Zu den Top-Losen der Auktion mit Gemälden und Skulpturen, die Bruun Rasmussen am 8. März in Kopenhagen präsentierte, gehörte auch ein Werk der dänischen Malerin Gerda Wegener aus dem Jahr 1924, das mit einem Schätzpreis von 400.000-500.000 DKK (ca. 54.000-67.000 Euro) zum Aufruf kam.
Dargestellt ist Wegeners Muse und Wegbegleiterin Lili Elbe, die, nur mit Seidenpantoffeln bekleidet, auf einem gepolstertem Stuhl im Rokokostil Platz genommen hat. Die Pose erinnert an Die große Odaliske von Ingres aus dem Jahr 1814. Doch statt wie jene Schöne den Betrachter direkt anzublicken, ist Lili Elbe vollkommen in die Betrachtung eines Fächers versunken, den sie in der Hand hält. Ihr im Stil der Zeit geschminktes Gesicht ist dadurch nur im Profil zu sehen. Les grandes chaleurs („Die große Hitze“) ist rückseitig als Titel auf dem Spannrahmen vermerkt und die geschlossenen Fensterläden vor einem offenen Fenster im Hintergrund erinnern an einen lauen Sommerabend, an dem man hofft, ein wenig kühlende Luft in die Innenräume locken zu können.

Hinter diesem sinnlichen Porträt steckt jedoch viel mehr, als sich auf den ersten Blick erahnen lässt.
Gerda Wegener, geb. Gottlieb (1886-1940), begann 1902 ein Studium an der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen. Dort lernte sie mit dem vier Jahre älteren Einar Wegener einen Kommilitonen kennen, den sie 1904 heiratete. Dänemark wurde dem Paar jedoch schon bald zu eng, sowohl was die Kunst, als auch die Entfaltung der privaten Lebensgestaltung betraf.
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Gerda und Einar bereisten nach abgeschlossenem Kunststudium Italien und Frankreich, um sich 1912 schließlich in Paris niederzulassen, wo die bisexuell orientierte Gerda als Modeillustratorin für bekannte Zeitschriften wie Vogue und La Vie Parisienne und zunehmend gefragte Porträtmalerin arbeitete und Einar so leben konnte, wie er sich tatsächlich fühlte: als Frau. Ihren zahlreichen Bekannten in der Pariser Kunstszene stellte Gerda ihre Begleitung als Lili Elbe, eine Cousine ihres Mannes, vor.

Lili stellte ihre eigene Karriere als Landschaftsmalerin zurück und wurde zu Gerdas bevorzugtem Modell, das in zahlreichen ihrer Gemälde mit femmes fatales der Art déco-Ära zu sehen ist. So auch in dem vorliegenden Werk, mit dem Bruun Rasmussen einen neuen Auktionsrekord für Gerda Rasmussen erzielen konnte: 775.000 DKK (ca. 104.000 Euro).
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„Das Gemälde ist so gut gemacht, dass der Betrachter sofort von den ästhetischen Qualitäten und schönen Details des Bildes gefangen genommen wird. Das Gender-Thema lässt sich nicht auf Anhieb entschlüsseln, und so hinterfragt die Künstlerin die vorgefassten Meinungen, mit denen wir ein Motiv lesen. Das Wissen, dass das Modell, das wir betrachten, eine Frau ist, die biologisch als Mann geboren wurde, nimmt dem Werk nichts ab. Es funktioniert mit und ohne dieses Wissen – unabhängig von Geschlecht, Vorlieben und Orientierung – und gehört damit zu den besten Werken des Künstlers“, sagte Peter Beck, Experte für Moderne Kunst bei Bruun Rasmussen vorab der Auktion in einer Pressemitteilung.
1930 wagte Lili schließlich als einer der ersten Menschen weltweit den Schritt zu einer Geschlechtsangleichung. Da Ehen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern verboten waren, wurde das Ehegelöbnis zwischen Lili und Gerda nach der ersten Operation, die in Berlin durchgeführt wurde, annulliert und die beiden Frauen gingen getrennte Wege.
Die weiteren Operationen wurden in der Dresdener Frauenklinik durchgeführt, doch kam es nach dem insgesamt vierten Eingriff zu schweren Komplikationen, denen Lili am 12. September 1931 schließlich erlag.

Gerda erfuhr vom Tode Lilis in Marokko, wo sie seit kurzem lebte, nachdem sie nach dem Ende ihrer ersten Ehe überstürzt den um elf Jahre jüngeren italienischen Diplomaten und Offizier Fernando Porta geheiratet hatte. Nur fünf Jahre später ließ Gerda sich wieder scheiden und kehrte in ihre Heimat zurück, wo sie jedoch feststellen musste, dass ihr in den Zwanziger Jahren so gefragte Stil nicht mehr in Mode war. Gerda Wegener starb am 28. Juli 1940 an einem Herzinfarkt.
Die bewegende und mutige Geschichte von Gerda und Lili wurde in jüngerer Zeit einem breiten Publikum durch den Roman The Danish Girl von David Ebershoff bekannt, der 2015 mit Eddie Redmayne als Lili und Alicia Vikander als Gerda erfolgreich verfilmt wurde.
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