Das Meisterwerk eines russischen Rebellen bei Hampel

Die Frühjahrsauktion des Münchener Auktionshauses Hampel besticht durch ihre vielfältige und hochwertige Offerte, die neben Alten Meistern und Impressionisten auch einen hervorragenden Katalog mit russischer Kunst umfasst.

Das Meisterwerk eines russischen Rebellen bei Hampel

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts offenbarten sich die Probleme, mit denen Russland durch sein absolutes Herrschaftssystem belastet war, immer deutlicher. Die sozialen Unterschiede blieben auch nach Abschaffung der Leibeigenschaft 1861 immens, an echten Fortschritt war kaum zu denken. Auch in der Russischen Künstlerszene brodelte es. Während die Kaiserliche Akademie auf ihre althergebrachten Doktrinen pochte, schlossen sich einige Künstler 1870 zu einer Gruppe zusammen, die sich einem gesellschaftskritischen Realismus verschrieben hatte und gemeinsame Wanderausstellungen organisierte. Die Peredwischniki genannte Bewegung versammelte einige der talentiertesten Maler des damaligen Russland.

Ivan Ivanovich Shishkin (1832 Jelabuga – 1898 Sankt Petersburg), Junge Frau im Interieur vor einem Fenster am Tisch, Öl/Lwd., vor 1877 | Fotos: HampelIvan Ivanovich Shishkin (1832 Jelabuga – 1898 Sankt Petersburg), Junge Frau im Interieur vor einem Fenster am Tisch, Öl/Lwd., vor 1877 | Fotos: Hampel

Einer von ihnen war Ivan Ivanovich Shishkin, der in der Frühjahrsauktion von Hampel mit dem qualitativ äußerst hochwertigen Gemälde Junge Frau im Interieur vor einem Fenster am Tisch vertreten ist. Dargestellt ist eine Frau im schwarzen Kleid, die gerade einen Brief liest. Ihre Umgebung lässt vermuten, dass sie dem gehobenen Bürgertum angehört, tatsächlich ist es die Ehefrau Shishkins. Besonders hervorzuheben ist der gekonnte Umgang des Malers mit der Darstellung des Lichteinfalls durch das hohe Fenster.

Mit Ilja Repin und Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski sind zwei weitere bedeutende russische Maler Teil der Russland-Auktion, die auch Werke "von der anderen Seite" umfasst. Der herrschende Adel und auch die Zarenfamilie setzten im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert verstärkt auf Kunsthandwerk, das die Traditionen Russlands hervorhob. Ein beeindruckendes Beispiel ist hier ein großer silberner Kovsch, dessen Gestaltung den Gründungsmythos der Kiewer Rus rund um den Waräger (Wikinger) Rjurik zum Thema hat.

Großer russischer Kovsch, Silber, Moskau, 1908-1926 | Foto: HampelGroßer russischer Kovsch, Silber, Moskau, 1908-1926 | Foto: Hampel

Auch das weitere Kunsthandwerk der Auktion braucht sich wahrlich nicht zu verstecken. Ein interessantes Stück ist ein italienisches Holzkästchen mit Ormolu-Beschlägen aus dem 16. Jahrhundert, das Geheimnisse dank eines Buchstabenkombinationsschlosses verwahren kann.

Kästchen mit Buchstabenkombinationsschloss, Italien 16. Jh. | Fotos: HampelKästchen mit Buchstabenkombinationsschloss, Italien 16. Jh. | Fotos: Hampel

Mit einer Entstehungszeit im 20. oder 21. Jahrhundert noch relativ jung ist ein großer Glaslüster aus Murano, dessen aufwändig gestaltetes Blütendekor jedoch gekonnt die Traditionen des venezianischen Glasmacherinsel fortsetzt.

Murano-Lüster mit roten Blüten, Murano 20./ 21. Jh. | Foto: HampelMurano-Lüster mit roten Blüten, Murano 20./ 21. Jh. | Foto: Hampel

Aus dem Frankreich des späten 17. Jahrhunderts stammen zwei bedeutende Möbelstücke im Boulle-Stil. Zum einen handelt es sich dabei um einen Schreibtisch, ein sogenanntes Bureau Mazarin. Namenspatron war Kardinal Jules Mazarin, der von 1642 bis 1661 französischer Premierminister war und für Ludwig XIV. den Weg zur absolutistischen Herrschaft ebnete. Mazarin soll als erster einen derartig gestalteten Schreibtisch besessen haben.

