Es ist eine Spätsommer in der Stadt, die generell niemals schläft - und speziell nicht in dieser Nacht, denn es ist viel zu heiß. Statt in ihren überhitzten Wohnung auszuharren, hat es die Bewohner auf die Straße hinausgezogen, wo Kinder durch die Fontänen der charakteristischen Hydranten springen, um sich abzukühlen.
Wir sind in der Bronx. Die Lichter von Manhattans Wolkenkratzern leuchten aus der Ferne herüber, in der Nähe hört die U-Bahn der grünen Linie mit kreischenden Rädern vorbei schaukeln. An einer verlassenen U-Bahn-Station läuft eine Gruppe Teenager die Treppe zu den Gleisen hinunter. Eine Hand am eisernen Geländer, in der anderen eine Dose mit Sprühfarbe. Der Zug, auf den sie unten treffen, ist bereits mit zahllosen Graffiti überzogen und verleiht ihm das Aussehen eines Raumschiffs. Es sind Graffitis von Pionieren dieser Kunst: Julio 204, Taki 183, Frank 207 und Joe 136 - Spitznamen, "Tags", die auf einer Kombination aus dem jeweiligen Ort der Herkunft und der Wahlheimat basieren. Wo sie herkommen? Ihre Vorgänger Cornbread und Cool Earl besprühten bereits die Wände von Philadelphia. Jetzt ist New York an der Reihe.

Viele werden in ihre Fußstapfen treten. Einige, um der Langeweile und der Straßenkriminalität zu entkommen, andere, um sich auszudrücken und ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen und ihr künstlerisches Talent zu entwickeln. Anderen wiederum geht es um Bestätigung, die sie mit dem Hinterlassen ihrer modernen Runen an möglich vielen Orten erreichen möchten.
Es dürfte kaum jemandem entgangen sein: Street Art ist die größte Kunstausstellung der Welt. Wie eine große Schlange schlängelt sie sich von Santiago de Chile nach Amsterdam, von den Seitenstraßen New Yorks bis nach London. Man findet sie gleichermaßen in den lauten Straßen der Bronx, als auch an den Backsteinmauern von Bristol.
Es ist die stärkste Kunstbewegung der Postmoderne. Eine Bewegung, die das Erscheinungsbild einer jeden Stadt auf deer Welt verändert hat. Was als politische Äußerung von Aktivisten, die ihre Meinung kundtun wollten, begann, wurde schon bald zur künstlerischen Sprache der Straße. Eine neue Kommunikationsmethode der Gesellschaft, ein kraftvoller Ausdruck, geboren aus der Anonymität.

Als eine 17-jähriger griechisch-stämmiger Bote namens Dimitrius aus Washington Heights damit begann, seinen Tag TAKI 183 in ganz New York zu hinterlassen, wurde ein neuer Trend geboren. Lebensgeschichten begannen sich entlang des U-Bahn-Netzes durch die Stadt zu ziehen. Die aktivsten Sprayer waren wie Geister in der Nacht und Schatten am Tag. Sie folgten dem klaren Licht des Frühlings, dem heißen Puls des Sommers, den Stürmen des Herbstes und den Schneeflocken des Winters.
Die Street Art entwickelte sich. Aus Tags wurden Graffiti, aus Graffiti Performances und Installationen. Die Kunstform verlagerte sich von der U-Bahn an Häuserwände und schließlich von dort in Kunstgalerien und Auktionen auf der ganzen Welt. Künstler wie Jean-Michel Basquiat und Keith Haring wurden von Andy Warhol und dessen Umgebung aufgegriffen. Plötzlich wollten sich ernsthafte Sammler zeitgenössischer Kunst mit dem umgeben, was die meisten als Vandalismus bezeichnen und für dessen Eindämmung ganze Polizeieinheiten eingesetzt und Milliarden ausgegeben wurden. Doch egal wie große die Bemühungen waren, die größte künstlerische Bewegung der Postmoderne zu stoppen, ihre Künstler fanden immer wieder neue, unberührte Räume. So fanden sich Tags nun nicht mehr auf der Außenseite von U-Bahn-Waggons, sondern in deren Inneren. Dies führte zu einer Eskalation der Situation und in mehreren Ländern zu einer Nulltoleranzpolitik. Etwa zur gleichen Zeit geriet auch die englische Straßenkunst vermehrt in die Schlagzeilen. Vor allem ein Name wurde in den Medien öfter genannt als alle anderen: Banksy, das bis heute am besten gehütete Geheimnis der Kunstwelt.
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Die Werke des Engländers Banksy, die anfänglich vor allem in Bristol auftauchten, beinhalten eine sehr einfache und direkte Botschaft, die aus einer Mischung aus politischer und Gesellschaftskritik besteht. Kein Wunder, dass sich schnell ein breites Publikum davon angesprochen fühlte - auch Kinder und ältere Menschen. Je länger Banksy Karriere andauerte, desto teuerer wurden seine als Siebdrucke verfügbaren Werke gehandelt. Früher verkaufte Steve Lazarides, der ehemalige Galerist von Banksy, dessen unsignierte Siebdrucke für 30 GBP, signierte für 140 GBP. Diese Preise blieben konstant. Die Wiederverkaufspreise beispielsweise auf eBay stiegen hingegen bis auf rund 2.000 GBP.
Trotzdem wartet Steve Lazarides darauf, dass sich schon bald auch für seine Galerie die Schleusen öffnen. Er meint, dass die Preise stagnierten, weil keines von Banksy großen Werken versteigert wird.Das liegt daran, dass kaum jemand seinen Banksy verkaufen möchte. Und wenn doch, geschieht das in der Regel außerhalb des Auktionsmarktes. Was passieren kann, wenn ein solches Werk versteigert wird, zeigt das Beispiel Girl with Balloon, das im Oktober 2018 bei Sotheby's mit seinem Preis von 1,042 Millionen GBP einen neuen Rekordpreis für Banksy erzielte. Die anschließende medienwirksame (Teil-)Zerstörung des Originalgemäldes von Banksy hat den Wert nochmals gehörig gesteigert. Aktuell muss man für einen der Siebdrucke von Girl with Balloon etwa 140.000 GBP zahlen. Und wir sprechen hier von einem Stück Papier, das in signierter Form noch 149 andere Menschen ihr Eigen nennen dürfen, 600 weitere in der nicht signierten Variante. Für eine weitere signierte Originalversion von Girl with Balloon, die ursprünglich 230 GBP kostete, werden aktuell auf dem Sekundärmarkt rund 800.000 GBP verlangt.

