Von Brooklyn bis Bristol, von Basquiat zu Banksy, an diesem Abend haben Künstler, die sich einst auf den Straßen einen Namen machten, in der New Bond Street Rekorde erzielt.
Nach einem dreizehn Minuten andauernden Bietergefecht zwischen zehn Kaufinteressenten, durfte ein Kunstsammler Banksys größtes bekanntes Werk für 9,9 Millionen GBP (ca. 11 Millionen Euro) mit nach Hause nehmen.

Ein Jahr ist es her, dass Banksy die Kunstwelt mit der "Selbstzerstörung" von Girl with Balloon schockiert hatte, nachdem das Werk für mehr als 1 Million GBP bei Sotheby's versteigert worden war.
Nachdem sich Sotheby's vergewissert hatte, dass der Käufer von Girl with Balloon das massakrierte Werk noch immer haben wollte, konnten sich die Experten des Auktionshauses entspannt zurücklehnen und die auf Hochtouren laufende PR, die das Ereignis nach sich zog, genießen. Heute wird Girl with Balloon unter seinem neuen Namen Love is in the Bin in der Staatsgalerie Stuttgart ausgestellt.
Wer weiß, vielleicht war es - neben dem bevorstehenden Brexit - dieser neue Popularitätsaufschwung des Künstlers, der den Verkäufer veranlasst hatte, Devolved Parliament ausgerechnet jetzt zu verkaufen. Natürlich hatte auch Sotheby's Ort und Zeitpunkt der Auktion ganz bewusst ausgewählt.
In der ersten Oktoberwoche fanden in London neben dem Frieze Art Fair und der PAD Designmesse in den großen Auktionshäusern auch viele Auktionen mit zeitgenössischer Kunst statt. Außerdem gab es jede Menge Ausstellungseröffnungen in Galerien und Museen - ganz so, als wäre die gesamte Kunstwelt in die Hauptstadt des Vereinigten Königreiches geströmt.

Bereits am 2. Oktober hatte es bei Phillips mehrere Verkaufsrekorde für Künstler wie Alex Katz, Simone Leigh, Derek Fordjour, Sanya Kantarovsky und Raoul Keyser. Am 3. Oktober war dann Sotheby's an der Reihe.
Die Erwartungen an die Contemporary Art Evening Auction waren bereits im Vorfeld enorm hoch gewesen und Banskys satirisches Devolved Parliament, das das britische Unterhaus von Schimpansen regiert darstellt, ging mit den größten Vorschusslorbeeren an den Start.
Dass es neuen Rekord für den Künstler, der in der Vergangenheit aufgrund seines Daseins als Street Artists nicht selten belächelt worden war, geben würde, davon war man vor der Auktion überzeugt gewesen. Dass der Preis am Ende jedoch so hoch sein würde, damit hatte niemand gerechnet. Tatsächlich war Banksys großformatiges Gemälde von Sotheby's mit einem Schätzpreis zwischen 1,5 und 2 Millionen GBP ausgestattet worden - eine Schätzung, die sich mehr als vervierfacht hat.
Das Gemälde von 250 x 420 cm gilt als Banksys größtes auf Leinwand ausgeführtes Ölgemälde. Sonst bemalt er ganze Häuserwände mit seinen humorvollen politischen und sozialkritischen Botschaften.

Pyro von Jean-Michel Basquiat wechselte für den selben Betrag wie Devolved Parliament den Besitzer. Und obwohl dies keinen neuen Rekord für den Künstler bedeutete, war es dennoch ein signifikanter Verkauf. Das Werk war das letzte Mal im Jahr 1996 bei Sotheby's versteigert worden und hatte damals nur 221.000 GBP erzielt.
Ebenfalls bemerkenswert war der Verkauf von Basquiats Natives Carrying Things, das für 3,26 Millionen GBP verkauft wurde und damit sein letztes Auktionsergebnis von 1995 (43.125 GBP) fast verhundertfachen konnte.

Devolved Parliament, dessen ursprünglicher Titel Question Time lautete, war zum ersten Mal vor zehn Jahren bei einer Banksy-Ausstellung im Bristol City Museum zu sehen gewesen. Mehr als 300.000 Besucher kamen in die Ausstellung, wodurch der Name Banksy zu einem Begriff und die Ausstellung zu einer der zehn meist besuchten weltweit wurde.
Nach der Fertigstellung und dem ersten öffentlichen Auftritt des Gemäldes, nahm es Banksy vorübergehend wieder zu sich, um Kleinigkeiten auszubessern, darunter auch den Namen. Wer weiß, vielleicht wird dies nach der Auktion wieder geschehen und das Gemälde heißt künftig Boris and his Bananas.

Banksys nun gebrochener Rekord war 2008 mit der Versteigerung von Keep it Spotless in New York aufgestellt worden, das für 1,87 Millionen USD (ca. 1,7 Millionen Euro) aufgestellt worden. Jenes Werk war eine Verknüpfung mit dem englischen Künstler Damien Hirst, einem der meist diskutierten zeitgenössischen Künstler weltweit, dessen Karriere damals auf ihrem Höhepunkt war. Das Werk zeigt eine Figur von Banksy vor einem Hintergrund mit den Hirst-typischen bunten Punkten, weshalb einige Leute den Erfolg der Arbeitet eher Damien Hirst als Banksy zuschreiben möchten.
Heutzutage bedauern viele englische Kommunalpolitiker möglicherweise, dass sie früher eine Null-Toleranz-Politik gegenüber "Schmierereien" an öffentlichen Gebäuden bevorzugt haben. Der Verkauf von echten Banksy oder der Werke anderer Straßen- und Graffitikünstler hätte bestimmt so manchen Loch in den Gemeindekassen stopfen können.
Oder um es mit den Worten von Alex Branczik, dem Leiter der Abteilung für Contemporary Art bei Sotheby's, zu sagen: "Von Brooklyn bis Bristol, von Basquiat zu Banksy, an diesem Abend haben Künstler, die sich einst auf den Straßen einen Namen machten, in der New Bond Street Rekorde erzielt."

Das Geheimniskrämer Banksy selbst einen öffentlichen Kommentar zu der Auktion bei Sotheby's oder seinem neuen Rekord abgeben wird, ist eher unwahrscheinlich.
Auch interessant: Das bestgehütete Geheimnis der Kunstwelt
Doch gerade das große Geheimnis, das Banksy um seine Identität macht, trägt als Teil seines Mythos zu seinem Erfolg bei. Er taucht lieber dann auf, wenn es niemand erwartet, und hinterlässt ein neues Kunstwerk sozusagen im Vorbeigehen. Man weiß nicht wo oder wann, nur dass es passieren wird.
Der nicht bekannte Mann aus Bristol ist paradoxerweise einer der bekanntesten Künstler der Welt, der es mit Namen wie Andy Warhol, Pablo Picasso und Leonardo da Vinci aufnehmen kann.

