Den Sammlungen amerikanischer Museen stehen im Jahr 2019 einige Veränderungen bevor. Gleich drei der bedeutendsten Institutionen des Landes (das Metropolitan Museum of Modern Art und das Guggenheim Museum in New York sowie das San Francisco Museum of Modern Art) werden wichtige Werke ihrer Bestände im Frühjahr bei Sotheby's versteigern lassen. Der Schätzpreis von jedem dieser Werke liegt im Millionenbereich, was den Museen genug finanzielle Mittel in die Hand gibt, um ihre Sammlungen durch Ankauf anderer Arbeiten abwechslungsreicher zu gestalten.

In den Vereinigten Staaten spricht man hierbei vom deaccessioning ("skartieren" oder "aussortieren") - ein Prozess, der durch die strengen Richtlinien der American Alliance of Museums (AAM) sowie der Association of Art Museum Directors (AAMD) geregelt wird. Festgelegt ist dabei in erster Linie, dass die Gelder aus den Verkäufen einzig und allein der Erweiterung der Sammlung des entsprechenden Museums zugute kommen darf.

Auf globaler Ebene hat der International Council of Museums ein Auge auf derartige Vorgehensweisen. Die 1946 gegründete Organisation arbeitet eng mit der UNESCO zusammen und besteht aus 30 internationalen Fachkommitees und 118 nationalen Komitees, darunter ICOM Österreich (gegründet 1948) und ICOM Deutschland von 1953. Letzterer hatte bereits 2004 gemeinsam mit dem Deutschen Museumsbund das Positionspapier zur Problematik der Abgabe von Sammlungsgut veröffentlicht, in dem es heißt, die Veräußerung von Sammlungsobjekten in Museen könne hinsichtlich "Weiterentwicklung von Sammlungskonzeptionen" in Einzelfällen sinnvoll sein.

Diese Art der Aussortierung war in kleineren regionalen Museen schon lange gang und gäbe. Die Tatsache, dass gleich drei der größten Museen des Landes gleichzeitig diesen Kurs einschlagen, signalisiert eine Trendwende zugunsten einer verbesserten Reflektion des Kunstmilieus im 21. Jahrhundert.

Mark Rothko, Ohne Titel, 1960, San Francisco Museum of Modern Art © 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko / Artists Rights Society (ARS) New York | Foto: Katherine Du Tiel Mark Rothko, Ohne Titel, 1960, San Francisco Museum of Modern Art © 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko / Artists Rights Society (ARS) New York | Foto: Katherine Du Tiel

Im Katalog zu Sotheby's Post War & Contemporary Auktion im Mai ist mit einem Color Field-Gemälde von Mark Rothko ein Werk aus der Sammlung des San Francisco Museum of Modern Art aufgeführt, in dessen Besitz es sich seit 1962 befand. Das Gemälde aus dem Jahr 1960 geht dann mit einem Schätzpreis von 30 - 50 Millionen USD an den Start. Als Grund für den Verkauf gab das Museum, das Bestreben an, "seine Sammlung abwechslungsreicher gestalten zu wollen sowie den Bestand mit zeitgenössischen Werken zu erweitern und kunsthistorische Lücken aufzufüllen." Neal Benzra, Director des SFMOMA fügt hinzu: "Im Geiste des Experimentierens, des abwechslungsreichen Denkens und der Offenheit gegenüber neuen Wegen des Geschichtenerzählens, überdenken wir unsere Ausstellungen, Sammlungen und Lehraufträge, um den Zugang zu verbessern und unsere Anteilnahme an einer globalen Perspektive zu erweitern und dabei gleichzeitig eine feste Größe in der Kunstszene der Bay Area und Kaliforniens zu bleiben."

Zao Wou-Ki, Ohne Titel, 1958 | Abb.: Sotheby's Zao Wou-Ki, Ohne Titel, 1958 | Abb.: Sotheby's

Das New Yorker Guggenheim Museum verkauft ein Werk eines modernen Künstlers, der derselben Epoche wie Mark Rothko entstamm: Zao Wou-Ki. Der Verkauf geschieht genau zum richtigen Zeitpunkt, da der 2013 verstorbene französisch-chinesische Künstler erst im vergangenen Jahr bei einer Auktion zum teuersten modernen Künstler aus Asien geworden war. 65,2 Millionen USD wurden für das großformatige Juin-Octobre 1985 erzielt, was das Werk außerdem zum zehntteuersten aller verkauften Kunstwerke im Jahr 2018 machte. Mit einem Schätzpreis von 7,7-10 Millionen USD wird ein titelloses Werk von Zao Wou-Ki aus dem Jahr 1958 im März bei Sotheby's in Hongkong versteigert werden. Der Erlös aus dem Verkauf des Ölgemäldes, das dem Guggenheim Museum vor 55 Jahren überlassen worden war, soll ebenfalls in dessen Kunstfond fließen.

