Wird ein deutscher „Neurographiker“ die Kunstwelt revolutionieren?

Im vergangenen Oktober war Christie’s das erste Auktionshaus, das ein von einer Künstlichen Intelligenz geschaffenes Kunstwerk versteigerte. Diesen Frühling wird Sotheby’s diesen Weg ebenfalls beschreiten.

Mario Klingemann, Memories of Passersby I, 2018 | Abb.: Sotheby's
Mario Klingemann, Memories of Passersby I, 2018 | Abb.: Sotheby's

Im Oktober 2018 machte sich die Kunstwelt mit der Versteigerung des Werkes Portrait of Edmond de Belamy auf in die Ära der Künstlichen Intelligenz. Denn von einer solchen wurde das Bildnis des fiktiven Monsieur de Belamy geschaffen. Genauer gesagt von einem Algorithmus, der wiederum von der französischen Kollektive Obvious erschaffen wurde. Der erzielte Preis von 432.500 USD übertraf den zuvor bestimmten oberen Schätzpreis um das 43-fache. Doch kann ein Computer tatsächlich in einer Industrie Fuß fassen, die von menschlicher Kreativität von Kunstfertigkeit lebt?

Obvious, Portrait of Edmond de Bellamy | Abb.: Christie's
Obvious, Portrait of Edmond de Bellamy | Abb.: Christie's

Laut Sotheby’s, das die zweite Auktion dieser Art für den 6. März angekündigt hat, wird sich von Eier Künstlichen Intelligenz geschaffene Kunst durchaus etablieren. In diesem Fall war Mario Klingemann, der seit vielen Jahren an der Kreuzung von Technologie und Kunst arbeitet und sich selbst als Pionier der von ihm als „Neurographie“ bezeichneten Bewegung betrachtet, der Urheber der besagten Werke.

Klingemann, ein Anhänger künstlicher neuronaler Netze (Systeme, die auf der Funktion biologischer Neuronen im menschlichen Gehirn basieren), Codes und Algorithmen, brachte sich selbst in den 1980er Jahren die Kunst des Computerprogrammierens bei. Er ist fasziniert von der menschlichen Wahrnehmung und der Theorie der Ästhetik, die er durch seine Arbeiten hinterfragt. Seine Algorithmen sind mit autonomen kreativen Überlegungen ausgestattet.

Mario Klingemann, Memories of Passersby I, 2018 | Abb.: Sotheby's
Mario Klingemann, Memories of Passersby I, 2018 | Abb.: Sotheby's

Memories of Passersby I (2018) von Klingemann, das Hauptwerk der Auktion bei Sotheby's, ist eine Installation, die aus einem Holzschrank, der das „Gehirn“ der Künstlichen Intelligenz beinhaltet, und zwei Bildschirmen besteht. Der Computer arbeitet in Echtzeit und erstellt spontan Gesichter imaginärer Männer und Frauen, indem er eine Reihe von Portraits des 17.-19. Jahrhunderts kombiniert. Das Ergebnis aus dieser Berechnung erscheint dann auf den Bildschirmen. Laut Sotheby’s unterscheidet sich Memories of Passersby I von allen anderen bei der Auktion angebotenen Werken dieser Art, da die Installation fortlaufend neue Portraits, und niemals zweimal dasselbe erschafft.

Mario Klingemann, Memories of Passersby I, 2018 | Abb.: Sotheby's
Mario Klingemann, Memories of Passersby I, 2018 | Abb.: Sotheby's

Marina Ruiz Colomer, Expertin in der Abteilung für Zeitgenössische Kunst, sagt, dies sei eine einmalige Gelegenheit, "zu sehen, wie ein AI-Gehirn in Echtzeit denkt". Die revolutionäre Arbeit wird auf 38.500-51.300 USD geschätzt.

Die Gesichter werden also durch ein künstliches neuronales Netzwerk erzeugt, das sich auf eine Datenbank mit Portraits aus dem 17. bis 19. Jahrhundert stützt. Die beunruhigenden Erscheinungen, die dabei manchmal entstehen können, beschreibt Klingemann als "Francis Bacon-Effekt“.

Mario Klingemann, Memories of Passersby I, 2018 | Abb.: Sotheby's
Mario Klingemann, Memories of Passersby I, 2018 | Abb.: Sotheby's

Klingemann sagt, es sei ihm eine Ehre, endlich von der globalen Kunstwelt anerkannt zu werden und zu sehen, wie seine Arbeiten bei Sotheby's versteigert werden - ein Ereignis, das er nicht erwartet hatte. Das Auktionshaus ergänzt, dass es niemandem sonst gelungen sei, eine Maschine zu schaffen, die in der Lage sei, Portraits in einer solchen Geschwindigkeit und von so hoher Qualität zu erzeugen.

Mario Klingemann bei der Decoded Conference 2010 in München | Foto: Wikimedia Commons/decoded conference
Mario Klingemann bei der Decoded Conference 2010 in München | Foto: Wikimedia Commons/decoded conference

Des Weiteren gibt Mario Klingemann an, er habe drei Monate gebraucht, um sein Modell zu programmieren, den Code zu schreiben und die Installation zu entwerfen. Einige sagen, dass das Werk nicht vollständig computergesteuert sei, da der Künstler zuvor das „Gehirn“ entwerfen musste. Im Gegensatz zu anderen Werken, die von einer Künstlichen Intelligenz produziert werden, ist Klingemanns Erfindung jedoch in der Lage, Kunst bis ins Unendliche zu schaffen.

Wie die meisten Neuheiten hat auch von einer Künstlichen Intelligenz geschaffene Kunst in letzter Zeit viel Aufmerksamkeit erhalten. Ob sie auch zukünftig erfolgreich sein und akzeptiert werden wird, bleibt jedoch abzuwarten. Klingemanns Technologie übertrifft jene des Kollektivs Obvious bei weitem. Daraus folgt, dass hinter dem nächsten Kunstwerk dieser Art eine noch ausgefeiltere Technologie stehen müsste und so weiter. Wie weit werden die Programmierer gehen? Und bis zu welchem Punkt wird die Auktionsbranche mitgehen? Einen Standard wird es für das Genre „Kunst von einer Künstlichen Intelligenz“ vermutlich nie geben, aber für die eine oder andere Überraschung wird es mit Sicherheit sorgen.

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