Anrüchig und anklagend: George Grosz' "Ecce Homo" bei Jeschke Van Vliet

Wertvolle Bücher, dekorative Grafik und historische Fotografie stehen im Juli bei Jeschke Van Vliet in Berlin auf der Agenda. Zum Aufruf kommen über 1200 Lose zu vielen spannenden Themengebieten.

Anrüchig und anklagend: George Grosz' "Ecce Homo" bei Jeschke Van Vliet

Zu den Highlights der Auktion von Jeschke Van Vliet am 12. Juli gehört auch George Grosz' bedeutendes Mappenwerk Ecce Homo mit 84 Lithografien und 16 Farbtafeln, die zwischen 1915 und 1922 entstanden waren. Wie meist in Grosz' Œuvre steht auch hier das Berliner Großstadtleben der Goldenen Zwanziger im Mittelpunkt, das der Karikaturist Grosz mit gezieltem Blick persifliert und auf diese Art auch anprangert. Auf den ersten Blick verspottet er das lüsterne und dekadente Leben, das von Bohemiens und der Oberschicht geführt wird. Doch immer wieder zeigt er dazwischen auch die Vergessenen: Die Armen und die Verstümmelten, die traumatisierte aus dem Ersten Weltkrieg heimkamen und in das muntere Treiben nicht recht hineinpassen wollen.

George Grosz, "Ecce Homo" mit 84 Lithographien und 16 Farbtafeln, Berlin, Malik-Verlag, 1923 | Foto: Jeschke Van Vliet
George Grosz, "Ecce Homo" mit 84 Lithographien und 16 Farbtafeln, Berlin, Malik-Verlag, 1923 | Foto: Jeschke Van Vliet

Die Sittenwächter der Weimarer Republik richteten ihren Blick jedoch nur auf die halbnackten Prostituierten und intimen Szenen und klagten George Grosz und seine Verleger Wieland Herzfelde und Julian Gumperz 1924 an, da das Werk "das Schamgefühl des normal empfindenden Menschen" verletzen würde. Alle drei wurden zu einer Geldstrafe von jeweils 500 Reichsmark verurteilt. Außerdem mussten einige Blätter aus der Mappe entfernt werden.

Dante Alighieri, "La divine comédie" mit 101 Farbholzstichen nach Aquarellen von Salvador Dali, Paris, Éditions d'art le heures claires, 1963 | Fotos: Jeschke Van Vliet
Dante Alighieri, "La divine comédie" mit 101 Farbholzstichen nach Aquarellen von Salvador Dali, Paris, Éditions d'art le heures claires, 1963 | Fotos: Jeschke Van Vliet

Ebenfalls hervorzuheben ist ein Exemplar von Dante Alighieris Göttlicher Komödie in der französischen Ausgabe von 1963 mit 101 Farbholzstichen nach Aquarellen von Salvador Dalí. Die Bilder gehören zu den schönsten Buchillustrationen Dalís, was der spanische Surrealist auch selbst so empfand.

Antoni Tàpies, "La clau del foc" mit 16 Original Farblithographien, Barcelona, Poligrafa, 1973 | Foto: Jeschke Van Vliet
Antoni Tàpies, "La clau del foc" mit 16 Original Farblithographien, Barcelona, Poligrafa, 1973 | Foto: Jeschke Van Vliet

Ein weiterer spanischer Künstler ist mit Antoni Tàpies in der Auktion vertreten. Von diesem kommt La clau del foc mit 16 Original Farblithografien zum Aufruf. Mit einer Sammlung von 12 (Farb-) Lithographien ist auch der rumänische Künstler Tristan Tzara, einer der Begründer des Dadaismus, in der Auktion vertreten. Die Blätter zeigen Sonia Delaunays Kostümentwürfe zum 1923 uraufgeführten Theaterstück Le coeur a gaz.

