Eine außergewöhnliche Marmorbüste von Canova wird versteigert

Eine außergewöhnliche Marmorbüste von Antonio Canova wird diesen Monat in Monte-Carlo versteigert. Sie stammt aus der Sammlung von Alexander Baring, 1st Baron Ashburton, einem Mitglied der deutschstämmigen Dynastie britischer Bankiers.

Eine außergewöhnliche Marmorbüste von Canova wird versteigert

Das Œuvre des italienischen Malers und Bildhauers Antonio Canova (1757-1822) gilt als Archetypus der neoklassizistischen Skulptur und umfasst von mythologischen Themen inspirierte Arbeiten sowie Büsten und Grabmäler.

Als Mitglied einer Familie von Steinmetzen war Antonio Canova der Umgang mit dem harten Material bereits in die Wiege gelegt. Schon früh beherrschte er die Kunst des Marmorschnitts, den er in seinen herausragenden Skulpturen perfektionierte. Fasziniert von antiker Kunst verband der Künstler die Schönheitsideale vergangener Jahrhundert mit einer Inspiration durch die Natur.

Antonio Canova, Selbstportrait, 1792 | Foto via Wikipedia
Antonio Canova, Selbstportrait, 1792 | Foto via Wikipedia

Im Laufe seiner Karriere ist es Antonio Canova gelungen, Gefühle und Handlungen in ausgewogener Weise zu übersetzen und auszudrücken, ohne dabei jemals Übertreibungen zuzulassen. Er orientierte sich dabei am Archäologen und ästhetischen Theoretiker Johann Joachim Winckelmann, dessen "schöne Ideal" nur die Vorstellung von "edler Schlichtheit und heiterer Pracht" enthalten und niemals zum Übermaß neigen durfte.

"Ich las, dass die Alten, nachdem sie einen Klang erzeugt hatten, ihn modulierten, indem sie ihn anhoben und absenkten, ohne sich jemals von den Regeln der Harmonie zu lösen. So muss der Künstler vorgehen." - Antonio Canova.

Canovas "ideale Köpfe" entsprachen der Typologie der Frauenportraits der napoleonischen Ära, die die weibliche Gestalt vergötterte und in der weibliche Schönheit in subtilen Varianten der Formgebung zum Ausdruck kam. Laut Melchior Missirini, Autor und Freund des Künstlers ging Canova so vor, dass er "wenn er eine schöne Erscheinung antraf, eine klare Erinnerung davon machte und diese aus dem Gedächtnis in Büsten und Köpfe umwandelte, von denen man einigen eine tatsächliche Intelligenz zugestehen möchte."

Antonio Canova, Lucretia d’Este, 1821-22 | Foto: ©HVMC
Antonio Canova, Lucretia d’Este, 1821-22 | Foto: ©HVMC

Die Büste der Lucretia d'Este, die Ende April im Hôtel des Ventes de Monte-Carlo versteigert wird, gehört zu Canovas Serie "idealer Köpfe". Sie zeigt ein feines Gesicht mit griechischen Zügen, die an antike Skulpturen erinnern. Die Frisur mit um den Hinterkopf drapierten geflochtenen Zöpfen und den in die Stirn fallenden Locken entspricht der Mode Anfang des 19. Jahrhunderts und wurde mit äußerster Virtuosität ausgeführt. Der Künstler spielte mit den Gesichtszügen, den Schatten der Augen, der Nase und der Lippen, um so isolierte Schatten zu erzeugen, die einander auch bei maximaler Beleuchtung nicht überlagern.

Antonio Canova, Lucretia d’Este, 1821-22 | Foto: ©HVMC
Antonio Canova, Lucretia d’Este, 1821-22 | Foto: ©HVMC

Mit dieser durch Leichtigkeit erzeugten Spiritualität erweckte Canova die Schönheit einer kunstliebenden Frau zu neuem Leben: Lucretia d'Este, Nachfahrin der berühmten Lucretia Borgia.

Lucretia (1535-1598) war die Tochter des Ercole II. d'Este, Herzog von Ferrara und der französischen Königstochter Renée. Als sie mit 35 Jahren "endlich" verheiratet wurde, war sie noch immer berühmt für ihre Schönheit. Ihre 1570 geschlossene Ehe mit dem um 14 Jahre jüngeren Francesco Maria II. della Rovere, Herzog von Urbino wurde jedoch nicht glücklich. Ihr Mann wusste ihre Qualitäten nicht zu schätzen, beklagte sich fortwährend über seine Frau und vergnügte sich mit zahllosen Maitressen.

Federico Zuccari (attr.), Portrait der Lucretia d'Este | Foto via Wikipedia
Federico Zuccari (attr.), Portrait der Lucretia d'Este | Foto via Wikipedia

Auch Lucretia begann sich schließlich außerhalb ihres Ehebettes umzuschauen und führte zunächst eine Liebesbeziehung mit Graf Ercole Contrari, der durch Lucretias Bruder Alfonso II. hingerichtet wurde, und später mit Graf Luigi Montecoccoli. Die Affären und die anhaltende Kinderlosigkeit des Herzogspaares von Urbino führte schließlich 1578 zur Scheidung.

Antonio Canova, Lucretia d’Este, 1821-22 | Foto: ©HVMC
Antonio Canova, Lucretia d’Este, 1821-22 | Foto: ©HVMC

Antonio Canovas Büste der Lucretia d‘Este, die nun ihren Weg in die Auktion in Monte-Carlo gefunden hat, stammt aus der Sammlung Alexander Baring (1774-1848), Enkel von Johann (John) Baring, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts aus Deutschland nach England emigriert war und der die Barings Bank begründete, eines der ehemals führenden Bankhäuser Großbritanniens. Sein Enkel Alexander war ein wichtiger Akteur im Familienunternehmen und Politiker unter Premierminister Sir Robert Peel. In den 1830er Jahren wurde er mit der Verleihung des erblichen Titels eines Baron Ashburton in den Adelsstand erhoben.

Alexander Baring, 1st Baron Ashburton, 1842 | Foto via Wikipedia
Alexander Baring, 1st Baron Ashburton, 1842 | Foto via Wikipedia

Zu Alexander Barings prestigeträchtiger Sammlung gehörten Gemälde niederländischer, flämischer, spanischer und italiensicher Meister sowie mehrere Marmorskulpturen, die er während eines Aufenthaltes in Rom erworben hatte. Die marmorne Büste der Lucretia d'Este ist eine von vier Arbeiten Canovas in der Sammlung. Eine andere, eine Büste Napoleons, hatte Baring vom französischen Premierminister Talleyrand, der von seiner Begeisterung für Kunst wusste, geschenkt bekommen. 1934 wurde die Sammlung Alexander Baring aufgelöst.

Das Hôtel des Ventes de Monte-Carlo hat nun das Vergnügen, die bemerkenswerte Büste bei seiner Auktion am 27. April anbieten zu dürfen. Die Auktion, die um 14:30 Uhr beginnt, umfasst Möbel, Objets d‘art sowie Gemälde Alter Meister und des 19. Jahrhunderts.

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