Bereits kurz nach dem Brand der Kathedrale am 15. April 2019 befand man es als unumgängliche Tatsache, dass der von Eugène Viollet-le-Duc (1814-1879) entworfene Vierungsturm von Notre-Dame wieder aufgebaut werden müsse. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben, der darüber entscheiden soll, "ob der Turm, der von Viollet-le-Duc erdacht und erbaut wurde, in seinem ursprünglichen Aussehen rekonstruiert werden soll, oder on die Kathedrale mit einer neuen Spitze ausgestattet werden muss, die an die Technik und die Themen unserer Zeit angepasst ist", erklärte Macron bei seiner Ankündigung. Einige der mittlerweile eingereichten Vorschläge möchten die gotische Ästhetik des Gebäudes bewahren, während andere ein revolutionär neues Konzept vorsehen.
Alexander Nerovnya

Der russische Architekt Alexander Nerovnya macht den Vorschlag, die Kathedrale mit einem Glasdach zu krönen, das sich in seiner Leichtigkeit vom steinernen Gerüst des Gebäudes abheben soll. In den sozialen Netzwerken wird diese Vision heiß diskutiert, da viele darin eine frappierende Ähnlichkeit zu der von Ieoh Ming Pei entworfenen Glaspyramide vor dem Louvre bemerkten, die bis heute noch nicht alle Herzen gewonnen hat.
"Wenn Menschen die Kathedrale besuchen, erleben sie die Geschichte des Ortes durch die Verschmelzung moderner und älterer Elemente. Dinge ändern sich. Notre-Dame wird nie wieder die alte sein, unabhängig von der Qualität ihrer Instandsetzung. Warum also sollten wir nicht unser gesamtes aktuelles Architekturwissen nutzen, um sie zu verbessern?" meint Nerovnya.
Alexandre Fantozzi

Alexander Fantozzi, der für AJ6 Studio arbeitet, geht noch einen Schritt weiter und schlägt eine Rekonstruktion des Daches und des Vierungsturms aus Buntglas vor. "Im gotischen Stil", erklärt der brasilianische Architekt, "besteht eine Verbindung zwischen Himmel und Erde. Bei diesem Projekt würde natürliches Licht das Innere der Kathedrale durch die Buntglasfenster beleuchten.
Die Idee würde mit einer Leichtmetallkonstruktion umgesetzt werden, die als Träger der Glasscheiben dient. Bei Nacht soll die Decke von innen beleuchtet werden, wodurch das Gotteshaus wie ein riesiges Kaleidoskop erscheinen würde.
Clément Willemin

Clément Willemin schlägt auf seinem Instagram-Account eine "grüne Kathedrale" vor. Das Dach von Notre-Dame würde in einen Garten umgewandelt werden, dessen Boden an jene Eichenbalken erinnert, die die ursprüngliche Struktur bildeten.
Clement Willemin ist Landschaftsarchitekt, Stadtplaner und bildender Künstler, der nach seinem Abschluss an der ENSP (École Nationale Supérieure du Paysage) in Versailles sein eigenes Büro in Paris eröffnet hat. Zu Willemins bisherigen Projekten im öffentlichen Raum gehören Parks, kulturelle Einrichtungen und Plätze.
Fran Canós

Der spanische Ingenieur Fran Canós zieht es in seinem Projekt vor, die ursprüngliche Ästhetik der Kathedrale beizubehalten, diese jedoch mit ein wenig moderner Technologie zu ergänzen.
Der Vierungsturm würde in seiner ursprünglichen Gestalt wieder aufgebaut werden, während das ebenfalls ursprünglich rekonstruierte Dach von einer wellenförmigen Struktur geschützt wird. Canós möchte durch Verwendung alter Materialien und aktueller Techniken das Gebäude erhalten und gleichzeitig verbessern.
Mathieu Lehanneur

Mathieu Lehanneur schlägt die Konstruktion einer riesigen Flamme aus mit Blattgold überzogenen Kohlenstofffasern vor, die fortwährend an den Brand erinnern und den Widerstand Notre-Dames gegen die Flammen symbolisieren soll: "Mir gefällt die Vorstellung, einen Moment in etwas zu verwandeln, das Jahrhunderte bestand hat [...] Für mich bedeutet es eine Möglichkeit, die Katastrophe einzufangen und in etwas Schönes zu verwandeln."
Der Vorschlag traf in den sozialen Netzwerken nicht gerade auf Gegenliebe, stattdessen wurde die Idee dort sogar als "Gotteslästerung" bezeichnet. Lehanneur betont aber auch, dass es seiner Meinung nach absurd wäre, den Vierungsturm so wieder aufzubauen, wie er im 19. Jahrhundert entstanden war. In seinen Projekten verbindet Lehanneur immer wieder Design, Wissenschaft und Kunst. Er gilt als einer der 100 besten Designer der Welt und hat bereits für Nike, Audemars Piguet, Kenzo, Pullman, Cartier und Sony gearbeitet.
UMA (Ulf Mejergren Architects)

Das schwedische Architekturbüro UMA (Ulf Mejergren Architects) schlägt vor, das Dach von Notre-Dame in eine Schwimmbad zu verwandeln. Das Projekt ist eines der verrücktesten und beinhaltet nicht die Rekonstruktion oder einen Ersatz für den Vierungsturm.
Vincent Callebaut Architectures

Dem Architekten Vincent Callebaut schwebt vor, die spirituelle Pracht von Notre-Dame, die Fragilität unseres Lebens und unserer Zivilisation mit einem auf die Zukunft ausgerichteten Projekt zu reflektieren.
Mit seinem Titel Palingenese, was "Wiedergeburt" bedeutet, berücksichtigt das Projekt die Auswirkungen auf die Umwelt: Der Materialeinsatz ist minimal und beinhaltet Leimschichtholz und Kohlefaserlamellen.
Atelier Vizum

Am futuristischsten wird es mit der Idee des slowakischen Büros Atelier Vizum, dessen Architekten einen Turm errichten möchten, der an einen starken Lichtstrahl erinnert, der Richtung Himmel gerichtet ist.
"In der Epoche der Gotik versuchten Architekten, wie auch Viollet-le-Duc im 19. Jahrhundert, den Himmel zu erreichen. Heute ist es möglich, diese Idee zu verwirklichen", sagen die Leiter von Atelier Vizum.
Mehr über die Geschichte von Notre-Dame de Paris erfahren sie hier.


