Ist das St. Olaf College in Minnesota tatsächlich im Besitz eines Gemäldes des norwegischen Malers Edvard Munch (1863-1944)? Zusammen mit 2000 weiteren Kunstwerken war das nicht zugeschriebene Portrait einer Dame 1999 in den Besitz des Colleges gelangt. Richard Tetlie, St. Olaf-Absolvent von 1943, hatte seine Alma Mater als Erbin seiner Kunstsammlung eingesetzt, genauer gesagt das daran angeschlossene Flaten Art Museum.

Dieses unvollendete Damenportrait zeigt vermutlich Eva Mudocci, gemalt von Edvard Munch | Foto: St. Olaf College/Flaten Art Museum Dieses unvollendete Damenportrait zeigt vermutlich Eva Mudocci, gemalt von Edvard Munch | Foto: St. Olaf College/Flaten Art Museum

Im Laufe seiner Geschichte war die tatsächliche Urheberschaft des unvollendeten Portraits, das die Violinistin Eva Mudocci zeigen soll, war in den 1960er und 1970er Jahren als Werk Munchs ausgestellt worden. Nachdem es 1999 an das Kunstcollege in Minnesota gegangen war, war davon nicht mehr die Rede und es hing relativ unbeachtet im Esszimmer des Collegepräsidenten.

Bis Rima Shore auftauchte und darum bat, das Portrait genauer betrachten zu dürfen. Shore war zuvor während der Recherchen für eine Biografie über Eva Mudocci auf mehrere Briefe aus den Jahren 1903 und 1904 gestoßen, die von Munch verfasst oder an ihn gerichtet waren, und offensichtlich die Arbeit an jenem Portrait zum Inhalt haben.

Daraufhin gab das Flaten Art Museum im Oktober 2018 eine wissenschaftliche Analyse des Portraits bei Scientific Analysis of Fine Art in Auftrag, die die verwendeten Farben und die Bearbeitung der Leinwand untersuchten. Auch hier deutete alles auf eine originale Arbeit Edvard Munchs hin. Für die eindeutige Authentifizierung ist das College-Museum nun an die Experten des Munch Museums in Oslo herangetreten, die sich bislang jedoch nicht äußern wollten.

Edvard Munch, Salomé, 1903 Edvard Munch, Salomé, 1903

Edvard Munch lernte Eva Mudocci (ca. 1883-1953), die eigentlich Rose Lynton hieß, 1903 in Paris kennen, als diese gemeinsam mit der Pianistin Bella Edwards auf Europatournee war. Sie wurde Munchs Geliebte und Muse. Insgesamt fertigte er drei Lithografien der charismatischen Violinistin an: Violinkonzert, das Eva gemeinsam mit Bella Edwards zeigt, Salomé, ein Doppelportrait, in dem sich Munch gemeinsam mit seinem Modell abbildete, und Die Brosche. Eva Mudocci, das bekannteste Werk dieser Reihe.

Edvard Munch, Die Brosche. Eva Mudocci, 1903, Nasjonalmuseet, Oslo Edvard Munch, Die Brosche. Eva Mudocci, 1903, Nasjonalmuseet, Oslo

Nun darf eventuell noch das besagte Gemälde hinzugefügt werden, das vermutlich unvollendet blieb, als die Liebesbeziehung zwischen Edvard Munch und Eva Mudocci 1904 endete.

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Titelbild: Adam Finnefrock von Scientific Analysis of Fine Art und Jane Becker Nelson, Direktorin des Flaten Art Museum, mit dem Portrait der Eva Mudocci, das Edvard Munch zugeschrieben wird | Foto: St. Olaf College