Herkules und Omphale ist eine der wichtigsten neueren Entdeckungen innerhalb des Korpus von Artemisia Gentileschi
Am Abend des 4. August 2020 erschütterten zwei kurz aufeinander folgende Detonationen Libanons Hauptstadt Beirut. Ausgelöst durch einen Brand waren in einem Lagerraum im Hafen 2750 Tonnen Ammoniumnitrat explodiert. Neben den darauffolgenden Bränden in unmittelbarer Umgebung wurde die gesamte Stadt durch die Schockwelle der zweiten Detonation in Mitleidenschaft gezogen: mindestens 207 Menschen verloren ihr Leben, über 6.500 wurden verletzt. Für 300.000 weitere wurden ihre Häuser und Wohnungen unbewohnbar.
Eines der beschädigten Häuser war das Palais Sursock, Residenz der prominenten libanesischen Adelsfamilie Sursock, das 1860 erbaut worden war. Aufgrund der durch die Explosion vom August 2020 hervorgerufenen Beschädigungen an Dach und Fenstern wurde ein großer Teil der Einrichtung zerstört. Eine der damaligen Bewohner des Hauses, Lady Cochrane Sursock, erlag wenig später den Verletzungen, die sie bei der Katastrophe erlitten hatte.

Einige Wochen nach der Katastrophe schrieb der Kunsthistoriker Gregory Buchakjian einen Artikel für das Apollo Magazine, in dem er über die von ihm gemachten Besuche im zerstörten Palais Sursock sowie im diesem gegenüber gelegenen Sursock-Kunstmuseum berichtete. In dem Artikel griff Buchakjian das von ihm in den 1990er Jahren gemachte, jedoch nie veröffentlichte Forschungsergebnis auf, nachdem sich im Palais Sursock ein verschollenes Meisterwerk der italienischen Barockmalerin Artemisia Gentileschi befindet.
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Das besagte Gemälde stellt den griechischen Mythos um Herkules und Omphale dar, in dem der berühmte Heros dazu verurteilt wird, der lydischen Königin Omphale als Sklave. Die beiden verlieben sich jedoch ineinander und vor lauter Liebe lässt sich Herkules dazu überreden, Frauenkleider zu tragen und weibliche Arbeiten zu verrichten.
Unter Kunstexperten ist man sich einig, dass es sich tatsächlich um ein Originalwerk Gentileschis handelt. Diese hatte sich zweimal mit dem Thema Herkules und Omphale auseinandergesetzt. Das erste Gemälde entstand 1628 im Auftrag des spanischen Königs, fiel jedoch vermutlich im 18. Jahrhundert einem Brand zum Opfer. Bei dem Gemälde aus dem Palais Sursock handelt es sich also sehr wahrscheinlich um die zweite Version, die Gentileschi in den 1630er Jahren ausführte und die auch dieselben Maße aufweist, wie das Sursock-Gemälde.

„Herkules und Omphale ist eine großformatige, vielfigurige, komplexe und ehrgeizige Komposition. Malerinnen im 17. Jahrhundert führten hauptsächlich Porträts und Stillleben aus. Nur wenige wagten es, sich der Komplexität der Historienmalerei zu nähern, die ein höheres Maß an technischen Fähigkeiten, ein Verständnis für literarische Poetik und die Kenntnis einer Vielzahl anderer Kunstwerke erforderte, auf die sie zurückgreifen konnten. Seit Beginn ihrer Karriere war Artemisia Gentileschi eine ehrgeizige Historienmalerin, und sie konkurrierte auf dem gleichen Niveau wie ihre männlichen Kollegen und erwarb sich einen Ruf, der sich in ganz Europa verbreitete“, erklärt Davide Gasparotto, Senior Curator of Paintings am Getty Museum, wohin das Gemälde zur Restaurierung gebracht wurde, in einer Pressemitteilung.
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„Die Verwüstung, die dieses Gemälde erfahren hat, ist die schlimmste, die ich je gesehen habe“, sagt Ulrich Birkmaier, leitender Restaurator für Gemälde am Getty Museum. „[…] aber wir arbeiten an einem mehrstufigen Behandlungsplan, der sicherstellen wird, dass dieses Werk von Artemisia Gentileschi seine einstige Pracht zurückerhalten wird.“

„Herkules und Omphale ist eine der wichtigsten neueren Entdeckungen innerhalb des Korpus von Artemisia Gentileschi […]“, sagt Timothy Potts, Direktor des Getty Museums. „Nach der verheerenden Explosion, die das Gemälde beschädigt hat, fühlen wir uns geehrt, mit seiner Restaurierung betraut worden zu sein, und sind stolz darauf, es nach Abschluss der Arbeiten im Getty Museum auszustellen.“
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Artemisia Gentileschis Herkules und Omphale soll ab Ende 2023 bis zur abgeschlossenen Instandsetzung des Palais Sursock als Leihgabe im Getty Museum ausgestellt werden – gemeinsam mit Lucretia, einem weiteren Werk der Barockmalerin, welches das Museum 2019 für die Rekordsumme von 4,78 Millionen Euro erworben hatte.