Während sich immer mehr Kunsthändler als Millionäre der Straßenkunst bezeichnen können, sind die Künstler selbst immer noch damit beschäftigt, ihre Städten unentgeltlich zu dekorieren.
Warum ist das so? Der einfache Grund ist der, dass Auktionshäuser für Werke von Street Artists meist zu niedrige Mindestpreise ansetzten, da kaum jemals eine der bedeutendsten Arbeiten versteigert wurde. Dies wiederum veranlasst Sammler dazu, sie auf andere Weise zu verkaufen. Eine nicht endende Schleife. Die meisten Leute, die tatsächlich einen der "besseren" Banksys besitzen, wissen, was sie haben. Sie würden ihn nur im äußersten Notfall verkaufen. Oder wie Steve Lazarides es ausdrückt: "Wenn mir jemand 1,2 Millionen Pfund für eines der besseren Gemälde angeboten hätte, hätte ich den Kopf geschüttelt. 2 Millionen Pfund könnten mich zum Nachdenken bringen. Für 3,5 Millionen Pfund würde ich es von der Wand nehmen.“
Als ich mit Steve über die Preise für Street Art sprach, erzählte er, dass die meisten Straßenkünstler der Generation, mit der er zusammengearbeitet hatte, niemals Stipendien oder andere Vergünstigungen bekommen hätten. Die meisten von ihnen finanzierten ihre Projekte durch den Verkauf ihrer Kunst. Anderenfalls hätten wohl nur Kinder reicher Eltern Künstler werden können. Es stellt sich die Frage, wie interessant und abwechslungsreich die Kunstszene aussehen würde.

Zu Beginn bestand die Wahrung der der Anonymität von Street Artist darin, einer strafrechtlichen Verfolgung zu entgehen. Heute entspricht diese Geheimniskrämerei eher dem Wunsch des Publikums. Gerade wenn es um Banksy geht, hat sich ein regelrechter Hype entwickelt. Niemand möchte das Geheimnis seiner Identität wirklich gelüftet wissen. Es wäre so, als erklärte man einem Fünfjährigen, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt.
Eine Zeitlang wurden Banksy und Steve von den Medien geradezu verfolgt, die auf ein Bild oder einen Namen hofften. Doch dann sahen sie ein, dass damit jene besondere Magie verschwinden würde, die es nicth mehr geben würde, sollten sie in Zukunft zum Beispiel nur noch über einen "Dave Smith aus Bristol" schreiben können. Sollte Banksy plötzlich selbst vortreten und seinen Identität bekannt geben, würde es vermutlich kaum einer wissen wollen und stattdessen sicherlich anzweifeln. Und so sollte Banksy einfach Banksy bleiben und die Kunstwelt damit um ihr größtes Geheimnis bereichern.
In den USA hat ein - namentlich bekannter - Street Artist einen ähnlichen Kultstatus für ein breiteres Publikum erreicht: Shepard Fairey. Berühmt wurde er durch sein Plakat mit dem Gesicht eines schwarzen Mannes. Dieser Mann war Barack Obama, der bekanntlich zum ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde. Das Originalwerk hängt heute in der National Portrait Gallery in Washington, D.C.