Tristan Tzara nach Sonja Delaunay, 12 meist farbigen Lithographien mit Kostümentwürfen zu "Le coeur a gaz", Paris, Les Presses D'Arts-Litho, 1977 | Fotos: Jeschke Van Vliet
Tristan Tzara nach Sonja Delaunay, 12 meist farbigen Lithographien mit Kostümentwürfen zu "Le coeur a gaz", Paris, Les Presses D'Arts-Litho, 1977 | Fotos: Jeschke Van Vliet

Hippologen und Pferdefreunde sollten jetzt besonders aufmerksam sein, denn mit Künstlicher bericht und allerzierlichste beschreybung (...) Wie die Streitbarn Pferdt (durch welche Ritterliche Tugenden mehrers thails geübet) zum Ernst und Ritterlicher Kurtzweil, geschickt und vollkommen zumachen kommt "eines der schönsten Pferdebücher aller Zeiten" zum Aufruf. Das vom italienischen Reitmeister Federigo Grisone 1558 veröffentlichte Werk liegt hier in seiner zweiten deutschen Ausgabe von 1573 vor.

Federigo Grisone, Künstlicher bericht und allerzierlichste beschreybung (...) Wie die Streitbarn Pferdt (durch welche Ritterliche Tugenden mehrers thails geübet) zum Ernst und Ritterlicher Kurtzweil, geschickt und vollkommen zumachen. Deutsch von Johann Fayser d. J., Augsburg, Wanger für Willer, 1573 | Fotos: Jeschke Van Vliet
Federigo Grisone, Künstlicher bericht und allerzierlichste beschreybung (...) Wie die Streitbarn Pferdt (durch welche Ritterliche Tugenden mehrers thails geübet) zum Ernst und Ritterlicher Kurtzweil, geschickt und vollkommen zumachen. Deutsch von Johann Fayser d. J., Augsburg, Wanger für Willer, 1573 | Fotos: Jeschke Van Vliet

Für Hundefreunde dürfte hingegen ein Exemplar des einzigen Jahrgangs eines Almanachs für Damen über verschiedene Rassen von Schoßhündchen von 1797 interessant sein. Wie die Abbildung zeigt, ist auch der Mops mit dabei, der damals (wie heute) ein echter Modehund war, für den sich auch Frankreichs spätere Kaiserin Joséphine begeistern konnte.

Friedrich Ernst Jester, Der Freund der Schooßhündchen. Ein Neujahrs-Geschenk für Damen. Auf das Jahr 1797, Königsberg, F. Nicolovius, 1797 | Foto: Jeschke Van Vliet
Friedrich Ernst Jester, Der Freund der Schooßhündchen. Ein Neujahrs-Geschenk für Damen. Auf das Jahr 1797, Königsberg, F. Nicolovius, 1797 | Foto: Jeschke Van Vliet

Ein weiteres "tierisches" Top-Los kommt mit Georges-Louis Leclerc de Buffons Naturgeschichte der vierfüßigen Thiere zum Aufruf. Es handelt sich um die komplette (Teil-)Reihe der ersten deutschen Ausgabe der Naturgeschichte des einflussreichen französischen Forschers Buffon, die 1772 bis 1801 in 22 Bänden erschien.

Georges-Louis Leclerc de Buffon, Naturgeschichte der vierfüßigen Thiere. Bde. 1-22 in 11 Bänden und Registerband, Berlin, Pauli, 1772-1801 | Foto: Jeschke Van Vliet
Georges-Louis Leclerc de Buffon, Naturgeschichte der vierfüßigen Thiere. Bde. 1-22 in 11 Bänden und Registerband, Berlin, Pauli, 1772-1801 | Foto: Jeschke Van Vliet

Ein weiteres Highlight ist die Altenburger Gesamtausgabe der Schriften Martin Luthers von 1661-64. Die mit 98 Textholzschnitten illustrierte dritte Ausgabe der Schriften Luthers wurde vom Kirchenhistoriker und lutherischen Theologen Johann Christfried Sagittarius editiert, dessen Auftraggeber Herzog Friedrich Wilhelm II. von Sachsen-Altenburg war.

