Glaube, Liebe, Hoffnung - Der Brand der Notre-Dame trifft Frankreich mitten ins Herz

In der Nacht zu Dienstag zerstörte ein Feuer einen großen Teil der Kathedrale Notre-Dame. Ein Ereignis, das die Bevölkerung von Paris und Frankreich mitten ins Herz traf und Menschen auf der ganzen Welt erschüttert.

Neben dem Dachstuhl wurde auch der Vierungsturm ein Opfer der Flammen | Foto: AP / Diana Ayanna
Neben dem Dachstuhl wurde auch der Vierungsturm ein Opfer der Flammen | Foto: AP / Diana Ayanna

Der Bau der heutigen Kathedrale Notre-Dame de Paris, wie ihr vollständiger Name lautet, begann in den 1160er Jahren, nachdem Bischof Maurice de Sully die Basilika, die sich an jener Stelle auf der Île de Cité befunden hatte, abreißen ließ. Den Anstoß hatte der damalige französische König Ludwig VII. gegeben, der Paris mit mehreren großen Bauwerken ausstatten wollte, um dessen Position als politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum Frankreichs zu festigen. Eines davon war die Kathedrale Notre-Dame, bei deren Grundsteinlegung im Jahr 1163 sogar Papst Alexander III. anwesend war.

Paris um 1180. Wenige Jahre zuvor war der Grundstein von Notre-Dame gelegt worden | Foto via Wikimedia Commons/Pfeil ergänzt
Paris um 1180. Wenige Jahre zuvor war der Grundstein von Notre-Dame gelegt worden | Foto via Wikimedia Commons/Pfeil ergänzt

Die Fertigstellung der Kathedrale dauerte bis 1250. In den folgenden 100 Jahren kam es zu diversen Erweiterungen. Seitdem ist Notre-Dame ein nicht wegzudenkender Bestandteil von Paris und im Bewusstsein und in den Herzen der Einwohner der französischen Hauptstadt tief verwurzelt. Und sie ist auch Anziehungspunkt für Touristen aus aller Welt. Mit rund 12 Millionen Besuchern jährlich ist Notre-Dame das meistbesuchte Wahrzeichen von Paris, das zudem seit 1979 als Weltkulturerbe der UNESCO eingetragen ist.

Seit fast 900 Jahren steht die Kathedrale Notre-Dame im Herzen von Paris auf der Île de la Cité | Foto: Henrique Ferreira via Unsplash
Seit fast 900 Jahren steht die Kathedrale Notre-Dame im Herzen von Paris auf der Île de la Cité | Foto: Henrique Ferreira via Unsplash

Notre-Dame de Paris ist eines der bekanntesten Beispiele der französischen Frühgotik. Ihr Wandaufbau unter dem hohen Gewölbe weist noch gewisse Gemeinsamkeiten mit der romanischen Architektur auf, die bis dahin en vogue gewesen war.

Es gab jedoch auch Zeiten, in denen die Kathedrale der Pariser Bevölkerung etwas weniger am Herzen lag. Während der Französischen Revolution wurde Notre-Dame, wie auch die anderen Kirchen der Stadt, beschädigt und geplündert. Besonders hart traf es die 28 biblischen Könige der Königsgalerie über dem Hauptportal. Seit sie im 13. Jahrhundert dort angebracht worden waren, hielt man sie gemeinhin für Abbilder der Könige Frankreichs. Dementsprechend wurden sie während der Revolution einen Kopf kürzer gemacht.

1804 krönte Napoleón Bonaparte sich und seine erste Frau Joséphine in Notre-Dame zum Kaiser und zur Kaiserin der Franzosen (Gemälde von Jacques-Louis David) | Foto via Wikimedia Commons
1804 krönte Napoleón Bonaparte sich und seine erste Frau Joséphine in Notre-Dame zum Kaiser und zur Kaiserin der Franzosen (Gemälde von Jacques-Louis David) | Foto via Wikimedia Commons

Anschließend wurde das Bauwerk als Lagerhaus genutzt. 1802 wurde sie wieder als Kirche genutzt, in der sich Napoleon Bonaparte im Dezember 1804 die französische Kaiserkrone aufs Haupt setzte. Es war die Einleitung zum 19. Jahrhundert, in dem heutige die Sichtweise auf die Kathedrale entschieden geprägt wurde.

