Heimat
Ein Teerfleck an der Wand des Krankenhauses gegenüber dem Fenster seines Kinderzimmers, ein Schulbesuch in der Abtei Sainte-Foy de Conques, die Landschaften der Causses in der Nähe seiner Heimatstadt, die Faszination für archäologische Funde und Menhire: All diese Momente sind prägten Pierre Soulages' Leidenschaft für die Kunst sowie seine Entschlossenheit, sein Leben der Malerei zu widmen. Aufgewachsen in Rodez im Département Aveyron, zog er 1936 im Alter von 18 Jahren nach Paris, um Teil der Welt der schönen Künste zu werden. Dort angekommen entdeckte er jedoch nichts, das ihm gefiel. Als der Krieg ausbrach, gab er sich als Landarbeiter aus, um der Zwangsarbeit zu entgehen. 1941 ging er nach Montpellier, wo er sein Alter Ego, Colette Laurens, traf, die Frau, von der ihn nur der Tod trennen sollte. Auch begegnete er dort dem Dichter Joseph Delteil, der in surrealistischen Kreisen verkehrte und Soulages Künstler wie Salvador Dalí und Max Ernst näherbrachte. Diese Entdeckung überzeugte Pierre Soulages dann doch noch, sein Leben der Kunst zu widmen.
Kurz nach dem Krieg und ohne ein Centime in der Tasche landeten Soulages und seine Colette mit einer einzigen Überzeugung in Paris: zu malen. Da er nicht im Salon d'Automne ausstellen durfte, wandte sich Soulages an den Salon des Surindépendants, wo er neben Fabra, Fin und Javier Vilató, dem Neffen Picassos, ausstellte. Seine dunklen Pinselstriche prallten aufeinander und fielen Hans Hartung und Francis Picabia auf. Letzterer sagte sogar zu ihm: „In deinem Alter und mit dem, was du tust, wirst du dir bald viele Feinde machen!“

Weltweite Anerkennung
Ab 1947 stellte er zusammen mit bekannten Namen der modernen Kunst aus – Del Marle, Kupka, Herbin, Schneider – was ihm ermöglichte, mit dem Club of American Artists (Robert Motherwell und Franz Kline) bekannt zu werden. Die Galerie Conti war die erste, die seine "Walnussschalen" in Paris ausstellte, dann folgte die internationale Anerkennung. In den USA wurde er mit Willem de Kooning, Barnett Newman oder Franz Kline verglichen. Ab Anfang der 1950er Jahre wurde er von der Kootz Gallery vertreten und 1952 erwarb das MoMa eines seiner Gemälde. Auf europäischer Seite etablierten die Documenta I, II und III in Kassel seinen Ruf auf dem alten Kontinent. 1967 stellte er erstmals im Museum of Modern Art in Paris (MAM) aus, 1979 dann im neu eröffneten Centre Pompidou. 1996 erneut im MAM, 2009 widmete ihm das Centre Pompidou schließlich eine Retrospektive. Zehn Jahre später gab es eine solche auch im Louvre – Anlass war der 100. Geburtstag des Künstlers. „Ich glaube, dass nur Matisse und Picasso Anspruch auf eine Retrospektive an diesem prestigeträchtigen Ort haben“, meinte Soulages bescheiden.
Auch in Asien, Russland und Südamerika sorgte Pierre Soulages mit seinen abstrakten Werken für Furore. Im Jahr 2001 war er der erste französische Maler, der in Maos China ausgestellt wurde, und der erste lebende ausländische Künstler, der die Eremitage in Sankt Petersburg betrat. Auch in Südkorea, in Japan, wohin er sehr häufig reiste, und in Brasilien wurde er verehrt.

Schwarz ist vor dem Licht
Der Ursprung
„Als ich das erste Mal ein Gemälde von Pierre Soulages sah, war das ein Schock wie der Schlag in die Magengrube, den der plötzlich wankende Boxer bekommt. Genau so habe ich mich gefühlt, als ich zum ersten Mal eine Dan-Maske gesehen habe. Soulages Fresken erinnern mich an afrikanische Gemälde, die mit derselben Verachtung aller eitlen Eleganz und derselben Selbstverständlichkeit den Betrachter ergreifen wie die Wurzeln des Lebens“, schrieb Léopold Sedar Senghor 1958.
Alle Arbeiten von Soulages wurzeln in der Idee des Ursprungs. „Schwarz ist vor dem Licht, vor dem Licht waren die Welt und die Dinge in völliger Dunkelheit. Mit Licht werden Farben geboren. Schwarz geht ihnen voraus. Auch für jeden von uns, bevor wir geboren werden, bevor wir das Licht der Welt erblicken“, erklärte er in einem Interview mit Le Monde.
Malen ist die Art des Künstlers, herauszufinden, wohin er geht, was tief mit seinem Prozess verbunden war. Nie plante er ein Projekt. „Die Leinwand, an der ich gerade arbeite, ist immer mein Favorit“, sagte er.
Mal glatt, mal gestreift, mal wie ein geologisches Relief oder wie lineare Wanderungen, mit Veränderungen in der Dicke und in den Abstufungen der Dunkelheit – ist es nicht verwunderlich, dass dieser Ansatz Stararchitekten wie Jean Nouvel und Rudy Ricciotti maßgeblich beeinflusst hat; den ersten für dessen Entwürfe des Gerichtsgebäudes von Nantes und der Philharmonie de Paris, letzteren zu der Gestaltung des Musée des Civilisations de l’Europe et de la Méditerranée (MuCEM) in Marseille.
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Die Retrospektiven zu seinem Werk haben dazu beigetragen, Pierre Soulages das Image einer Galionsfigur der französischen zeitgenössischen Kunst zu verpassen, was mit einer relativ einseitigen Betrachtung seiner Kunst einherging. An dieser vereinfachten Version festzuhalten, würde jedoch bedeuten, Jahrzehnte anderer Kreationen zu verpassen. Zum Beispiel die 104 Buntglasfenster, die er 1987 und 1994 im Atelier von Jean-Dominique Fleury in Toulouse für die Abtei Sainte-Foy de Conques fertigte – eine wichtige Arbeit für den Künstler, der als Kind bei einem Schulbesuch dort von der Unvollkommenheit mittelalterlicher Statuen berührt gewesen war. Eine Art Brutalität, die ihn sein ganzes Leben lang in seinem kreativen Prozess begleiten sollte. Schließlich wurden 2012 und 2013 während der Ausstellung „Soulages XXIe siècle“ im Musée des Beaux-Arts in Lyon und in der Villa Medici in Rom gänzlich unerwartete Werke enthüllt: Ausschnitte, Collagen, Arbeiten, die das Weiß in Form von Zwischenräumen oder bemalten Flächen wieder einführen, bis hin zu einer Leinwand, die sogar ganz dem Weiß gewidmet war.
Der Maler, der bis zu seinem 102. Lebensjahr eine unglaubliche Dynamik an den Tag legte, legte den Pinsel bis zum Schluss nicht zur Seite. Wer sich für das Werk Pierre Soulages interessiert, sollte auf jeden Fall das ihm gewidmete Museum in seiner Heimatstadt Rodez besuchen. Die Anfang der 2000er Jahre eröffnete Institution beherbergt die weltweit größte Sammlung von Werken des Künstlers, darunter die Skizzen zu den 104 Buntglasfenstern, die er für die Abtei Sainte-Foy de Conques entwarf.