Ernst Ludwig Kirchner, Mädchen auf dem Diwan, 1906 | Abb.: Sotheby's Ernst Ludwig Kirchner, Mädchen auf dem Diwan, 1906 | Abb.: Sotheby's

Aus demselben Grund trennt sich auch das Metropolitan Museum Modern Art von einem seiner Meisterwerke: Mädchen auf dem Diwan von Ernst Ludwig Kirchner, das seit 1993 Teil der Sammlung des Museums war. Auf 3,5-4,7 Millionen USD wurde das 1906 ausgeführte des deutschen Expressionisten geschätzt. Der Verkauf resultiert aus dem Vorhaben des Museums, das seine Pforten ab Juni 2019 für vier Monate schließen wird, um seinen 400 Millionen USD teueren Ausbau abzuschließen, die Ausstellung künftig abwechslungsreicher zu gestalten und bislang unterrepräsentierte Künstler hervorzuheben. Glenn Lowry, der Direktor des MoMA, erklärte gegenüber der New York Times bereits im Jahr 2017, dass die Neugestaltung "eine Rückbesinnung auf unsere ursprüngliche Konzeption [ist]. Wir hatten für uns selbst eine Erzählweise erschaffen, die keine umfassende Betrachtungsweise unserer Sammlung erlaubte, um möglichst viele Künstler mit den unterschiedlichsten Hintergründen darin aufzunehmen."

Demonstranten vor dem Berkshire Museum 2017 | Foto:  Gillian Jones für den Berkshire Eagle Demonstranten vor dem Berkshire Museum 2017 | Foto: Gillian Jones für den Berkshire Eagle

So eine Aussortierung wird oft von einer Kontroverse begleitet. Im vergangenen Jahr sorgte das Berkshire Museum in Pittsfield, Massachusetts für Schlagzeilen. Indem es 20 seiner wichtigsten Werke verkaufte, darunter Arbeiten von Norman Rockwell, Albert Bierstadt, Alexander Calder und Thomas Moran, konnte das Museum 53,2 Millionen USD einstreichen, um seine steigenden Schulden zu begleichen. Die Verwendung der Mittel zu anderen Zwecken als dem Erwerb neuer Kunstwerke widerspricht jedoch den Regeln der AAMD und führte zu einer öffentlichen Erklärung gegen das Museum.

Norman Rockwell, Shuffleton's Barbershop, 1950 | Abb.: Collection of Lucas Museum of Narrative Art. ©SEPS: Licensed by Curtis Licensing, Indianapolis, IN Norman Rockwell, Shuffleton's Barbershop, 1950 | Abb.: Collection of Lucas Museum of Narrative Art. ©SEPS: Licensed by Curtis Licensing, Indianapolis, IN

Den höchsten Preis bei der umstrittenen Aussortierung erzielte (vermutlich) Shuffleton's Barbershop von Norman Rockwell, das der Künstler selbst dem Berkshire Museum einst geschenkt hatte. Zwar wurde der Zuschlagspreis nie bekanntgegeben, doch lag der von Sotheby's vorab festgelegte Schätzpreis bei 20-30 Millionen USD. Nachdem wütende Stimmen laut wurden, die befürchteten, das Kunstwerk könnte auf immer in der Versenkung verschwinden, wurde es von Star Wars-Erfinder George Lucas gekauft, der es im Lucas Museum of Narrative Art ausstellen möchte, das 2022 seine Pforten in Los Angeles öffnen wird.

Amy Sherald, Planes, rockets, and the spaces in between, 2018 | Abb.: Baltimore Museum of Art Amy Sherald, Planes, rockets, and the spaces in between, 2018 | Abb.: Baltimore Museum of Art

In anderen Fällen bedeutet das Aussortieren schlicht und einfach einen Wandel des Ethos eines Museums. Im Mai 2018 verkaufte das Baltimore Museum of Art Kunst im Wert von fast 8 Millionen USD bei Sotheby's, darunter Werke von Andy Warhol, Kenneth Noland und Franz Kline. Sie wurden ausgetauscht für Arbeiten zeitgenössischer Talente wie Amy Sherald und Jack Whitten, die der Sammlung des Museum mehr Diversität verleihen sollen. Christopher Bedford, der Direktor des Museums, erklärte: "Indem wir uns auf eine gerechte Repräsentation und historische Genauigkeit in unserer Sammlung konzentrieren, möchten wir unsere Baltimore-Gemeinschaft besser reflektieren und einen fruchtbaren Dialog über zukünftige Museumspraktiken unter unseren Kollegen anstoßen."

Indem sich die Museen auf eine abwechslungsreichere Vielfalt der in ihren Sammlungen gezeigten Künstler, Medien und Zeiträume konzentrieren, definieren ihre Kuratoren heute den Kanon der Kunstgeschichte für das 21. Jahrhundert neu. Mit der Absicht, die Werke moderner Kunstlegenden wie Rothko und Kirchner durch unterrepräsentierte Künstler zu ersetzen, leiten Museen eine neue Ära der Akquisitionen ein, die einem breiteren Spektrum künstlerischer Talente Ausdruck verleihen.

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