Victor Hugos "Der Glöckner von Notre-Dame" führte zu einer neuen Begeisterung für die gotische Kirche | Foto via Wikimedia Commons
Victor Hugos "Der Glöckner von Notre-Dame" führte zu einer neuen Begeisterung für die gotische Kirche | Foto via Wikimedia Commons

1831 veröffentlichte Victor Hugo seinen Roman Der Glöckner von Notre-Dame rund um den buckligen Quasimodo, der die Kathedrale sein Zuhause nennt. Der Roman weckte das öffentliche Interesse an der Kirche, Mitte des 19. Jahrhunderts begannen umfassende Sanierungsarbeiten, deren Ziel es war, das Bauwerk in seinem ursprünglichen Glanz wieder erstrahlen zu lassen. Geleitet wurden die Maßnahmen vom Architekten Eugène Viollet-le-Duc, dessen Ideen und Stil das Gebäude anschließend prägten.

An der Westfassade befindet sich der Haupteingang von Notre-Dame | Foto via Wikimedia Commons
An der Westfassade befindet sich der Haupteingang von Notre-Dame | Foto via Wikimedia Commons

Iber pauperum ist Latein und bedeutet "Buch der Armen". Gemeinst ist eine reiche Bildersprache, die verwendet wird, um Analphabeten zu unterrichten. Notre-Dame ist ein solches iber pauperum, dessen reicher Skulpturenschmuck biblische Geschichten für Analphabeten, die man früher in Paris und an den meisten anderen Orten Europas häufig antraf, illustrierte. Über dem Haupteingang an der Westfassade mahnt eine Darstellung des Jüngsten Gerichts die Pariser Bevölkerung zu tadelloser Frömmigkeit. Auch der Lohn für diese Mühen ist mit dem Einzug guter Christen ins Himmelreich wiedergegeben.

Vis-à-vis mit dem Eiffelturm thronen die grotesken Skulpturen der Notre-Dame über Paris | Foto: Pedro Lastra via Unsplash
Vis-à-vis mit dem Eiffelturm thronen die grotesken Skulpturen der Notre-Dame über Paris | Foto: Pedro Lastra via Unsplash

Noch deutlicher wird die Mahnung durch die vielen grotesken und gruseligen Statuen, die an den Türmen und am Dach wachen. Diese Wasserspeier sind Schöpfungen des 19. Jahrhunderts. Die mittelalterlichen Originale waren im 18. Jahrhundert entfernt worden, nachdem einige von ihnen durch Verwitterung auf die Straße gestützt waren. Für die Neuschöpfungen orientierte man sich an den Beschreibungen in Hugos Roman.

Wasserspeier leiten Regenwasser von Bauwerken ab - und können ganz schön unheimlich aussehen | Foto: Stephanie LeBlanc via Unsplash
Wasserspeier leiten Regenwasser von Bauwerken ab - und können ganz schön unheimlich aussehen | Foto: Stephanie LeBlanc via Unsplash

Doch nicht nur christliche Symbolik kann man im Skulpturenschmuck entdecken. Ebenso anzutreffen sind Motive und Symbole der mittelalterlichen Wissenschaften und Philosophie. Auf einer der Säulen des Hauptportals sieht man eine Frau auf einem Thron sitzen. In ihrer linken Hand hält sie eine Turmspitze, in der rechten zwei Bücher, von denen eines aufgeschlagen ist. Dies symbolisiert das weltliche Wissen, während das geschlossene Buch das esoterische Wissen darstellt. Außerdem gibt es eine Leiter mit sieben Sprossen, die die sieben Stufen symbolisieren, denen Alchemisten bei der Herstellung von Gold folgen sollen.

