Unsere kleine Reise durch zweihundert Jahre Sitzmöbelgeschichte beginnt am Anfang des 19. Jahrhunderts. Der Belgier Jean-Joseph Chapuis entwarf diesen Stuhl ganz im antikisierenden Stil seiner Zeit. Außerdem handelt es sich bei dem Modell um den ersten gebogenen Stuhl, der schichtverleimt und in Leichtbauweise ausgeführt wurde.

Auch mehr als 20 Jahre später ist der antike Einfluss noch spürbar, geht jedoch in die "verträumteren" Formen der Neogotik über. Der folgende Stuhl wurde von niemand geringerem entworfen als vom preußischen Star-Architekten und Maler Karl Friedrich Schinkel, der viele öffentliche Bauten in Berlin entworfen und so entscheidend zum Stadtbild der Hauptstadt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beigetragen hatte.

Wahre Pionierarbeit in der Herstellung von Möbeln leistete Michael Thonet, der Mitbegründer der Firma Gebrüder Thonet in Wien war. Besonders bekannt war die Firma für ihre Möbel aus Holz, welches mit Hilfe von Wasserdampf oder anderen siedenden Flüssigkeiten gebogen werden konnte. Ein schönes Beispiel für diese Technik sehen wir in der Rückenlehne des folgenden Stuhls.

 

Verweilen wir noch ein wenig in der österreichischen Hauptstadt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein wahrer Tummelplatz für neue Ideen in Design und Architektur war. Besonders verdient machte sich dabei die Wiener Werkstätte, die dem Kunsthandwerk neues Leben einhauchte. Von einem ihrer Gründer, Josef Hoffmann, sehen wir oben ein seltenes Stuhlmodell.

Ebenfalls selten zu finden ist das folgende Stuhlmodell, das von einem weiteren Mitarbeiter der Wiener Werkstätte, Otto Prutscher, entworfen wurde. Das auffälligste Element ist dabei die "Rosenvase" auf der Rückenlehne, die eine typische Form jener Zeit darstellt.

Einen weiteren Entwurf Prutschers sehen wir im Folgenden. Dieses in seiner Schlichtheit bestrickende Einzelstück ist schön und praktische zugleich, denn es kombiniert eine gepolsterte Sitzecke mit einer Hausbar. Letztere ist verspiegelt und verfügt über eine Innenbeleuchtung. Angefertigt wurde das Stück für eine Wohnung, die vollständig von Otto Prutscher eingerichtet wurde.

Hervorragendes modernes Design kommt bekannterweise auch aus Skandinavien. Mit den "S-Chairs" aus gebogenem Schichtholz von Verner Panton haben wir den Vorläufer des berühmten Panton Chairs vor uns, einem Klassiker aus gebogenem Kunststoff. Um sein Ziel zu erreichen, hatte Panton in den 1950er Jahren mit der Firma Thonet, die, wie wir bereits wissen, bekannt ist für das Biegen von Holz, zusammengearbeitet.

Verner Panton war eine Zeit lang Assistent von Arne Jacobsen gewesen, dessen "Swan Chair" wir hier vor uns haben. Auch dieser ist mittlerweile zu einem echten Klassiker des Möbeldesigns geworden.

Dieser mit Jeansstoff bezogene Sessel ist eine Hommage an die amerikanischen Baseballegende Joe DiMaggio, dessen Wurzeln in Italien liegen. Kein Wunder also, dass dieser außergewöhnliche Sessel in Form eines Baseballhandschuhs ebenfalls aus Italien stammt und dort auch ausgeführt wurde.

Wie zuvor die Designer des Jugendstils, lässt sich auch die amerikanische Künstlerin Michele Oka Doner von der Natur inspirieren. Die Rückenlehne des aus Bronze gegossenen "Web/Hive" Chairs ist nach er Vorlage einer Bienenwabe gestaltet, seine Sitzfläche weißt die Architektur eines Spinnennetzes auf.

Mit diesen beiden atemberaubenden Designs sind wir nun im 21. Jahrhundert angekommen. Seinen Spoon Chair hat der österreichische Designer Philipp Aduatz mit Hilfe eines 3D-Druckers geschaffen. Als Materialien suchte er solche, die sowohl leicht als auch strapazierfähig sind. Aduatz fand sie im Bereich des Motorsports und der Raumfahrt.

Dass bei all der zukunftsweisenden Technologie noch immer ein Stück alter Mystik den eigentlichen Denkanstoß geben kann, zeigt unser letztes Sitzmöbel. Die Idee hinter dem Design war die alte jüdische Legende des Golems, eines aus Lehm geschaffenen Wesens, das Aufträge ausführen kann. Das Wort Golem bedeutete ursprünglich "formlose Masse", heute wird es mit "dumm" oder "hilflos" übersetzt.

Alle vorgestellten Objekte werden am 20. Juni im Dorotheum versteigert. Das Wiener Auktionshaus hält an diesem Tag mit "Design" (14 Uhr) und "Design First" (17 Uhr) gleich zwei Auktionen zu dem Thema ab. Die Ausstellung zu den beiden Versteigerungen ist bis zum 20. Juni für interessierte Besucher geöffnet.

Entdecken Sie alle aktuellen Objekte aus dem Wiener Dorotheum gleich hier bei Barnebys.

Kommentar