Links: Nicolas Sageot, Louis XIV-Kommode mit Boulle-Marketerie, gestempelt Rechts: Bureau Mazarin im Boulle-Stil, Frankreich spätes 17. Jh. | Fotos: HampelLinks: Nicolas Sageot, Louis XIV-Kommode mit Boulle-Marketerie, gestempelt Rechts: Bureau Mazarin im Boulle-Stil, Frankreich spätes 17. Jh. | Fotos: Hampel

Bei dem anderen Stück handelt es sich um eine Kommode des Kunsttischlers Nicolas Sageot, der nicht nur ein Zeitgenosse André Boulles war, sondern auch häufig mit diesem zusammenarbeitete.

Nicht weniger interessant als das Kunsthandwerk der Auktion ist die Gemäldeofferte, die sich in Werke des 19. und 20. Jahrhundert und Alte Meister aufteilt. Unter den letztgenannten beeindruckt ein farbintensives Gemälde des italienischen Renaissancemalers Girolamo da Santacroce, das die Gottesmutter mit Johannes dem Täufer, Franz von Assis und dem Heiligen Nikolaus von Myra zeigt.

Girolamo da Santacroce (ca. 1485 Bergamo – 1556), Die Madonna mit den Kind und drei Heiligen, Öl/Lwd. | Foto: HampelGirolamo da Santacroce (ca. 1485 Bergamo – 1556), Die Madonna mit den Kind und drei Heiligen, Öl/Lwd. | Foto: Hampel

Bemerkenswert ist auch ein winterliches Gemälde des niederländischen Malers Adam Breen, das nicht nur das winterliche Dorf gekonnt wiedergibt sondern auch die feine Kleidung der sich am zugefrorenen See vergnügenden höfischen Gesellschaft.

Adam Breen (um 1590 Amsterdam – 1645 Oslo) zug., Höfische Gesellschaft beim Eisvergnügen, Öl/Holz | Foto: HampelAdam Breen (um 1590 Amsterdam – 1645 Oslo) zug., Höfische Gesellschaft beim Eisvergnügen, Öl/Holz | Foto: Hampel

In vier Gemälden hat Jan Brueghel d. J. gemeinsam mit den Mitarbeitern seiner Werkstatt die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft auf die Leinwand gezaubert. Für ihre Darstellung wurden jeweils entsprechende Allegorien, Flora und Fauna sowie die "passenden" Götter der griechischen Mythologie bemüht.

Jan Brueghel d. J. (1601 Antwerpen 1678) und Werkstatt, Die vier Elemente, Öl/Lwd. | Foto: HampelJan Brueghel d. J. (1601 Antwerpen 1678) und Werkstatt, Die vier Elemente, Öl/Lwd. | Foto: Hampel

Unter den Gemälden des 19. Jahrhunderts ist besonders eine Arbeit Théodore Géricaults hervorzuheben. Vermutlich handelt es sich bei Portrait de naufragé um eine Studie Géricaults für dessen berühmtes Werk Das Floß der Medusa von 1819.

Links: Bernard Buffet (1928 Paris – 1999 Tourtour), Fleurs et fruits I, Öl/Lwd., signiert und datiert, 1991 Rechts: Théodore Géricault (1791 Rouen - 1824 Paris), Portrait de naufragé, Öl/Lwd., signiert | Fotos: HampelLinks: Bernard Buffet (1928 Paris – 1999 Tourtour), Fleurs et fruits I, Öl/Lwd., signiert und datiert, 1991 Rechts: Théodore Géricault (1791 Rouen - 1824 Paris), Portrait de naufragé, Öl/Lwd., signiert | Fotos: Hampel

Des Weiteren kommt ein spätes Werk des französischen Malers Bernard Buffet zum Aufruf. Das Stillleben Fleurs et fruits I stammt aus dem Jahr 1991, ist jedoch in jenem modernen Stil ausgeführt worden, für den Buffet in den 1950er Jahren berühmt wurde.

Den Abschluss der Auktion bildet die Versteigerung der Sammlung Dr. Meyn mit Afrikanischer Kunst. Diese Offerte wird angeführt durch eine große männliche Ahnenfigur der Hemba-Ethnie, die in der Demokratischen Republik Kongo beheimatet ist.

Große männliche Ahnenfigur des Stammes Hemba, 1. Drittel 20. Jh. | Fotos: HampelGroße männliche Ahnenfigur des Stammes Hemba, 1. Drittel 20. Jh. | Fotos: Hampel

Die Frühjahrsauktion des Auktionshauses Hampel findet am 28. März ab 10 Uhr in der Schellingstraße 44 in München statt. Die Ausstellung zur Aktion kann dort vom 23.-27. März besucht werden.

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