Die siebensprossige Leiter wird "Scala Philosophorum" genannt | Foto via Wikimedia Commons
Die siebensprossige Leiter wird "Scala Philosophorum" genannt | Foto via Wikimedia Commons

Neben den grotesken Wasserspeiern gehört die Glaskunst, vor allem die bunten Fensterrosen, zu den berühmtesten Dekorationen der Kirche. Das erste dieser Fenster, das mit einem Durchmesser von 9,6 m auch das kleinste ist, wurde 1225 in die Westfassade eingesetzt. Etwa 1250 und 1260 folgten die Fensterrosen an der Nord- und der Westfassade. Mit einem Durchmesser von 12,9 m ist die Südrosette eine der größten ihrer Art in ganz Europa.

Kunsthistorisch bedeutsam sind die Fensterrosen der Kathedrale Notre-Dame | Foto: Stephanie LeBlanc via Unsplash
Kunsthistorisch bedeutsam sind die Fensterrosen der Kathedrale Notre-Dame | Foto: Stephanie LeBlanc via Unsplash

Während des Brandes in der Nacht vom 15. auf den 16. April 2019 war es ein besonderes Anliegen der Einsatzkräfte, die Flammen von den beiden Haupttürmen der Kathedrale fernzuhalten. Diese sind nicht nur der unverwechselbarste Teil von Notre-Dame, sondern beherbergen auch deren tonnenschweren Glocken. Die bedeutendste von ihnen ist die 13 Tonnen schwere Glocke Emmanuel von 1685 im Südturm, die als die wohlklingendste Glocke von ganz Frankreich bezeichnet wird.

Neben dem Dachstuhl wurde auch der Vierungsturm ein Opfer der Flammen | Foto: AP / Diana Ayanna
Neben dem Dachstuhl wurde auch der Vierungsturm ein Opfer der Flammen | Foto: AP / Diana Ayanna

Aufgrund ihrer Lage inmitten der Millionenmetropole Paris und der damit einhergehenden Einflüsse auf das Mauerwerk, befand sich die Kirche zuletzt in keinem guten Zustand, weshalb sie von 2019 bis 2022 aufwändig restauriert werden sollte. Doch waren es vermutlich diese Restaurierungsarbeiten, bei denen nun das Feuer ausbrach, das den Dachstuhl und den Vierungsturm von Notre-Dame de Paris zerstörte.

Natürlich stand das Löschen der Flammen im Vordergrund. Doch beherbergt die Schatzkammer unter der Kathedrale auch viele nicht zu ersetzende Reliquien. Darunter die angebliche Dornenkrone Jesu Christi, die jedoch gleich zu Beginn des Brandes in Sicherheit gebracht werden konnte. Bereits am vergangenen Donnerstag waren einige Bronzestatuen vom Dach der Kirche entfernt worden, um sie im Zuge der Sanierung reinigen zu lassen.

Im Zuge der Sanierungsmaßnahmen waren eine Skulpturen am vergangenen Donnerstag vom Dach der Kathedrale entfernt worden | Foto via The Independent
Im Zuge der Sanierungsmaßnahmen waren eine Skulpturen am vergangenen Donnerstag vom Dach der Kathedrale entfernt worden | Foto via The Independent

Anne Hidalgo, Bürgermeisterin von Paris, twitterte am frühen Dienstagmorgen ein Foto mit aus Notre-Dame geretteten Gegenständen und bedankte sich bei der Feuerwehr, der Polizei und bei jenen Personen, die an der Rettung beteiligt gewesen waren.

Noch während des Brandes gab Präsident Emmanuel Macron bekannt, dass die Kathedrale vollständig wiederaufgebaut werden würde. Milliardär François-Henri Pinault, CEO des Kering-Konzerns, dem Luxusmarken wie Gucci, Yves Saint Laurent und Girard-Perregaux angehören, kündigte zudem an, 100 Millionen Euro spenden zu wollen. Ein anderer französischer Milliardär, LVMH-Gründer Bernard Arnault, möchte sogar das Doppelte spenden.

Die Höhe dieser Beträge widerspiegeln die großen Emotionen, die der Brand der Kathedrale hervorgerufen hat, die wie keine andere Kirche im Bewusstsein und in den Herzen der Menschen von Paris und in ganz Frankreich verankert ist.

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