Ich hatte nie das Bedürfnis, mein Unterbewusstsein zu kultivieren. Damals oder heute. Es ist da. Alchemistisch verschmolzen mit meinem bewussten Selbst, versichert meine Individuation. Sie greifen ineinander und arbeiten zusammen, um aus mir das zu machen, was ich bin.
Die vielseitige Amerikanerin Dorothea Margaret Tanning war eine autodidaktische Malerin, Grafikerin, Bildhauerin, Schriftstellerin und Dichterin. Tanning wurde am 25. August 1910 in Galesburg, Illinois, als zweite von drei Töchtern von Andrew Tanning und Amanda Hansen geboren. Nachdem sie zwei Jahre lang das Knox College besucht hatte, verließ sie die Universität, um eine Karriere als Künstlerin einzuschlagen, und zog 1930 zunächst nach Chicago.

Fünf Jahre später ließ sie sich in New York nieder, wo sie als Illustratorin arbeitete. Dort entdeckte sie 1936 in der MoMA-Ausstellung Fantastic Art, Dada and Surrealism den Surrealismus für sich. Die Begegnung mit Werken von Künstlern wie Giorgio de Chirico, Marcel Duchamp, Pablo Picasso und André Breton beeinflusste einen Großteil ihrer frühen künstlerischen Produktion. In ihren Memoiren beschrieb sie die Ausstellung als eine „unendlich facettenreiche Welt, auf die ich gewartet haben muss“.
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1941 heiratete Tanning den Schriftsteller Homer Shannon. Im selben Jahr gelang ihr ein erster Durchbruch dank des Galeristen Julien Levy, der ihr zwei Einzelausstellungen ermöglichte und sie in den Kreis der in Amerika lebenden Surrealisten einführte. Einer von ihnen war Max Ernst (1891-1976), der zu diesem Zeitpunkt mit Peggy Guggenheim verheiratet war. 1943 lernte Tanning Max Ernst näher kennen, als dieser sie in ihrem Atelier besuchte, um ihre Arbeiten für eine Ausstellung in der Art of this Century Gallery, die seiner Frau Peggy Guggenheim gehörte, zu prüfen. Ernst verliebte sich in ihr Selbstporträt mit dem Titel Birthday, das eines ihrer bekanntesten Werke ist. Ernst blieb, um Schach zu spielen, und man verstand sich auf Anhieb.
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Tanning und Ernst verliebten sich ineinander, was zum Ende ihrer jeweiligen Ehen führte. Die beiden wurden schnell zu einem Power Couple der New Yorker Kunstszene, das über einen illustren Freundeskreis verfügte, zu dem Künstler wie Henri Cartier-Bresson, Lee Miller, Roland Penrose, Yves Tanguy, Kay Sage, Pavel Tchelitchew, George Balanchine (für den sie Ballett-Sets entwarf) und Dylan Thomas gehörten. 1946 heiratete Dorothea Tanning und Max Ernst in einer Doppelhochzeit mit Man Ray und Juliet Browner. Das Paar lebte zunächst in Sedona, Arizona, und zog anschließend nach Frankreich, wo Ernst 1976 in Paris starb.
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Tannings frühe Arbeiten sind figurative Wiedergaben traumhafter Situationen. Gemälde wie Birthday und Eine kleine Nachtmusik zeugen mit ihrer akribischen Liebe zum Detail von ihren surrealistischen Einflüssen. Auch ihre Faszination für die Gothic- und Romantik-Romane, die sie in ihrer Jugend gelesen hatte, scheint durch. Viele der Werke kombinierten erotische Themen mit rätselhaften Symbolen und trostlosen Räumen. Tannings Arbeit konzentrierte sich oft auf die weibliche Form und die gelebte Erfahrung weiblicher Körper.
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In den 1950er Jahren begann sie, ihren eigenen einzigartigen Stil zu entwickeln – fragmentiert und prismatisch – wie in Insomnias (1957). „Um 1955 zersplitterten meine Leinwände buchstäblich […] Ich zerschmetterte den Spiegel, könnte man sagen“, erklärte sie in ihren Memoiren. In den späten 1960er Jahren wurde ihre Arbeit völlig abstrakt. Sie beschrieb die Jahre 1969-1973 als „ein intensives fünfjähriges Abenteuer in der weichen Skulptur“. Die Installation Hôtel du Pavot, Chambre 202 ist ein Beispiel dafür.
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Zu ihren späteren künstlerischen Aktivitäten gehörten auch Druckgrafik und das Schreiben von Kurzgeschichten und Gedichten. Von besonderem Interesse sind ihre 1986 und 2001 veröffentlichten Memoiren Birthday und Between Lives: An Artist and Her World. Tanning arbeitete und publizierte bis zu ihrem Tod im Jahr 2012. Sie war 101 Jahre alt und hatte gerade ihre zweite Gedichtsammlung mit dem Titel Coming to That veröffentlicht, als sie in ihrer Wohnung in Manhattan starb.
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Heute ist Dorothea Tanning dafür bekannt, den Surrealismus neu gestaltet und eine weibliche Perspektive in die Erforschung des Unbewussten eingebracht zu haben. Interessiert an den Grenzbereichen zwischen Fantasie und Realität entwickelte sie aus der Tradition des Surrealismus heraus ihre eigene Bildsprache. Wie sie 1970 in einem Interview mit Alain Jouffroy beschrieb, war es ihr Ziel, „den Moment festzuhalten, ihn mit all seinen komplexen Identitäten zu akzeptieren“.
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