Geboren am 30. November 1946 in Belgrad, Serbien, das damals Teil Jugoslawiens unter Marschall Tito war, wurde Marina Abramović zunächst von ihrer Großmutter aufgezogen, die eine tiefgläubige Anhängerin der orthodoxen Kirche und glühende Skeptikerin des Kommunismus gewesen war. Im Alter von sechs Jahren kehrte Abramović zu ihren Eltern zurück, die eine konfliktreiche, ja gewalttätige Ehe führten. Auch gegenüber ihrer Tochter hat Mutter Abramović die Rute mehr als einmal erhoben. Diese Atmosphäre der Spannung und Gewalt prägte den Charakter des kleinen Mädchens und schon früh lernte sie, ihre Grenzen, vor allem die körperlichen, ausloten.

Marina Abramović, "The Complete Performances" (1973-1975) | Foto via Christie’s Marina Abramović, "The Complete Performances" (1973-1975) | Foto via Christie’s

Radikalität

Ende der 1960er Jahre studierte Marina Abramović an der Akademie der Bildenden Künste in Belgrad und machte dort schnell durch ihre außergewöhnlichen Leistungen auf sich aufmerksam. Sie experimentierte mit gefährlichen Selbstversuchen, wie Ausweitungen oder Rissbildungen, um ihre eigene Widerstandskraft zu testen. Während der Ausführung dieser Körperkunst mit masochistischen Tendenzen fiel sie immer wieder in Ohnmacht. Sie ging soweit, sich einzufrieren oder sich inmitten von Flammen zu ersticken. Ihre extremen Performances verhalfen ihr zu enormer Popularität bei den europäischen Festivals, an denen sie neben Gina Pane oder den Wiener Aktionisten, die sich ebenfalls für Radikalität in der Kunst einsetzten, teilnahm.

Marina Abramović und Ulay | Foto via Homologos Marina Abramović und Ulay | Foto via Homologos

Anfang der 1970er Jahre zog sie nach Amsterdam und nahm 1975 an der Biennale de Paris teil – dem Jahr, in dem sie ihre künstlerische Zusammenarbeit und persönliche Beziehung mit Ulay begann, einem deutschen Performancekünstler, dessen geschickte mise-en-scène und Dokumentation ihr internationales Renommee steigern sollten.

Marina Abramović und Ulay, "A Living Door of the Museum" | Foto via Youtube Marina Abramović und Ulay, "A Living Door of the Museum" | Foto via Youtube

Ihre erfolgreiche Partnerschaft, während der sie sich wie lebende Tableaus in großen Museen ausstellten oder die Luft aus der Lunge des anderen atmeten, bis sie erstickten, sollte zwölf Jahre andauern und 1988 in der Mitte der Chinesischen Mauer enden. Jeder war, aus einer anderen Richtung kommend, 2500 Kilometer auf der Mauer bis zum Treffpunkt gelaufen.

Marina Abramović und Ulay, "The Lovers" (1988) | Foto via Phaidon Marina Abramović und Ulay, "The Lovers" (1988) | Foto via Phaidon

Freiheit

Marina Abramović nähert sich ihrer Kunst weniger als einer Serie spektakulärer Performances, sondern vielmehr als tiefe Reflexion über die konventionellen Grenzen von Körper und Geist. Indem sie sich selbst auf die Probe stellt, will sie sich von diesen Grenzen befreien oder sie überwinden, wie in einer Art ritueller Reinigung. Jede von Abramovićs Performances erfordert eine sorgfältige Vorbereitung und strenge Disziplinierung von Körper und Geist. Um dies zu erreichen, kontaktierte sie nepalesische Mönche, australische Aborigines und südamerikanische Schamanen.

Marina Abramović, "Carrying the Skeleton I" (2008) | Foto via Christie’s Marina Abramović, "Carrying the Skeleton I" (2008) | Foto via Christie’s

Weltliche Freiheit hat jedoch ihren Preis, vor allem wenn es kaum möglich ist, die Kunst, die man erzeugt, an Sammler zu verkaufen. Sponsoren und "Begleitprodukte" ermöglichen es ihr jedoch, ihren Bedarf umfassend zu decken. Seit Ende der 1980er Jahre hat sie ihre künstlerischen Ambitionen als Gastdozentin an Kunstschulen und Akademien in Paris, Berlin, Hamburg und Braunschweig erweitert.

"The Onion". Performance von 2006 | Foto: © Marina Abramovic/Marina Abramović & Sean Kelly Gallery (New York) "The Onion". Performance von 2006 | Foto: © Marina Abramovic/Marina Abramović & Sean Kelly Gallery (New York)

Das vereinte Deutschland erwies sich als besonders empfänglich für ihre Arbeit, wie ihre Erfolge bei mehreren Teilnahmen an der documenta in Kassel belegen. Überall auf der Welt, besonders in der Welt des Showbusiness, hat sie viele Schüler oder sogar Anhänger, die nicht zögern, Tausende von Kilometern zurückzulegen, um an ihren Experimenten teilzunehmen, die in jüngster Zeit jedoch etwas seltener geworden sind.

Marina Abramović, "Dragon Heads" (1992) | Foto via Leclere Marina Abramović, "Dragon Heads" (1992) | Foto via Leclere

Popularität

Auf der Biennale in Venedig erhielt sie 1997 den Goldenen Löwen für die beste Inszenierung.

Marina Abramović, "Balkan Baroque" (1997) | Foto via Pinterest Marina Abramović, "Balkan Baroque" (1997) | Foto via Pinterest

2005 präsentierte sie in Mailand ihre Videokomposition Balkan Erotic, eine Auftragsarbeit, die Pornografie und mittel- und osteuropäische Folklore verbindet. Im selben Jahr führte Marina Abramović im Guggenheim Museum in New York eine Reihe mit sieben berühmten Performances zu Archivierungszwecken auf. Im Jahr 2010 öffnete ihr das MoMA für 512 Stunden mehr oder weniger aktiver Präsenz in The Artist is Present seine Pforten und lockte damit satte 750.000 Besucher an. Im Jahr 2011 veranstaltete das Moskauer Garage Museum of Contemporary Art eine große Retrospektive, in der die Künstlerin zum Star oder sogar zum Guru wurde.

Marina Abramović, "The Cleaner" | Foto via Palazzo Strozzi Marina Abramović, "The Cleaner" | Foto via Palazzo Strozzi

Die Frau, die sich als „Großmutter der Performancekunst“ versteht, war in den letzten Jahren die Hauptfigur des Stücks The Life and Death of Marina Abramović unter der Regie von Bob Wilson, wodurch sie gewissermaßen die Grenze zur Unsterblichkeit überwunden hat.

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