Jo, die Frau hinter Edward Hoppers Karriere

Geringschätzung, Eifersucht, Selbstaufopferung und Gewalt sind die Zutaten einer Künstlerehe, in deren Verlauf es für einen Ehepartner bergauf und für den anderen steil bergab ging.

Jo, die Frau hinter Edward Hoppers Karriere

Die beiden Künstler Josephine Nivison und Edward Hopper trafen zum ersten Mal in den 1910er Jahren aufeinander, eine richtige Beziehung zwischen den beiden begann jedoch erst 1923, während eines künstlerischen Rückzugs nach Massachusetts. Die Hochzeit erfolgte ein Jahr später. Josephine war zu jenem Zeitpunkt 41 Jahre alt und würde bis zum Tod Edward Hoppers im Jahr 1967 an dessen Seite bleiben. Josephines Aufzeichnungen über ihr Leben, die sich heute im Besitz der Kunsthistorikerin Gail Levin befinden, offenbaren eine turbulente Beziehung, die sich manchmal nicht nur in verbalen, sondern auch in gegenseitigen körperlichen Auseinandersetzungen manifestierte.

Robert Henri, The Art Student (Detail), 1906, Portrait von Josephine Nivison im Alter von 22 Jahren | Foto via Wikipedia
Robert Henri, The Art Student (Detail), 1906, Portrait von Josephine Nivison im Alter von 22 Jahren | Foto via Wikipedia

Zwei Drittel seines Lebens verbrachte Edward Hopper in einem heruntergekommenen Studio ohne Kühlschrank und Toilette, aber mit Ausblick auf den Washington Square in Manhattan. Nach der Hochzeit zog Josephine dort mit ein. Trotz einiger Reisen nach Massachusetts, Maine oder Südamerika war diese drei Jahre dauernde, beengte Situation für das Ehepaar prekär, wirkte sie sich doch negativ auf dessen moralische Gesundheit aus, was wiederholt zu explosionsartigen Auseinandersetzungen führte, in denen es an Gewalt nicht mangelte. In ihrem Tagebuch berichtet Jo, dass sie ihn "gekratzt, bis aufs Blut gebissen" habe, während er sie gefesselt, geschlagen und mit dem Kopf gegen ein Regal gestoßen" habe.

Trotz diverser Hämatome und Beleidigungen beendeter keiner von beiden die Ehe, obwohl jederzeit die Möglichkeit bestanden hätte, die Koffer zu packen und sich auf Nimmerwiedersehen zu verabschieden. Immer wieder betonten Jo und Edward, dass sie einander brauchten.

Edward Hopper, Jo Painting, 1936 | Foto: ©Whitney Museum of American Art
Edward Hopper, Jo Painting, 1936 | Foto: ©Whitney Museum of American Art

"Ed ist der Mittelpunkt meines Universums."

"Es ist ein wahrer Segen, dass Edward und ich füreinander da sind. Sobald er gegangen ist, wird es auch mir erlaubt sein zu gehen", vertraute Jo ihrem Tagebuch an.

Josephines Karriere als Künstlerin begann 16 Jahre vor ihrem ersten Zusammentreffen mit Hopper. Ihre Zeichnungen wurden in der New York Tribune, der Evening Post und dem Chicago Herald Examiner veröffentlicht, ihre Gemälde neben denen von Künstlergrößen wie Man Ray, Pablo Picasso und Amedeo Modigliani ausgestellt. Ihre "Prä-Hopper-Phase" ist gekennzeichnet von farbenfrohen fauvistischen Ölgemälden, die laut der Autorin Elizabeth Thompson Colleary Ausdruck ihrer lebendigen Persönlichkeit waren.

Josephine Hopper, Landschaft ohne Titel | Foto via The Boston Globe
Josephine Hopper, Landschaft ohne Titel | Foto via The Boston Globe

Josephines Einfluss auf Edward Hoppers Malerei begann sofort nach ihrer ersten Begegnung im Jahr 1923, als er ihrem Beispiel folgte und sich ernsthaft mit Aquarellfarben zu beschäftigen begann. Ebenso übernahm Hopper einige Themen, die zuvor von Jo behandelt worden waren, darunter die Shakes-Aquarelle, die sie 1923 ausstellte.

