Klischees und Psyche: Cindy Sherman in Hochform

Die amerikanische Fotografin Cindy Sherman hat im Laufe ihrer 40-jährigen Karriere immer wieder das Verhältnis zwischen der Gesellschaft und ihrer weiblichen Mitglieder, zwischen Individualität und Identität in Frage gestellt und sich zu diesem Zweck selbst als so manches Klischee abgelichtet.

Cindy Sherman, Untitled #193 | Foto: ©The Doris and Donald Fisher Collection
Cindy Sherman, Untitled #193 | Foto: ©The Doris and Donald Fisher Collection

Verfolgt man als Künstler einen solchen Weg, muss man lange Durststrecken mit einplanen. 2011 stieß Cindy Sherman jedoch auf eine Oase inmitten dieser Wüste, als ihr Werk Untitled #96 bei Christie's für 3,89 Millionen USD verkauft wurde, was einem neuen Rekord für eine Fotografie entsprach.

Cindy Sherman, Untitled #96, 1981 | Foto: ©Christie's
Cindy Sherman, Untitled #96, 1981 | Foto: ©Christie's

Cindy Sherman kam am 19. Januar 1954 in der Nähe von New York zur Welt. Sie studierte zunächst Malerei am State University College in Buffalo, bevor sie sich der Fotografie als Instrument der Konzeptkunst zuwandte. Inspiriert wurde sie zu diesem Schritt von ihrem Landsmann Duane Michals und dem postmodernen Maler John Baldessari. 1976 zog Sherman nach Abschluss ihres Studiums nach Manhattan, wo sie sich mit ihrem Kommilitonen Robert Longo ein Atelier teilte.

Frühe Arbeiten von Cindy Sherman. Links: "Bus Riders"-Serie. Rechts: "Murder Mystery"-Serie 1976 | Fotos via Another Mag Copy
Frühe Arbeiten von Cindy Sherman. Links: "Bus Riders"-Serie. Rechts: "Murder Mystery"-Serie 1976 | Fotos via Another Mag Copy

Bereits in ihren ersten Ausstellungen im Jahr 1979 wurde Shermans allgemeine Idee deutlich, die Gesellschaft mit all ihren Erscheinungsformen zu kartieren und die kollektive und individuelle Identität zu reflektieren und zu einer fotografischen Aussage zu formen - ein Konzept, dem sie die folgenden vierzig Jahre treu bleiben sollte.

Cindy Sherman, Untitled Still Film #58, 1980 | Foto via Kunstmuseum Wolfsburg
Cindy Sherman, Untitled Still Film #58, 1980 | Foto via Kunstmuseum Wolfsburg

Fotos mit falscher Identität

Wenn Cindy Sherman sich in ihren Bildern inszeniert, verfolgen diese Selbstportraits nicht die Aufgabe, eine formale oder psychologischen Entwicklung wiederherzustellen oder zu übersetzten. Vielmehr soll der Mensch im Allgemeinen und die Frau im Besonderen in Fragen zu Sozial-, Kultur- und Umweltkonventionen in Frage gestellt werden.

In ihrer ersten Serie, namentlich den Untitled Film Stills, bediente sich Sherman der Horror- und B-Movies der 1950er und 1960er Jahre und parodierte diese, indem sie "ihre" Heldinnen von damals in der begrenzten Welt von Konventionen und Stereotypen zeigte, der sich eine Frau auch dreißig Jahre später als Ausdruck des gesellschaftlichen Zwangs noch immer anpassen muss.

Cindy Sherman, Untitled #153, 1985, aus "Untitled Horrors" | Foto via Phaidon
Cindy Sherman, Untitled #153, 1985, aus "Untitled Horrors" | Foto via Phaidon

Ein anderes Thema ging Cindy Sherman in den 1980er Jahren sowohl mit Farb- als auch mit Schwarzweiß-Fotos an: Mit entsprechenden Kostümen, Make-up, Accessoires und Szenerien, die an Performances (oder sogar Transformismus) erinnern, griff Sherman die Art der weiblichen Darstellung auf Hochglanzpapier in Zeitschriften, Modemagazinen, in der Werbung und im Fernsehen auf.

Cindy Sherman mit dramatischem Make-up, 1975 | Foto via Daily Mail
Cindy Sherman mit dramatischem Make-up, 1975 | Foto via Daily Mail

In der Serie History Portraits / Old Masters (1988-1990) arbeitet sie daran, die Welt der Kunst zu entmystifizieren, und taucht in die Gemälde Alter Meister ein. Mit übertriebenen Verkleidungen und Brustprothesen inszenierte sie Phantasien vom Mittelalter bis zum Rokoko und erinnerte damit an die Kluft zwischen Wunschbild und Realität, die heute ganz besonders stark die Wahrnehmungsfähigkeit beeinflusst.

Cindy Sherman, Untitled #193 | Foto: ©The Doris and Donald Fisher Collection
Cindy Sherman, Untitled #193 | Foto: ©The Doris and Donald Fisher Collection

Sex, Lügen und Ideale

Ebenso ist Sex eines ihrer Lieblingsthemen, da dieser mittelbar mit Identität und deren Entstehung zusammenhängt. Um zu stören und zu provozieren, regen die Figuren von Cindy Sherman zum Nachdenken über Weiblichkeit und Feminismus an und zielen gleichzeitig auf die Oberflächlichkeit von Ikonen ab. Auch wenn Sherman ihre Arbeiten nicht als streng feministisch betrachtet, erkennt die Fotografien dennoch an, dass "alles darin von meinen Beobachtungen als Frau in dieser Kultur stammt".

Cindy Sherman | Foto: ©Team Gallery, NYC
Cindy Sherman | Foto: ©Team Gallery, NYC

Diese Suche und die multiplen "anonymen Identitäten" und deren Zurschaustellung von Mängeln, Illusionen und Konditionierungen von Repräsentation ließen Cindy Sherman schnell in die vorderste Linie der amerikanischen und internationalen Kunstszene treten - mit allen schmerzhaften Konsequenzen für ihre eigene Identität.

Cindy Sherman, 8 Fotografien einer Frau während des Orgasmus, 1975 | Foto via The Daily Beast
Cindy Sherman, 8 Fotografien einer Frau während des Orgasmus, 1975 | Foto via The Daily Beast

Die Fotokünstlerin, die sonst nur wenig von sich selbst außerhalb der Kunst preisgibt, neigt in ihren Arbeiten zur Überbelichtung ihrer selbst und lässt Momente des Zweifels und der dunklen Gedanken zu. Zum Sinnbild von Kindheitserinnerungen und Ahnenfurcht ist der Clown geworden, der wie all die anderen Masken in Cindy Shermans Werk eine Aufgabe übernimmt. In diesem Fall soll die Täuschung der "amerikanischen Lebensweise" hervorgehoben werden, die auf verzerrten Erinnerungen und Erscheinungen beruht und damit die gesamte moderne westliche Gesellschaft im weitesten Sinne beeinflusst.

Cindy Sherman, Untitled #411, 2003 | Foto: ©Christie's
Cindy Sherman, Untitled #411, 2003 | Foto: ©Christie's

Die Inszenierung ihrer Fragestellungen in vielfältigen Ausformungen hat Cindy Sherman im Laufe ihrer Karriere die verschiedensten Auszeichungen eingebracht, darunter der Hasselblad Foundation Award 1999, der Roswitha Haftmann-Preis 2012, der japanische Praemium Imperiale 2016 sowie 2019 der Max Beckmann-Preis.

 

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