Mit großen Erwartungen blickte die Kunstwelt am 29. Juni nach London, wo Sotheby’s im Zuge seines Modern & Contemporary Art Evening Sales ein spätes Meisterwerk des russischen Künstlers Wassily Kandinsky anbot. Tensions calmées war eines der bedeutendsten Werke Kandinskys, das in den letzten zehn Jahren den Auktionsmarkt erreicht hat. Mit einem Schätzpreis von 18-25 Millionen GBP (ca. 21-29 Millionen Euro) kam Tensions calmées zum Aufruf und nach einer eher kurzen Gebotsabgabe fiel der Hammer bereits bei 18,3 Millionen GBP (21,2 Millionen GBP inkl. Aufgeld). Kein neuer Rekord, aber ein solides Ergebnis.
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Tensions calmées war 1937 entstanden, als sich Wassily Kandinsky zusammen mit seiner zweiten Ehefrau Nina in Frankreich niedergelassen hatte. Vier Jahre zuvor hatten sie Deutschland, in dem die Nationalsozialisten die Macht übernommen hatten, den Rücken gekehrt. Eine neue Bleibe fanden sie im sechsten Stock eines Neubaus in Neuilly-sur-Seine bei Paris, deren große Fenster einen Ausblick auf die Seine und eine hügelige Landschaft boten. Die einzigartigen Lichtverhältnisse, die er außerdem vorfand, ließen Kandinsky schon bald darauf wieder zum Pinsel greifen – und etwas Neues schaffen.
Die von geometrischen Kompostionen seiner Bauhaus-Jahre, veränderten sich, erhielten Ergänzungen durch biomorphe Formen. Nach wie vor stand die Synästhesie von Kunst und Musik im Mittelpunkt, mit der sich Kandinsky seit den 1910er Jahren beschäftige.

Den Anstoß zu dieser für die Entwicklung der abstrakten Malerei so wichtigen Vorgehensweise gab ein Konzert, das Kandinsky im Januar 1911 mit Freunden von der Neuen Künstlervereinigung München besuchte. Arnold Schönberg stand auf dem Programm, ein Komponist, der das neue Konzept einer freien Tonalität vertrat. Kandinsky und Schönberg freunden sich an und Kandinsky verarbeitete den nachhaltigen Eindruck, den das Musikerlebnis bei ihm hinterlassen hatte, mit Impression III (Konzert). In Schönberg hatte Kandinsky einen Seelenverwandten gefunden, der seine Auffassung von Kunst teilte und ihm zur wichtigen Inspirationsquelle hinsichtlich des Umgangs mit Farben wurde.
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In Paris fügte er Geometrie und Synästhesie sein seit langem bestehendes Interesse an der Biologie, insbesondere die Entstehung der Arten, hinzu. Kandinsky wollte jeden „seelischen“ Aspekt des Lebens verarbeiten und hatte auch nie einen Zweifel daran, dass es jede der von ihm gemalten Formen, und sei sie auch noch so abstrakt, in der Natur bereits existieren könnte.

Bilder, die seine Fantasie beflügelten, fand Kandinsky in Büchern wie Kunstformen der Natur des Mediziners und Zoologen Ernst Haeckel und Urformen der Kunst des Fotografen Karl Blossfeldt. Den letzten Anstoß, die darin angetroffenen Formen in seinen Gemälden zu verarbeiten, scheint ein Aufenthalt Wassily und Nina Kandinsky an der Küste der Normandie im Sommer 1934 gewesen zu sein, als er den Kleinstlebewesen, die den Strand und den Meeresboden bevölkern, gewissermaßen Auge in Auge gegenüberstand.

Zurück in Neuilly-sur-Seine entstehen in dem zum Atelier umfunktionierten Wohnzimmer der Kandinskys nun jene Art von Gemälden wie Tensions calmées und Noir bigarré. Letzteres, gemalt im Jahr 1935, wurde bei Christie’s am 30. Juni für 8,85 Millionen GBP (ca. 10,3 Millionen Euro) versteigert.

Bemerkenswert ist auch die neue Farbpalette mit zarten Tönen, die der schwarze Hintergrund zum Leuchten und die organischen Formen in einem sonst leeren Raum, in dem jedoch, wie in der Natur, alles miteinander verbunden ist, zum Schweben bringt.
Vielleicht haben diese beiden Werke aus Wassily Kandinskys späten Jahren in Paris mit ihren Auktionsergebnissen nicht unbedingt für Schnappatmung gesorgt, doch sind sie wunderbare Beispiele für die nie enden wollende Fähigkeit eines visionären Künstlers, jeden Einfluss, der ihn umgab, zu absorbieren und in seinen Werken auf nie dagewesene Weise umzusetzen.




