Anfang des 20. Jahrhunderts ließ der dänische Unternehmer und Philanthrop Johannes Hage auf seinem Gut in Nivå nördlich von Kopenhagen ein Kunstmuseum errichten. 1908 übergab er die Sammlung, die Werke der italienischen Renaissance, des niederländischen Barock und des Goldenen Zeitalters der dänischen Malerei (erste Hälfte des 19. Jahrhunderts) umfasst, als Stiftung der Öffentlichkeit. Seit der ersten Stunde kann auch das 1626 in Öl auf Leinwand ausgeführte Doppelporträt Porträt eines Vaters mit seinem Sohn des flämischen Malers Cornelis de Vos (1584-1651) in der Nivaagaards Malerisamling bewundert werden.

Im Zuge eines Forschungsprojekts zur niederländischen Barocksammlung des Museums nahmen der Museumsfachberater Prof. Dr. Jørgen Wadum und die niederländische Kunsthistorikerin Dr. Angela Jager vom RKD (Niederländisches Institut für Kunstgeschichte) im vergangenen Jahr auch das Werk von Cornelis de Vos unter die Lupe, denn die untere rechte Bildecke erschien vielversprechend: Reste eines schwarzen Kleides deuteten darauf hin, dass das Gemälde ursprünglich nicht nur zwei, sondern drei Personen umfasste. Bei der dritten Person musste es sich um die Ehefrau bzw. Mutter der beiden männlichen Protagonisten handeln.

Den ersten Hinweis lieferte ein Konservierungsbericht des Statens Museum for Kunst (Dänische Nationalgalerie) aus dem Jahr 1966, dem eine Fotografie beilag, welche das Gemälde ohne Rahmen und in gereinigtem Zustand zeigte. Auf dem Foto war gut zu erkennen, dass auf der rechten Bildseite ursprünglich nicht nur ein Teil des Kleides, sondern auch die beringte Hand der Frau zu sehen war, die, aus einem mit einer feinen Spitzenmanschette verzierten Ärmel herausschauend, ein Paar elegante Handschuhe hält.

Auf dieser Grundlage wurde die Suche fortgesetzt. Als das erfolgreiche Ende der Suche konnte schließlich ein Damenporträt von Cornelis de Vos identifiziert werden, das 2014 in ungereinigtem Zustand bei Christie’s versteigert wurde. Dazu Jørgen Wadum in einer Pressemitteilung der Nivaagaards Malerisamling: „Zunächst suchten wir – vor dem Hintergrund des schwarz gestreiften Satinrocks, der in der unteren rechten Ecke des Gemäldes schwach sichtbar ist – nach Vergleichen zwischen allen sitzenden Frauen in de Vos' Œuvre, und hier tauchten Dutzende von Frauen in den Archiven des RKD und des Getty Research Institute auf. Wir hatten daher eine gute Vorstellung davon, wie die vermisste Frau aussehen könnte. Aber erst als ich „Porträt einer Frau“ googelte, fand ich sie. Und es kam völlig unerwartet! Das Porträt einer Frau von Cornelis de Vos erschien als Illustration für ein Interview mit dem niederländischen Kunsthändler Salomon Lilian, das 2016 online im CODART eZine veröffentlicht wurde. 2014 tauchte die de Vos-Frau mit dunkelbraunem Hintergrund auf einer Auktion auf, aber glücklicherweise ließ Lilian das Gemälde restaurieren – sonst hätten wir womöglich die Verbindung zu unserem Doppelportrait übersehen.“

Dank einer Spende der Ny Carlsberg Foundation konnte das Damenporträt erworben und mit dem Doppelporträt im Museum in Nivå vereint werden. Die Trennung war vermutlich zwischen 1830 und 1859 erfolgt, wahrscheinlich nach einer Beschädigung, aufgrund der das ursprüngliche Familienporträt aufgeteilt und das dadurch entstandene Einzelporträt der Dame zusätzlich gekürzt wurde.
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Als nächstes möchte das Forscherteam herausfinden, um wen es sich bei der so glücklich wiedervereinten Familie handelte. Cornelis de Vos zählte seinerzeit zu den renommiertesten und gefragtesten Porträtmaler Antwerpens, von dem sich so manches Mitglied des gehobenen Bürgertums gerne malen ließ.
Tipp: Wenn Sie von Kopenhagen zum Museum in Nivå fahren, halten Sie unterwegs auch in Rungsted und besuchen Sie das Karen Blixen Museum.
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