Im Laufe der 1920er Jahre wurde Jo Hoppers bevorzugtes und schließlich einziges Modell, dessen Gestalt man in vielen Aquarellen, Zeichnungen und Karikaturen wiederfinden kann, besonders deutlich jedoch in dem einzigen Ölgemälde Jo Painting von 1936. Trotz ihrer komplizierten Beziehung unterstützte Jo ihren Mann dabei, Werke wie Five AM (1937) zu vollenden oder einen geeigneten Titel zu finden, wie es beispielsweise bei Nighthawks der Fall war.

Edward Hopper, Five AM | Foto via Pinterest
Edward Hopper, Five AM | Foto via Pinterest

1924 nahm Josephine neben mehreren Künstlern an einer Ausstellung im Brooklyn Museum teil, wo sie von der Kritik nur wenig gelobt wurde. Mehr Beachtung erhielten Arbeiten von Georgia O'Keeffe und John Singer Sargent. Sie schafft es allerdings, einen der Kuratoren der Ausstellung zu überzeugen, ein Bild von Hopper zu kaufen. Es ist erst die zweite Arbeit, die Hopper in zehn Jahren verkaufen konnte. Durch diesen kleinen Karriereschub kam es zur ersten Einzelausstellung Hoppers in jener Galerie, die ihn für den Rest seines Lebens repräsentieren sollte.

Während Hopper die Farben und Themen seiner Arbeiten denen seiner Frau und Muse entlehnt, wird er zu einem erfolgreichen Künstler. Jo hingegen kopiert wiederum den Stil von Hopper und verliert völlig ihre künstlerische Identität. Aus ihrem Tagebuch geht hervor, dass Hopper den kreativen Prozess seiner Frau keineswegs unterstützte und ihre Fähigkeiten bisweilen als "angenehmes kleines Talent" bezeichnete. Man kommt nicht umhin sich zu fragen, weshalb das Zusammentreffen mit Hopper solch einen Einfluss auf Josephine hatte, dass es ihr nie mehr gelang, ihre malerische Kraft der "Prä-Hopper-Phase" wiederzuerlangen. Oder weshalb es sie der Fähigkeit beraubte, den eigenen Stil erneuern zu können.

Edward Hopper, Nighthawks | Foto via stylist
Edward Hopper, Nighthawks | Foto via stylist

Eines führte zum Anderen und schon bald stieß Josephine nur noch auf Ablehnung durch die Galeristen und erhält negative Äußerungen von einflussreichen Persönlichkeiten der Kunstszene.

Irgendwie hatte Josephine tatsächlich nach und nach das Gefühl für das richtige Motiv verloren. Hopper verbot ihre, eigenen Wege zu gehen und so sah man das Ehepaar oft, wie es das Gleiche malte. Elizabeth Thompson Colleary sagte dazu: " Waren sie zusammen, konnte Jo sich als Künstlerin nicht finden." Hopper war mitverantwortlich für den Karriereknick seiner Frau, und Jo wusste nicht, wie sie mit eigenen Mitteln aus dieser Situation entkommen könnte.

"Natürlich. Wenn Sie nur für einen von uns Platz haben, dann selbstverständlich für ihn."

Jo unterstützt die Karriere ihres Mannes mit Leib und Seele und besteht darauf, das einzige weibliche Motiv seiner Werke zu sein. Sie verbietet ihm, andere Frauen zu malen. Sie erscheint mal blond, mal rothaarig, nackt oder in Schwarz gekleidet. Sie ist gleichzeitig jede und keine Frau in Hoppers Leben.

Jo und Edward Hopper | Foto: ©Hopper's Vermont
Jo und Edward Hopper | Foto: ©Hopper's Vermont

Josephine legt ein Werksverzeichnis für ihn an, wählt Titel für die Arbeiten aus und engagiert sich so stark, dass sie Hoppers Gemälde als Gemeinschaftsarbeit betrachtet und sie gerne als "ihre Kinder" bezeichnet. Hopper hingegen verunglimpft seine Werke, sowohl in seinen eigenen Aufzeichnungen als auch gegenüber seiner konservativen Kritiker, die mit seinem Stil nichts anfangen können.

Als Edward Hopper 1967 stirbt, spendet Jo alle seine und auch ihre Werke dem Whitney Museum of American Art. Das Museum entfernt jedoch schon bald Josephines Werke aus seiner Ausstellung und seit ihrem Tod im Jahr 1968 keines davon wieder gezeigt.