es der Erbauer von Strawberry Hill, Horace Walpole, der Pionierarbeit leistete, indem er literarisch mit den Idealen der damals herrschenden Aufklärung brach, und mit Das Schloss von Otranto (1764) das Genre des Schauerromans (engl. Gothic Novel) begründete, der nicht nur zum Gruseln einlud, sondern vor allem die Fantasie anregte und generell das Genre des Romans, den man im Privaten las, erheblich förderte. Die bedeutendste Gothic Novel war der 1818 erschienene Roman Frankenstein oder Der moderne Prometheus, der von der erst 20-jährigen Mary Shelley verfasst wurde.

Die Malerei

Mit den neogotischen und neoromanischen Burgen als Kulisse und den mittelalterlichen Sagen als Vorlage, griff natürlich auch die Malerei das Mittelalter wieder auf. Ganz der Nachahmung der Antike entsprechend hatte sich die Kunst jahrhundertelang den klassischen Göttern der Griechen und Römer gewidmet. Mit der Entdeckung "eigener" Götter und Mythen kamen neue Einflüsse dazu.

Nils Blommér, Freyja sucht ihren Gemahl, 1852 | Abb. via Wikipedia Nils Blommér, Freyja sucht ihren Gemahl, 1852 | Abb. via Wikipedia

Zudem entstanden im 19. Jahrhundert Künstlerbewegungen, die sich ganz bewusst den seit der Renaissance vorherrschenden Stilrichtungen widersetzten und auf die Malerei des Mittelalters und bestenfalls der Frührenaissance setzten.

In Rom fanden unter diesem Aspekt einige deutsche Maler, darunter Johann Friedrich Oberbeck und Julius Schnorr von Carolsfeld, zusammen, die aufgrund ihres sehr religiösen Auftretens als Nazarener bezeichnet wurden. Die christliche Malerei des Mittelalters stand im Zentrum ihres künstlerischen Interesses, mit dem sie einen Gegenpol zur akademischen Malerei jener Zeit schaffen wollen. Dafür setzten sie auf die Formen und vor allem Farbgebung der mittelalterlichen Malerei.

Johann Friedrich Overbeck, Italia und Germania, 1811-28 | Abb. via Wikipedia Johann Friedrich Overbeck, Italia und Germania, 1811-28 | Abb. via Wikipedia

Eine andere Gruppe, die sich der Malerei vor der Renaissance widmete, entstand mit den Präraffaeliten 1848 des 19. Jahrhunderts in England. Diese Maler um Dante Gabriel Rossetti und Edward Burne-Jones griffen zum ersten Mal Motive aus der keltisch-britischen Sagenwelt auf, vor allem die Geschichten rund um König Artus, Camelot und den Heiligen Gral. Die Künstlergruppe, die sich mit Malerei, Dekoration und Illustration befasse, stand auch in Verbindung zur Arts and Crafts-Bewegung  und strahlte bis in den Symbolismus und Jugendstil aus.

Links: Edward Burne-Jones, Die Verführung des Merlin, um 1870-74 | Abb. via Wikipedia Rechts: William Morris, Königin Guinevere, 1858 | Abb. via Wikipedia Links: Edward Burne-Jones, Die Verführung des Merlin, um 1870-74 | Abb. via Wikipedia Rechts: William Morris, Königin Guinevere, 1858 | Abb. via Wikipedia

Die Tapisserie-Serie mit der Gralsgeschichte entwarfen Edward Burne-Jones und William Morris im Jahr 1890 | Abb. via Wikipedia Die Tapisserie-Serie mit der Gralsgeschichte entwarfen Edward Burne-Jones und William Morris im Jahr 1890 | Abb. via Wikipedia

Allgemein lässt sich festhalten, dass das Mittelalterrevival des 19. Jahrhunderts auch heute wieder in vollem Gange ist. Die Darstellung der mystisch-mittelalterlichen Dame durch die Präraffaeliten ist in den vielen Fantasyfilmen und -serien deutlich spürbar; der Schauerroman, der im 18. Jahrhundert seinen Anfang genommen hatte, ist mit der heutigen Fantasy- und Historienliteratur ein Dauergast in den Regalen jeder Buchhandlung.

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