Eine Bühne – das ist auch genau das richtige Stichwort, um mit der Beschreibung des Top-Loses der Sommerauktionen bei Grisebach, die vom 1. bis 3. Juni in Berlin stattfinden, zu beginnen. Denn am 5. Mai 1909 saß der damals 27-jährige Hermann Max Pechstein im Publikum, als das Opernballett aus Sankt Petersburg auf der Bühne der Kroll-Oper in Berlin ein völlig neues Tanzereignis darbot. Organisiert worden war die Inszenierung, deren Spielzeit zwei Wochen betragen sollte, von Kunsthändler Paul Cassirer, der sich von der Begeisterung seiner Verlobten, der Schauspielerin Tilla Durieux, hatte anstecken lassen.

Die Premiere am 5. Mai fand vor einem Publikum statt, das aus Mitgliedern der Berliner Secession rund um Cassirer und Max Liebermann und deren Freunden bestand. Ein bedeutender Abend, der nicht nur der Startschuss für die Gründung der Ballets Russes war, sondern auch ein Augenöffner für die Avantgarde Berlins, denen eine Präsentation des modernen Tanzes voller expressionistischer Bewegungen dargeboten wurde. Pechstein, der im Jahr zuvor nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in Paris nach Berlin gezogen war, ließ sich von der Aufführung zu dem Gemälde Russisches Ballett anregen, das die beiden Figuren Pierrot und Harlekin inmitten einer Szene voll virtuoser Dynamik darstellt.
Nun wird Pechsteins frühes Hauptwerk erstmals in der Auktion „Ausgewählte Werke“, die Teil der Sommerauktionen von Grisebach ist, versteigert. „Noch nie wurde ein vergleichbares Gemälde des Künstlers auf dem deutschen oder internationalen Markt angeboten. Die Art und Weise, wie sich hier Malerei und Tanz in großer Leidenschaft verbinden, macht das „Russische Ballett“ zu einem Symbolbild für den Aufbruch in eine neue Epoche“, erklärt Dr. Markus Krause, Geschäftsführer und Partner Grisebach sowie Experte für Moderne Kunst, in einer Pressemitteilung des Auktionshauses.

Die Auktion „Ausgewählte Werke“ findet am 2. Juni um 18 Uhr statt und umfasst insgesamt 32 Lose. Als ein weiteres Highlight unter den Arbeiten der Moderne sei hier auf Max Beckmanns Grauer Strand von 1928 hingewiesen, bei dem es sich um eines der begehrten Meerbilder des Malers handelt.

Wie Pechsteins Russisches Ballett wird auch die Schnittzeichnung Circle Grid Overlay des amerikanischen Konzeptkünstlers Gordon Matta-Clark Anfang Juni bei Grisebach zum ersten Mal auf dem Auktionsmarkt angeboten. Bei der Arbeit lassen sich direkte Bezüge zu dem Projekt Office Baroque feststellen, dass Matta-Clark 1977 anlässlich des 400. Geburtstags von Peter Paul Ruben in Antwerpen ausführte.
Bereits am Nachmittag des 2. Juni findet die Versteigerung von Werken aus der hervorragenden Expressionisten-Sammlung von Adalbert und Thilda Colsman statt (15 Uhr), die die Offerte „Ausgewählte Werke“ wunderbar ergänzt.

So ist beispielsweise Bildhauer Ewald Mataré in beiden Auktionen mit einer seiner stilisierten Tierfiguren, genauer gesagt mit zwei Kühen, vertreten. Während am Abend des 2. Juni Stehende Kuh, Windkuh von 1923 zum Aufruf kommt, darf am Nachmittag auf Große kniende Kuh von 1925 mitgeboten werden.

Mit dem höchsten Schätzpreis der Offerte kommt Emil Noldes Gemälde Hohe See von 1939 zum Aufruf, das das Sammlerehepaar 1940 direkt vom Künstler erworben hatte. Durch seine Schwester Gertrud war Adalbert Colsman mit dem bedeutenden Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus verschwägert, dessen herausragende Sammlung moderner Kunst den Grundstock der Sammlung des Museum Folkwang in Essen bildet.
Während Kunst die Kunst des 19. Jahrhunderts und Photographie am 1. Juni der Auftakt zu den Sommerauktionen bei Grisebach sind, runden weitere Versteigerungen mit moderner und zeitgenössischer Kunst am 3. Juni diese ab.

So verheißungsvoll wie die Sommerauktionen von Grisebach erscheinen hier die saftigen Pfirsiche, die Karin Kneffel, scheinbar völlig losgelöst und isoliert, über einer italienisch angehauchten Landschaft schweben lässt. Das insgesamt 180 x 360 cm messende, zweiteilige Ölgemälde ist Teil einer Werkgruppe Kneffels aus den 1990er Jahren, in der die Künstlerin überdimensionierte Früchte auf großformatigen Leinwänden in Szene setzte. Die Inspiration für den Hintergrund erhielt Kneffel zweifellos während ihres Aufenthalts in der Villa Massimo in Rom 1996/97.
Die Versteigerungen finden vom 1. bis 3. Juni in der Villa Grisebach, Fasanenstraße 25, in Berlin statt. Die Möglichkeit einer Vorbesichtigung besteht dort vom 24. bis 31. Mai.
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