Der Kubismus war von der Erkenntnis inspiriert, dass selbst fotorealistische Kunst nicht in der Lage ist, das Leben, so wie es ist, darzustellen. Der Mensch nimmt seine Umwelt nicht nur als räumliche Dreidimensionalität wahr, sondern zieht noch eine vierte Dimension hinzu - die Zeit.
1907 wurde Pablo Picasso mit seinem Gemälde Les Demoiselles d'Avignon der erste Künstler, der diese reale, vierdimensionale Kunstform auf die Leinwand brachte. Zwar ist dieses Gemälde mit fünf weiblichen Akten weniger kubistisch als Picassos spätere kubistische Werke, dennoch ist es eine Demonstration der vier grundlegenden Elemente, die den Stil definieren: Abflachung der Bildebene, Reduktion des Motivs auf geometrische Formen, eine begrenzte Farbpalette und vor allem ein Motiv, das aus mehreren Perspektiven gleichzeitig in wechselnder Beleuchtung dargestellt wird, um einen Zeitablauf zu suggerieren. Der Kunsthistoriker Douglas Cooper gab an, dass die Demoiselles aus drei Gründen das logische Gemälde für den Auftakt zum Kubismus sei: weil es die Geburt einer neuen Bildsprache markierte, weil Picasso brutal mit etablierten Konventionen brach, und weil alles, was folgte, darin seinen Ursprung hatte.
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Auch wenn Picasso zu Recht als Erfinder des Kubismus betrachtet werden kann, so arbeitete er jedoch nicht in einem Vakuum. Eine enge Zusammenarbeit verband ihn mit Georges Braque, der ebenfalls so manchen kubistischen Durchbruch für sich verzeichnen kann. Den alleinigen Anspruch auf alles hat in Wahrheit niemand. Picasso und Braque wurden vom Post-Impressionismus inspiriert, der als erstes mit den Elementen der Kunst gebrochen hatte, um deren individuelle ästhetische Funktionen zu bewerten.
1886 hatten Georges Seurat und Paul Signac den Pointillismus eingeführt, mit dem sie demonstrierten, dass nebeneinander gesetzte Farbtupfer auf einer Leinwand die Leuchtkraft mehr hervorzuheben vermag, als das Vermischen von Farben. Das Vermischen sollte erst im Auge des Betrachters erfolgen. Etwa zeitgleich verabschiedete sich Paul Cézanne von der Tiefe, indem er seine Gemälde verflachte und die Idee von Vorder- und Hintergrund verschob. In vielen späteren Werken Cézannes scheint jedes Element so wichtig zu sein wie das andere, und viele haben bereits den Charakter vereinfachter geometrischer Formen.
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Picasso und Braque griffen solche Entdeckungen auf, reduzierten die Farben, Formen und Räume zu deren reinsten Essenzen. In Gemälden wie Braques Violon et Bougie (1910) und Picassos Ma Jolie (1911) sind die Objekte aus verschiedenen Blickwinkeln und in verschiedenen Lichtverhältnissen wiedergegeben. Jedem Elemet wird die gleiche Bedeutung beigemessen. Die Elemente sind nicht der Zeit voraus zu einem kohäsivem Bild vermischt. Vielmehr sind sie nebeneinander auf der Leinwand platziert, um so erst "im Kopf" vermischt zu werden.

Der Begriff Kubismus wurde vom Kunstkritiker Louis Vauxcelles geprägt, der darüber spottete, was Picasso und Braque da wohl taten, und bemerke, ihre Gemälde seien voller "kleiner Würfel" (frz. cubes). Der Begriff hatte bestand und viele andere Maler ließen sich von seinem Geist inspirieren. Bereits 1911 gab es genügend kubistische Maler, sodass die Bewegung im Pariser Salon des Indépendants eine erste wichtige Ausstellung bestücken konnte. Mit dabei waren u.a. Werke von Albert Gleizes, Jean Metzinger, Marie Laurencin, Robert Delaunay und Sonia Delaunay. Ironischerweise nahmen die Begründer des Kubismus, Picasso und Braque, nicht daran teil. Sie waren bereits mit ihrem nächsten Experiment beschäftigt - dem Synthetischen Kubismus.

Sie wollten eine höhere Ebene der Realität erreichen, indem sie Kunst mit Elementen der wirkliche Welt mischten. Braque unternahem 1911 den ersten Versuch, indem in sein Gemälde Le Portugais den Text einer Werbeanzeige einsetzte. Aus seinem eigentlichen Kontext entfernt, war der Text den übrigen Teilen des Bildes gleichgestellt. Die Worte wurden zu abstrakten Symbolen, entwurzelt in ihrer klaren Aussage. Picassos nächstes Projekt war 1912 Nature morte la chaise cannée - ein Stilleben mit kubistisch dargestellten Speisen, Getränken und einer Zeitung. Jedoch hatte Picasso etwas Rohrgeflecht eines echten Stuhls in das Bild geklebt, wodurch es zur ersten Collage wurde.

Dann ging wieder Braque noch einen Schritt weiter, indem er seinen Farben Sand beimischte, um realistischere Texturen zu erhalten. So nahm das Experimentieren seinen Lauf. Mit der Zeit bezeichnete man die Anfänge des Kubismus als Analytischen Kubismus, da der Stil in akademischen Ideen wurzelte. Die spätere Phase erhielt die Bezeichnung Synthetischer Kubismus, da er Elemente der realen Welt mit den Illusionen der Kunst zu verbinden verstand.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gaben sowohl Braque als auch Picasso den Kubismus vollständig auf, nahmen sich der figürlichen Kunst wieder an verfolgen unterschiedliche Stile. Doch der Kubismus hatte bereits auf der ganzen Welt eine ästhetische Revolution ausgelöst, die die Arbeit von Künstlern wie Marcel Duchamp, Piet Mondrian, Georgia O'Keeffe und Jackson Pollock beeinflusste. Seine Ideen und Techniken finden sich in vielen weiteren Kunstbewegungen, darunter Dadaismus, Surrealismus, Assemblage und Pop Art.
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Es ist schon blanke Ironie, dass der Kubismus oft als erste abstrakte Kunstbewegung betrachtet wird, war sein Ziel doch die Umsetzung einer Über-Realität. Tatsächlich war der Kubismus ein bedeutender Antrieb für die Entwicklung der Abstraktion, da er Künstler und Betrachter dazu animierte, den Prozess des Kunstschaffens auf konzeptuelle Weise zu sehen.
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