Martin Luther, Deutsche Werke. Der Erste (-Neunde) Teil aller deutchen Bücher und Schrifften, Altenburg, Michael, 1661-64 | Foto: Jeschke Van Vliet
Martin Luther, Deutsche Werke. Der Erste (-Neunde) Teil aller deutchen Bücher und Schrifften, Altenburg, Michael, 1661-64 | Foto: Jeschke Van Vliet

Luthers "Feindeslager" verbreitete 1593 mit Drei Dutzet newer, ärgerlicher und erschröcklicher Gottslästerlicher Irrthumben der Lutherischen unnd Calvinischen von Christi Jesu ... Leyden Urständ und Himmelfart ein Pamphlet gegen die Lehren des Kirchenreformers. Als Frontispiz bediente man sich des Kupferstichs Der Schmerzensmann vor Maria und Johannes von Albrecht Dürer von 1509. Interessanterweise war Dürer der Reformation möglicherweise nicht ganz abgeneigt gewesen.

Drei Dutzet newer, ärgerlicher und erschröcklicher Gottslästerlicher Irrthumben der Lutherischen unnd Calvinischen von Christi Jesu ... Leyden Urständ und Himmelfart, Ingolstadt, Sartorius, 1593 | Foto: Jeschke Van Vliet
Drei Dutzet newer, ärgerlicher und erschröcklicher Gottslästerlicher Irrthumben der Lutherischen unnd Calvinischen von Christi Jesu ... Leyden Urständ und Himmelfart, Ingolstadt, Sartorius, 1593 | Foto: Jeschke Van Vliet

Gar keine Anhänger hatte Martin Luther natürlich im Vatikan, dessen Hauptbauwerk, der Petersdom, natürlich auch im 1763 erschienen Kupferstichband Les plus beaux edifices de Rome moderne des französischen Künstlers Jean Barbault abgebildet wurde. Barbault war als Gewinner des Prix de Rome der Académie royale de peinture et de sculpture 1747 zum Studium nach Rom gereist, wo er bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1762 blieb.

Jean Barbault, Les plus beaux edifices de Rome moderne, Rom, Komarek für Bouchard & Gravier 1763 | Foto: Jeschke Van Vliet
Jean Barbault, Les plus beaux edifices de Rome moderne, Rom, Komarek für Bouchard & Gravier 1763 | Foto: Jeschke Van Vliet

Noch weiter in die Ferne geht es mit einer interessanten Sammlung von 800 Blättern und Briefen aus dem Nachlass von Carl Ebenau, dem Generalbevollmächtigten der Deutschen Ostafrikanischen Gesellschaft. Die Gesellschaft war 1884 gegründet worden, um Landwirtschafts- und Handelskolonien in den damals vom Deutschen Reich besetzten Gebieten Ostafrikas zu errichten.

Sammlung von ca. 800 Blättern mit Briefen aus dem Nachlass des Generalbevollmächtigten der Deutschen Ostafrikanischen Gesellschaft Carl Ebenau (1849-1898). Um 1873-1898 | Foto: Jeschke Van Vliet
Sammlung von ca. 800 Blättern mit Briefen aus dem Nachlass des Generalbevollmächtigten der Deutschen Ostafrikanischen Gesellschaft Carl Ebenau (1849-1898). Um 1873-1898 | Foto: Jeschke Van Vliet

Hochinteressant und eindrucksvoll sind auch die ca. 150 Aufnahmen des alten China, die zwischen 1901 und 1908 von Besatzungsmitgliedern der SMS Iltis und der SMS Seeadler im damaligen fernöstlichen Kaiserreich gemacht wurden. Die Bilder entstanden auf dem Land, aber auch in Städten wie Shanghai, Hongkong und Macao.

Reisen mit der SMS Seeadler und SMS Iltis nach China, 2 Fotoalben mit ca. 150 teilweise kolorierten Fotographien, China 1901-1908 | Fotos: Jeschke Van Vliet
Reisen mit der SMS Seeadler und SMS Iltis nach China, 2 Fotoalben mit ca. 150 teilweise kolorierten Fotographien, China 1901-1908 | Fotos: Jeschke Van Vliet

Die Auktion findet am 12. Juli ab 14 Uhr bei Jeschke Van Vliet in der Lehrter Strasse 57 in Berlin statt. Vorbesichtigungen können dort noch bis zum 11. Juli vorgenommen werden.

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