Giovanni Antonio Canal, besser bekannt als Canaletto, wurde 1697 in Venedig geboren. In seiner Ausbildungszeit bei seinem Vater Bernardo, ein talentierter und wohlhabender Maler, malte Antonio die Interieurs der venezianischen Theater. Diese "Bühnenerfahrung" sollte einen nachhaltigen Effekt auf den jungen Maler haben, der seine Ansichten der Lagunenstadt mit dem gleichen Sinn für sein visuelles Spektakel ausführen sollte.
Im 18. Jahrhunderten waren Veduten en vogue, ein Kunstgenre, das gleichermaßen realistische als auch pompöse Stadtansichten forderte. Das Ergebnis waren weite Blicke auf die Städte, in denen Menschen lediglich die Rolle zufälliger Statisten einnahmen. Weder vorher noch nachher stand die Stadt an sich in der Kunstgeschichte so stark im Fokus.

Tatsächlich existierte die Vedute schon lange vor Canalettos Ära in der westlichen Kunst. Es war jedoch der Maler aus Venedig, der das Genre auf ein neues Level der Perfektion heben sollte. Außerordentlich talentiert, wurde Canaletto schnell populär, da er es wie kein anderer verstand, spektakuläre Stadtansichten zu schaffen, die mit Detailgenauigkeit und topografischen Details beeindruckten. Vor allem bei den vielen Touristen, die Venedig bereits im 18. Jahrhundert in Scharen bereisten, kamen die Bilder als hochpreisige Souvenirs gut an.

Bis in die 1730er Jahre hinein blieb der Stil Canalettos recht freigeistig. Die Darstellungen des Malers lebten bei aller Detailgenauigkeit von diesem gewissen Hauch einer Fantasie von der idealen Stadt, die er über das beschreibende Element stellte, wie beispielsweise in Die Basiliken San Marco und San Basso (ca. 1722). Heute ist es jedoch vor allem der Detailreichtum, der Canalettos Werke für uns so wertvoll macht, lässt sich anhand ihrer der fortlaufende Verfall der Lagunenstadt oder der steigende Meeresspiegel dokumentieren.
Doch zurück zu Canalettos wohlhabenden Kunden, die es bevorzugten, eine ideale Stadtansicht mit nach Hause zu nehmen. Canaletto kam diesem Wunsch nach, indem er die Realität, da wo es möglich war, ein wenig zurechtstutzte. So stellte er beispielsweise im Hintergrund von Die nördlichen Laguneninseln von San Pietro in Castello aus gesehen (ca. 1725) die dort existierenden Berge größer dar, als sie tatsächlich sind. In Wahrheit sind sie von Venedig lediglich zu erahnen.

Canalettos beste Kundschaft war der englische Adel, dessen junge männliche Mitglieder Venedig auf ihrer Grand Tour besuchten. 1726 bestellte der Duke of Richmond gleich 24 Gemälde. Sechs Jahre später folgte der Duke of Bedford diesem Beispiel und gab ebenfalls eine größere Bestellung bei Canaletto in Auftrag. Sogar König George III. wurde einer seiner Kunden.

In den 1730er Jahren veränderte sich Canalettos Stil vom idealen zum durch und durch realen Stadtbild. Seine Bilder waren so detailverliebt, dass sie als offizielle Repräsentanten Venedigs herangezogen wurden. Außerdem traf er den Kunsthändler Joseph Smith, der sein Agent wurde, wodurch die Nachfrage nach seinen Werken nochmals anstieg. Canaletto sah sich nun genötigt, seine Werke wieder und wieder zu kopieren.
1746 machten sich die Auswirkungen des Österreichischen Erbfolgekrieges auch in Venedig bemerkbar. Weniger Touristen kamen in die Lagunenstadt, weshalb Canaletto beschloss, England zu besuchen. Die Reise war zunächst kein großer Erfolg, stattdessen sah sich der Künstler aus Venedig wiederholt in Konflikte verwickelt, die in seinem Talent und seinem starken Charakter begründet lagen.

Der Erbfolgekrieg endete 1748 und bestätigte Kaisertochter Maria Theresia als Nachfolgerin ihres Vaters Kaiser Karl VI. Canaletto kehrte jedoch erst 1755 in seine Heimatstadt zurück. Sein Aufenthalt in England war letztendlich doch erfolgreich gewesen: er konnte den Duke of Richmond als Mäzen gewinnen und seine Ansichten Londons gehören zu den besten der englischen Hauptstadt im 18. Jahrhundert. Jetzt, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, ließ er seiner Fantasie gerne freien Lauf, und schuf Capricen, also Stadtansichten mit frei erfundenen Gebäuden.
Trotz Canalettos enormer Popularität gelang es ihm erst 1763 in die Akademie Venedigs aufgenommen zu werden, deren Mitglieder die Vedute als eher minderwertiges Genre betrachteten. Fünf Jahre konnte sich über die späte Anerkennung freuen, bis er 1768 im Alter von 70 Jahren in seiner Geburtsstadt starb.

Werfen wir nun noch einen schnellen Blick auf Canalettos Neffen Bernardo Bellotto und seinen Nachfolger Francesco Guardi. Beide Künstler betätigten sich als Vedutenmaler, wobei Bellotto auf Realismus und Guardi mehr auf verträumte Ansichten setzte.

Bernardo Bellotto verwendete übrigens ebenfalls den Künstlernamen Canaletto. Er hatte bei seinem Onkel in Venedig gelernt, ist heute jedoch vor allem für seine Werke Wien, vom Belvedere aus gesehen (1758-61) und Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustusbrücke (1748) bekannt.


