Am Beginn der italienischen Renaissance etablierten sich Porträts von Adligen und bedeutenden Personen als eines der am höchsten angesehenen künstlichen Genres. Zu verdanken war dies vor allem Sandro Botticelli, einem visionären Maler, der den neuen Trend quasi aus der Taufe hob. Botticelli genoss ein hohes Ansehen bei den bedeutendsten Mäzenen seiner Zeit und schuf einige der berühmtesten Porträts der Kunstgeschichte, von denen heute nur noch ein Dutzend existiert, und die beinahe alle in bedeutenden Museen hängen.
Lesen Sie auch: Eines der letzten Botticelli-Porträts in Privatbesitz wird versteigert

Eines dieser Werke, Porträt eines jungen Mannes mit Rundbild, hat nun den Auktionsmarkt erreicht und wird im Januar 2021 im Zuge der Masters Week von Sotheby’s in New York versteigert werden. Der Schätzpreis von rund 80 Millionen USD katapultiert das Gemälde in die oberste Liga der jemals auf einer Auktion angebotenen Porträts, wo sich Gustav Klimts Porträt der Adele Bloch-Bauer II (verkauft 2006 für 87,9 Millionen USD), und Vincent van Goghs Porträt des Dr. Gachet (verkauft 1990 für 82,5 Millionen USD) bereits tummeln.
Christopher Apostle, Leiter der Abteilung für Gemälde Alter Meister bei Sotheby’s in New York, sagt:
Es geschieht durch seine Porträts… dass Botticelli das Fenster zur Welt der Renaissance in Florenz am weitesten öffnet – und nirgendwo mehr als mit „Junger Mann mit Rundbild“, ein Gemälde, das die intellektuellen, höfischen und humanistischen Tugenden, die die italienische Renaissance ausmachen, einfängt.

Das Gemälde, vermutlich zwischen 1470 und 1480 entstanden, stellt eine gemalte Synthese der Ideale der Renaissance in Florenz dar, die von einer humanistischen Dimension und einer erneuerten Bedeutung des Individuums getragen wurde. Botticelli gehörte zu den ersten, die mit der Tradition des „Profilporträts“ brachen und sich in Allegorien und kontemplativen Werken versuchte. Die Qualität von Porträt eines jungen Mannes mit Rundbild ist mit der von einigen der signifikantesten Porträts von Botticelli vergleichbar, die sich heute in Museen befinden, darunter Porträt eines Mannes mit Medaille von Cosimo dem Älteren (Uffizien, Florenz) und Porträt des Giuliano de’ Medici (National Gallery, Washington, D.C.).
Bei dem Rundbild in den Händen des jungen Mannes handelt es sich um ein reales Kunstwerk des 14. Jahrhunderts, das dem Maler Bartolomeo Bulgarini aus Siena zugeschrieben wird. Warum ausgerechnet dieses spezielle Kunstwerk abgebildet wurde, muss noch geklärt werden, allerdings könnte es dabei helfen, herauszufinden, wer der junge Edelmann ist, der es so stolz präsentiert. Einige Forscher meinen, dass es sich um ein Mitglied der Medici-Familie handeln müsse, deren Mitglieder Botticelli wiederholt verewigte. Lorenzo der Prächtige war schließlich einer der größten Förderer.
Lesen Sie auch: Der Einfluss der Medici auf das Florenz der Renaissance
Röntgen- und Infrarotanalysen enthüllten die Linien, Strukturen und Kreise, die von Botticelli vorab gezeichnet worden waren, und die es ihm erlaubten, die Position seines Modells während der Ausarbeitung seiner Komposition zu eruieren. Die erste Zeichnung unterscheidet sich von der finalen Version in vielerlei Hinsicht, was typisch ist für Botticelli, der, immer auf der Suche nach dem Ideal, das sein Werk charakterisieren sollte, alles kontinuierlich überarbeitete.

Dies ist ein Gemälde, das die normalen Grenzen der altmeisterlichen Malerei überschreitet und eines der am besten erhaltenen, exquisitesten Porträts der klassischen Renaissance darstellt, das zu besitzen man sich nur wünschen kann.
In den 1930er Jahren war das Porträt als Teil der Sammlung von Lord Newborough in Caernarvon, Wales gelistet worden. Erworben hat es angeblich der damals in der Toskana lebende Sir Thomas Wynn. Um 1935/38 war das Porträt von einem Londoner Händler an einen privaten Sammler verkauft worden, dessen Erben es 1982 für 810.000 GBP an den aktuellen Eigentümer weiterverkauften.
In den letzten 50 Jahren hing das Gemälde als Leihgabe in der National Gallery in London, im Metropolitan Museum of Art in New York und in der National Gallery of Art in Washington, D.C. Ebenso war es Teil von bedeutenden Ausstellungen in der Royal Academy und im Städel Museum in Frankfurt am Main.

Sotheby’s beschreibt das Gemälde als „das ultimative Renaissance-Porträt“, eines der bedeutendsten dieser Epoche, das sich in Privatbesitz befindet. Mit einem Schätzpreis von 80 Millionen USD dürfte ein neuer Auktionsrekord für Botticelli schon jetzt sicher sein, liegt der aktuelle doch gerade einmal bei 10,4 Millionen USD, die im Januar 2013 für Jungfrau mit Kind und dem Johannesknabe (auch bekannt als die Rockefeller Madonna) gezahlt worden waren.
Weitere News aus der Auktionswelt finden Sie in unserem Magazin.

